Nach über 500 Keksen, 6 weiteren Ländern und fast 300 Freiwilligen an einem Ort

Dies soll nun also mein letzter Blogeintrag werden. Nach so langer Zeit doch noch einmal was. Ich sitze zu Hause, in Hannover, es ist September und ich bin keine Freiwillige mehr. Seit meinem letzten Eintrag sind schon wieder Ewigkeiten vergangen, obwohl ich doch so viel schreiben wollte. Damals hat der Abschied schon angefangen, der Abschied vom Schuljahr, von den Schülern, jeden Tag kam jemand zu mir, hat mir kleine Geschenke überreicht, selbst gemalte Bilder, Lesezeichen, kleine Briefe und Süßigkeiten. Es war so viel Dankbarkeit dabei, so viel Liebe und man weiß gar nicht, wie man am besten damit umgehen kann. Diese Liebe war aber auch das, was ich zurückgeben wollte, schließlich war ich die Person, die ein Jahr dort war, geholfen hat, mit ihnen gespielt, gelacht, getröstet und sie gelehrt hat. Und dann bin ich einfach verschwunden. Ich wollte, dass sie eine Erinnerung an mich behalten, dass sie merken, wie sehr sie mir ans Herz gewachsen sind. Natürlich einige mehr als andere, die Klassen, wo ich mehr Zeit verbracht habe, die Kinder, mit denen ich oft zu zweit gearbeitet habe. Deswegen habe ich mir an einem verlängerten Wochenende bei herrlichen 28 Grad Außentemperatur die Zeit genommen, Kekse zu backen. Jeder Schüler bekommt Kekse, kleine und große Herzchen, mit buntem Zuckerguss. Circa 230 Schüler, das macht über 460 Kekse. Überraschend, wie schnell das dann doch noch ging, ich hatte eindeutig mehr Zeit eingeplant. Und dann noch so viel Teig übrig gehabt, dass meine Lieblingslehrerinnen und Freundinnen auch noch etwas bekamen und ich für mich noch eine Apfeltarte machen konnte. An meinen letzten Tagen habe ich sie verteilt, bin von Klasse zu Klasse gelaufen, mit Fotos von ihnen, zusammen mit mir. Ich bin gespannt, wie viele sich noch an mich erinnern, wenn ich (hoffentlich bald) mal wieder dort bin.

Aber der Abschied ist nicht nur in einem Augenblick, so man es sich immer vorstellt, es geht viel langsamer und unauffälliger von statten. Zuerst ist die Schule zu Ende.  Aber dann gibt es noch die offizielle Verabschiedung von den 8.-Klässlern. Dann das Sommerfest, wo die Kinder ihre Zeugnisse bekommen, Blumen an ihre Lehrer verschenken und ich wieder viele sehe. Dann auch noch das Sommerlager im Kulturhaus in Iklad, wo ich helfe. Ein Sportlager, ein Friseurbesuch, ganz normales einkaufen in Aszód. Überall trifft man sich doch noch wieder, ist das nun positiv oder negativ? Macht es den Abschied einfacher, weil es so schleichend kommt, oder genau deswegen schwerer?

 

Und es ist erstaunlich, schon fast gruselig, wie schnell man von einer Welt in die andere rutschen kann. Ohne großes Aufsehen, ohne das es einen näher berührt. Nur im Vorherein ist es ein psychischer Akt, aber wenn es dann passiert, lässt es einen seltsam kalt. Man stellt sich so schnell auf alte, vertraute Umstände ein. Und so ging es mir in diesem Sommer oft. Von meinem Zuhause in Aszód weg, in den Urlaub, natürlich was Neues, neue Orte, neue Länder, eine tolle Reise, von der ich immer noch schwärme, zwei Wochen durch Südosteuropa. Aber die Menschen waren schließlich vertraut, kulturweit-Freiwillige. Nicht mal alle persönlich vertraut, Lara und Verena kannte ich vorher noch nicht, Philip und Anna allerdings schon. Aber genau das war das Richtige, die beste Mischung für wunderschöne, witzige, seeehr heiße, diskussionsreiche, entspannte und ereignisreiche Tage.

