Sternenstunden

Mein letzter Schulausflug ist schon eine Weile her. Damals war ich mit meiner Klasse Grillen, am Elbstrand, ganze 15 km von der Schule entfernt. Kulturelles Programm, geschweige denn eine Kursfahrt über mehrere Tage waren aufgrund der vertrackten Lage im niedersächsischem Schulsystem während meiner Zeit in der Oberstufe nicht möglich.

Beim Schulausflug jetzt habe ich sozusagen „die Seiten gewechselt“. In der exklusiven Rolle einer Autoritätsperson darf ich jetzt die 7. Klassen des Jesuitengymnasiums auf ihrem Ausflug in den Nordosten Litauens begleiten. Ein Bus wird uns den ganzen Tag durch die Region um Moletai kutschieren, von einem Aussichtspunkt zum Nächsten, von einem Museum zum Anderen…

Glücklicherweise hat uns der Herbst diesen Samstag noch einmal eine seiner schönsten Seiten geschenkt; bei blauem Himmel und strahlender Sonne fahren wir los. Zunächst immer entlang der Neris, bis nach Jonava (nordöstlich von Kaunas), wo die Neris einen Knick nach Süden macht und wir weiter der Autobahn folgen. Im Bus ist es, und das ist bei 40 Siebtklässlern ja nur allzu verständlich, laut wie in der Bahnhofshalle. Unterschiede zu einer 7. Klasse in Deutschland gibt es wohl nicht. Der selbe Mix von Musikgenres, die gleichen pubertierenden Verhaltensweisen 😉 . Mit einem Platz in erster Sitzreihe und der großartigen Aussicht lässt sich der Trubel aber mit Gelassenheit betrachten.

Erster Halt ist der Burghügel in Ukmerge, den wir kurz erklimmen und dann ganz schnell wieder in den Bus einsteigen müssen, wie es unsere resolute Reiseleiterin verlangt.

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Die Fahrt geht weiter, nun in die Nähe von Moletai, zu einem Jagd- und Fischereimuseum. . Wir fahren nun durch ein Gebiet verschiedener Naturschutzgebiet. Die Natur ist von sanften Hügeln, dichten Wäldern und über 230 Seen geprägt. Gerade jetzt im Herbst, die Blätterfärbung ist im vollen Gang und alles leuchtet in Gelb-, Orange- und Rot-Tönen, ist die Nationalparkregion eine Augenweide. Kleine Holzhäuser in bunten Farben und mit gepflegten Gärten erinnern daran, dass auch hier Menschen wohnen, fernab vom Grau der größeren Städte. Ein schöneres Bild von Litauen könnte es für mich nicht geben. Die Landschaft wirkt sehr friedlich.

So auch das Gelände des Museums; in originalgetreuen Nachbauten der traditionellen Fischerhäuser sind die Ausstellung untergebracht. In dieser ruhigen Atmosphäre ist unsere Ausflugsgruppe wie ein Windstoß der über die Idylle hin-wegfährt, Alles kurz aufwirbelt und dann wieder weg ist. Die Führungen sind leider auf Litauisch, Lina versucht mir zu mindestens einen Teil zu übersetzen, was aber natürlich recht schwer ist, so, dass ich mir schließlich alles selber anschaue. Im Jagdmuseum gibt es zahlreiche ausgestopfte Tiere aus allen Teilen der Welt.

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Die Museumsführerin erzählt darüber, wie das Ausstopfen funktioniert und betont vor allem die Erfolge eines litauischen Freizeitjägers, der zahlreiche Exponate nicht nur gestiftet hat, sondern sie auch alle selber präpariert hat. Dass sich darunter etliche geschützte Arten befinden interessiert erst einmal nicht; die Tiere seien ja auch gefährlich, z.B. das Nilpferd.

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Der zweite Teil des Museums dreht sich rund um das Thema Fischerei in der Region. Bis vor ca. 20-30 Jahren hat das Fischen in dieser Region große Bedeutung gehabt und im Museum lassen sich Fischerwerkzeuge aus einfachen Naturmaterialien bewundern.

Das Museum hat keine Informationen auf Englisch, so begnüge ich mich mit visuellen Eindrücken. Als die Ausstellung verlasse gerate ich mitten in eine Folklore-Darstellung: Einige Touristen haben in einer Führung eine traditionelle Fischsuppe zubereitet und bekommen sie nun, mit musikalischer Zugabe serviert.

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Ich schaue mir die Szenerie noch an, da ruft die Reiseleiterin wieder alle zusammen, denn wir müssen weiter. Ja, die Litauer sind den Deutschen in Sachen Pünktlichkeit und Eile gar nicht so unähnlich: Alle Busse sind auf die Minute da, Verabredungen werden pünktlich wahrgenommen und Zeit-Vertrödeln gibt es nicht.

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Nun fahren wir zu einem anderen See, an welchem sich ein kleines Ausflugslokal befindet. Dort wird es Mittagessen geben. Leider ist das Essen nicht vegetarisch, denn es gibt mit Hackfleisch gefüllte Kartoffelpuffer (traditionelle litauische Küche).

