12 Stunden Vilnius – Eindrücke und Tipps für eine wunderbare Stadt

Jetzt verstehe ich, was meine Mitbewohnerinnen meinten, als sie sagten, Kaunas sei doch etwas langweilig. Ein Ausflug nach Vilnius kann die Sicht deutlich verändern…

Für einen Ausflug mit dem Bus lohnt es sich auf alle Fälle, sich als Student auszugeben. Der reguläre Tarif für den Bus nach Vilnius beträgt zwischen 5.50 Euro und 6 Euro, als Student spart man ganze 3 Euro. Dabei musste ich außerdem die Erfahrung machen, dass es günstiger ist das Ticket direkt im Bus zu erwerben, nicht an der Kasse, da die Busfahrer in der Regel weniger streng mit der Kontrolle des Freiwilligenausweises, meines vermeintlichen Studentenausweises, sind.

Eineinhalb Stunden dauerte die Fahrt zwischen den beiden größten Städten Litauens, doch die Busse sind bequem und es gibt freies W-Lan. Die Busstation liegt sehr zentrumsnah, fast neben dem Bahnhof. Der Zug nach Vilnius soll ebenfalls sehr bequem sein, kostet aber ein bis zwei Euro mehr als der Bus und zu mindestens in Kaunas liegt der Hauptbahnhof nicht gerade zentrumsnah.

Nur wenige hundert Meter vom Busbahnhof entfernt liegt also schon ein erstes Ziel, der Hales-Turgus. Diese Markthalle lohnt sich für alle, die entweder etwas Günstiges zum Anziehen brauchen oder einfach mal in die Einkaufswelt der litauischen Küche schnuppern wollen. In dem Gebäude vom Anfang des letzten Jahrhunderts findet sich neben einem großen Bereich für Klamotten, eine große Anzahl an Fleischhändlern. Es werden aber auch Gemüse, Obst, Trockenfrüchte, Nüsse und Honig verkauft. img_20161005_074539

Ich liebe Honig, in allen Sorten, daher habe ich mich sehr über die gute Auswahl gefreut. Sogar Blütenpollen aus regionalen Bezugsquellen sind hier erhältlich.  Auch für einen kleinen Imbiss ist die Markthalle geeignet, denn in den Seitenflügeln finden sich kleine Cafés und Bistros, zum Beispiel der Bagelladen „Beigelistai“.

Den Gassen der Stadt folgend, durch die „Arkliu gatve“, gelangt man zum majestätischen Rathausplatz. Hier kann man sich erst einmal eine Karte für die weitere Stadterkundung aus der Touristeninformation besorgen, um dann links des Rathauses die „deutsche Straße“, eine kurze Prachtstraße zu bewundern.  Letztendlich sollte man aber den Rathausplatz weiter hinunter in Richtung „Pillies gatve“.

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In dieser Strasse werden alle Souvenirjaeger fündig, auch wenn die viele der Souvenirs hier doch recht kitschig sind. Wer etwas Besonderes sucht, dem empfehle ich einen kleinen Laden in einem Hinterhof der Pillies, wo es mit Pflanzenfarben gefärbtes Handwerk gibt. 6 Künstler bieten dort Taschen, Kleidung, Keramik oder auch Postkarten und Naturkosmetik an.

Wer eher künstlerisch-alternativ veranlagt ist, dem empfehle ich unbedingt einen Abstecher in das Künstlerviertel „Uzupis“, rechts der Pillies zu machen. Hinter einem kleinen Fluss liegt dieses Viertel mit einer sehr spannenden Geschichte: Nach dem  Ende des Stadtbezirks  als traditionell jüdisches Viertel (im Holocaust kam ein Großteil der dort lebenden Juden um), wurde das Viertel in Sowjetzeiten vernachlässigt und von  Kriminellen, Obdachlosen und Prostituierten besetzt. Das änderte sich mit dem politischen Umschwung der 1990-er vollkommen, Künstler machten Uzupis zu ihrer neuen Heimat. Galerien und Cafés wurden eröffnet. Und die Spaß-Republik Uzupis wurde eröffnet, das heißt das Viertel gab sich eine eigene „Verfassung“ mit 41 scherzhaften Artikeln.

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Geht man die Pillies gatve ganz hinunter bis zur nächst größeren Straße, blickt man auf den Kathedralsplatz mit dem Großfürstenpalast und dem Gedimo-Turm im Hintergrund auf einem Hügel. Im Gedimo-Turm befindet sich ein Museum ebenso wie im Palast. Der Gedimo-Turm muss über eine steile, sich um den Hügel windenden Kopfsteinpflasterstraße erreicht werden. Von dort oben hat man eine grandiose Übersicht über Kaunas; von der Burg die einmal hier oben stand ist leider nicht mehr so viel da, lediglich der gotische Turm und einige Mauerreste.