Dann wieder – innerhalb von zwei Flugstunden ab in die andere Welt, nach Deutschland, drei Tage in Hannover, vorwiegend bei Freunden verbracht, bevor es zu dem nächsten Abschnitt ging, eine Woche Familie im Großformat genießen können. Zurück in Hannover wieder das herrliche Norddeutsche Wetter genießen, eine gerade erst wiedergesehene Freundin für ein weiteres Jahr verabschieden, nun ist sie unterwegs in der weiten Welt – und dann zurück in Richtung Ungarn, noch einmal alle besuchen, mich bedanken und einfach nochmal alle sehen und es genießen, in Iklad sein zu dürfen. Aber erst ein weiteres Mal Rumänien bewundern.

Wie kann man das eigentlich schaffen, Orte, Identitäten, Menschen wechseln wie die Kleidung, die man trägt. Vielleicht, in dem man akzeptiert, dass es genau das ist, was man braucht? Immer Neues, Anfänge, den Sprung ins kalte Wasser, alles wie ein Spiel, damit man selbst mit sich klarkommt, probiert, sich kennenzulernen und über sich zu lernen. Und letzten Endes feststellt, dass genau die Festlegung auf bestimmte Dinge, auf Neigungen, Stilfragen, vielleicht sogar Eigenschaften und Einstellungen das Falsche ist. Es ist ähnlich wie bei dem „Zuhause“. Je mehr man kennenlernt, sieht und erfährt, desto größer und weiter wird das Bild, man kann sich weniger sicher sein, was nun am Wichtigsten ist. Weil ja plötzlich zu viele Sachen wichtig sind, aber so unterschiedliche, dass es gar nicht möglich ist, eine Reihenfolge festzulegen.

 

Ok, es tut mir leid, ich habe das Gefühl, mich wieder dolle verzettelt zu haben. Eigentlich wollte ich doch nur kurz über meinen Sommer und die schönen letzten Tage in Ungarn berichten. Vielleicht auch über das Nachbereitungsseminar. Dazu also jetzt nur noch einige Worte: Danke an die ganzen Menschen, die ich wiedergetroffen habe, die ich neu kennengelernt habe, es war eine Freude, alte Erinnerungen wieder aufleben zu lassen, Geschichten aus Argentinien und Myanmar zu hören, Fotos anzuschauen und Turbofolk zu hören. Es war ein gelungener Abschluss, der aber nur ein offizieller war. Ich weiß, dass es weitergeht mit kulturweit und mir. Und nicht nur mit kulturweit an sich, sondern auch mit den Leuten, die ich von dort mitgenommen habe, da sie mich (teilweise) die ganze Zeit über in diesem Abschnitt begleitet haben.

 

Aber wie geht es nun weiter? Ich möchte mich verabschieden. Von diesem Blog, denn das ist tatsächlich das Ende davon. Er wird weiterexistieren, wahrscheinlich noch viel länger, als mir lieb ist, aber eigentlich ist das doch schön. Auch für mich wird es schön sein, zu wissen, dass ein Teil von mir für immer aufgeschrieben ist. Ich bin gespannt, in wie weit ich mich in ein paar Jahren noch mit meinen Ansichten und Aussagen identifizieren kann, schließlich weiß ich ja jetzt, ich darf mich auf nichts festlegen, sondern bin nun mal im stetigen Wandel.

 

Sziasztok és viszontlátásra. Nagyon szépen köszönöm mindenkinek,  az embereknek Magyarországon, Németországban, a barátoknak itt és ott, az Ikladi iskolának, a gyerekeknek, a tanároknak és kulturweitnak. Sok szeretettel.

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