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Das Essen kommt bei den Schülern augenscheinlich weniger gut an. Auch in Litauen wird mittlerweile zuhause recht westlich gekocht. Fastfood ist überall zu haben, Nudeln und Pizza sind die absoluten Favoriten der Schüler und die Litauische Küche gilt als zu fettig und mächtig. In den Supermärkten wächst das Angebot an Vegetarier (aber es steht echt noch in den Kinderschuhen…) Litauische Küche hingegen ist von Kartoffeln und viel Fleisch geprägt. Nicht gerade das, was die Siebtklässler hier als ihre Leibspeise betrachten. Auf der Weiterfahrt im Bus handeln sie daher mit den Lehrern einen weiteren Stopp für den Rückweg aus. Für eine halbe Stunde Pause beim Supermarkt Maxima in Moletai nehmen sie gerne eine längere Fahrt und spätere Rückkehr in Kauf 😉

Nach der Mittagspause fahren wir zum ethnokosmologischen Museum in Kulionys . Versteckt im Wald und angeschlossen der Sternwarte der Vilniuser Universität hat es den optimalen Platz für nächtliche Sternenbeobachtungen. Kein Licht stört den Blick ins Weltall.

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Das Museum thematisiert den Umgang der Menschen mit dem Thema Kosmos. Vom heidnischen Glauben an Götter, über die ersten Beobachtungen zum Thema Sonnenstand und Jahreszeiten bis hin zu den heutigen Teleskopen, die uns Einblicke in Milliarden Kilometer entfernte Sternwolken und Galaxien erlauben. Die Zeichen auf alten litauischen Handwerksgegenständen geben Forschern heute zu Beispiel Auskunft darüber, was die „Heiden“ früher über den Kosmos wussten.

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Was auf den ersten Blick nach einer Blume aussieht, offenbart sich auf den zweiten Blick als Beschreibung der Sonnenlaufbahn. Viele Feste im Kalender haben ihren Ursprung bei bestimmten kosmologischen Ereignissen oder heidnischen Sonnenkulten. So z.B. auch der Termin vom heutigen Weihnachten: Wer kann schon genau sagen in welchem Monat Jesus tatsächlich geboren wurde?! So hat man bei der Christianisierung des Römischen Reiches das Weihnachtsfest so terminlich arrangiert, dass es auf einen Tag mit dem Ehrentag des römischen Sonnengottes Sol zusammenfällt (Auch wen das die katholische Kirche abstreitet, aber die zeitliche Überschneidung macht es sehr wahrscheinlich…).

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Die Führung ist auch auf Litauisch, für mich wird wieder ein bisschen übersetzt, aber bei einem Besuch alleine würde ich mir auf alle Fälle die Teilnahme in einer deutschsprachigen Führung sichern.Die Ausstellung ist toll konzipiert: Über eine unterirdische Treppe an der sich links und rechts Ausstellungsräume öffnen, geht es hoch zum Fuß eines großen Turmes. Über eine Treppe mit rund 200 Stufen geht es hoch zu einer verglasten Aussichtsplattform. Von hier aus sieht man 25 km weit in die Ferne und kann die 80m hinunter auf die Seen der Umgebung schauen. Das Museum ist absolut einzigartig was seine Architektur anbelangt, aber auch das Thema „Ethnokosmologie“ ist mir so zuvor noch nie über den Weg gelaufen. Absolut sehenswert!

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Im Anschluss hören wir noch einen Vortrag eines Physikers, auch auf Litauisch.Im Gegensatz zu mir sind die Schüler jetzt total gebannt, denn dem Mann gelingt es, die sonst so desinteressierten Siebtklässler für das Thema Astrophysik zu begeistern. Ich verstehe nur einzelne Worte, lerne ein paar neue Worte ( saulus systemas oder planetas ) und kann den anscheinend wirklich guten Vortrag nicht verfolgen. Aber so ist es nun mal…

Dann gehen wir noch zur richtigen Sternwarte und bekommen gezeigt wie über den Spiegel des Teleskopes das Licht „eingefangen“ wird, in ein elektrisches Signal umgewandelt und schließlich per Computer zu einem Bild verarbeitet wird.

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Die Strenwarte wird einmal im Jahr zum Zentrum für die osteuropäische Astronomie-Forscherszene. Jedes Jahr treffen sich hier Forscher, Studenten und Laien um in der sternenreichsten Nacht des Jahres gemeinsam den Himmel zu beobachten. Drum herum gibt es Vorträge und Veranstaltungen wie z.B. „Sternenpoesie“ oder Diskussionen rund um Kosmos und Philosophie. Diese Nacht war eben einen Tag vor unserem Besuch, bis halb Fünf am Morgen war an der Sternwarte noch Betrieb. Um so beeindruckender, wie es dem Physiker gelingt die Kinder für das doch recht theoretische Thema Astrophysik zu begeistern.

Im Anschluss treten wir die Rückfahrt an, natürlich mit einem Stopp für Chipstüten und Gummibärchen beim Maxima im Moletai 😉

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