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Beeindruckender ist der Großfürstenpalast, genauer gesagt seine, scharf kritisierte sehr kostenaufwendige Rekonstruktion. Um alles moeglichst originalgetreu auszustatten, hat man Millionen aufgewendet und Kunst, Antiquitäten und historische Einrichtungsgegenstände von überall her eingekauft. Der Palst ist archäologisches Museum, dient aber auch als Ort für repräsentative Veranstaltungen, wie z.B. ein Botschaftsempfang 😉

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Gesehen haben sollte man auch die Kathedrale, nicht nur von außen, denn ihr Äußeres unterscheidet sich interessanterweise sehr vom Inneren: Sie ähnelt mehr einem griechischen Tempel von außen und ist nicht sofort als Kathedrale erkennbar. Der Glockenturm befindet sich als eigenständiges Gebäude etwa 30m vor der Kathedrale und ist nicht zusammen mit dem Hauptgebäude gebaut wurden.img_20161004_114911

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Im Inneren findet sich zwar ein ähnlicher Architekturstil, aber die Kathedrale macht nun mehr den Eindruck eines Gotteshauses. Zahlreiche Gemälde schmücken die Wände und zwei prächtige Kapellen sind zu besichtigen. Die Kathedrale war Ort der Krönung für litauische Großfürsten und es wird spekuliert, ob die Krypta unter der Kathedrale letzte Ruhestätte des Großfürsten Vytautas (wichtige litauische Persönlichkeit, siehe  Seite für Geschichte) war.

Für die Mittagszeit lohnt es sich in jedem Fall Essenzugehen, viele Restaurants haben Mittagsangebote. Die Auswahl ist groß und vielfältig, so wie die Stadt selber. Es finden sich asiatische, verschiedenste europäische und litauische Restaurants, sowie die natürlich überall vertretenen Anbieter von Kettencafés bzw. –Restaurants (mit Ernüchterung musste ich feststellen, dass zumindestens in Kaunas das Restaurantangebot maßgeblich aus litauischen Ketten besteht, die auf den ersten Blick nicht den Anschein als solche machen; Taverna Buon giorno, PJazz, La Crepe, Radharane und Co gibt es nicht nur hier; sehr schade…). Schaut man aber in Seitengassen finden sich nette Bistros. Geeignet Straßen für die Essenssuche sind meiner Meinung nach z.B. die sehr versteckte Stikliu-gatve und alle umliegenden Gässchen und das Viertel Uzupis. Wer mehr Mainstream will, sollte sich in Richtung „Gedimo prospektas“ orientieren, einer breiten Straße mit außerdem  vielen Optionen um Shoppen zu gehen.

Entdecken sollte man auch noch das Viertel rund um den schon fast stadtähnlichen Universitätskomplex. Die Universität existiert bereits seit dem 16. Jahrhundert und ist im Bau sehr beeindruckend, mit  ihren zahlreichen kleinen Innenhöfen. Es gibt zwölf Fakultäten an der Uni heute, davon liegen aber lediglich vier in Stadtzentrum, während die anderen Fakultäten mittlerweile ausgelagert sind. Die Universität hat z.B. eine eigene Kirche, eine riesige, historisch-wertvolle (fast 200.000 Bücher aus der Zeit vor 1800!!!) Bibliothek.

Sehr lohnenswert scheint auch das Museum für den Genozid in der Sowjetzeit zu sein, nur leider hat es Montags und Dienstags geschlossen, so, dass ich zu mindestens nicht dazu kam es mir anzusehen. Es befindet sich im ehemaligen KGB-Gebäude direkt am Gedimo prospektas.

Jetzt im Herbst (und später im Winter..) ist es aber auch nett, in eines der vielen Cafés zu gehen und einmal die litauischen Backkünste auszukosten. Patisserie und Konditorei  ist hier weit verbreitet, fast als wäre man in Frankreich, ganz im Gegensatz zu dem üblichem Angebot einer deutschen Bäckerei, denn qualitativ hochwertiges Brot und Brötchen sind schwer auffindbar.. Bezahlt wird bei Kuchen übrigens oft nach Kilopreis, so ist es manchmal schwer den Preis für ein Stück Kuchen abzuschätzen. Bezahlt werden kann, und das ist hier wirklich weit verbreitet in allen Branchen, jede kleinste Kleinigkeit mit EC-Karte und Pin. Und während draußen der erste Herbststurm tobt, kann man die Wärme drinnen umso mehr genießen…

Die letzten Busse aus der Stadt fahren um ca. 21 Uhr, dass heißt, im Optimalfall kann man einen zwölf Stunden-Aufenthalt in Vilnius schaffen und viel erleben! Die Stadt bietet aber natürlich Mehr, wer will kann Tage in Vilnius verbringen und hat noch nicht alles gesehen…

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