Endspurt #1

Alles hat irgendwann ein Ende. Auch dieses Schuljahr. Das 14. Jahr, dass ich in der Schule war, nur mit verkehrter Rolle. Und bin ich froh darüber, auf der Lehrerstuhl sitzen zu dürfen (naja, meistens eher auf dem Lehrertisch), als auf einem der Schülerstühle!

Jedenfalls sind inzwischen meine verbleibenden Tage in der Schule an zwei Händen abzuzählen und die Zeit, die mir noch in Ungarn bleibt, ist viel zu kurz für die ganzen Orte, die ich nochnicht gesehen habe.

Es ist kaum zu fassen, aber in ganzen 9 Monaten habe ich es immer noch nicht geschafft, die bekannteste Touriattraktion in Ungarn zu sehen: den Balaton, oder auch Plattensee.

Und weil ich ja nun meine Wochenenden voll auskosten muss, mache ich ganz viel. Wie hier:

Samstag, 27.05. 5:35 Uhr. Mein Wecker klingelt. Ein bisschen Manu Chao zum aufwachen ist doch einfach viel entspannter als so ein ekliger Ton, vor dem man irgendwann richtige Panik bekommt. Durch mein Rollo scheint die Sonne einen schmalen Strahl auf mein Bett, der erste Hund bellt und als ich das Rollo hochziehe und rausschaue, sehe ich keine Wolke am Himmel. Der Tag wird sehr warm werden, das spürt man schon jetzt. Vor vier Wochen hatten wir noch einen plötzlichen Schneefall, jetzt schon 30 Grad. Ich ziehe mich an, setze einen Kaffee auf, trinke ihn an meinem Küchentisch. Der mit dem blauen Hammamtuch als Tischdecke und dem Strauß aus Monblumen und Margeriten, die in der kulturweit-Flasche stehen. Pünktlich zu den Kirchenglocken, die 6 Uhr schlagen, verlasse ich das Haus und mache mich auf, zum anderen Ende von Aszód. Hier findet jeden Samstag ein Bauernmarkt statt, die Leute aus der Umgebung verkaufen alles, was sie anbauen. Und nur ganz früh gibt’s die ganz guten Sachen. Tomaten, Feldsalat, frischer Spinat, heute ganz neu auch Erbsen. Es ist ein Traum! Überall die kleinen Stände, ältere Frauen mit Kleidern und Kopftuch, Männer mit schwieligen Händen, denen man die harte Arbeit ansehen kann, all die Farben, frisches Grün, Rot, gelbe Paprika, kleine neue Kartoffeln, und über dem allen ein Stimmengewirr, die melodische Sprache, die teilweise klingt, als würden alle nur singen.

(Zeitsprung)

Ich stehe an der Bushaltestelle am Hauptplatz, in meiner Tasche Sonnenbrille, Geld, Telefon und Wasser. Ganz viel Wasser, es ist wirklich heiß heute. Der Bus nach Vác fährt etwa eine Stunde, und das ist heute mein Ziel. Umgerechnet drei Euro zahle ich bis in die schöne Stadt 40 Kilometer westlich von Aszód, direkt an der Donau gelegen. Der Busfahrer ist ein älterer freundlicher Herr, der mich schon begrüßt, als ich einsteige und zahle. Manchmal fahre ich mit dem Bus von der Schule nach Hause, daher kenne ich die meisten Busfahrer auf der Strecke nach Iklad bereits. Und das ist auch der erste Ort, durch den wir durchfahre. Das letzte Mal, das ich weiter im Dorf drin war und nicht nur am Anfang bei der Schule, war im Winter. Vieles hat sich hier verändert, der Sommer gibt Farbe und Freude. Es kommt mir vertraut vor, schließlich habe ich hier für  5 Monate gewohnt. Aber ich merke, dass mein Zuhause eindeutig nicht mehr hier ist, sondern in dem grünen Haus, unterhalb und oberhalb von Kirchen, von dessen Garten mit den Schwertlilien ich auf das Schloss und den Freiheitsplatz von Aszód schauen kann. Wir fahren weiter, ich lehne meinen Kopf an die Scheibe, schaue raus, lasse meine Gedanken schweifen. Zu Nóri, einer meine liebsten Kolleginnen, die hier am anderen Ende von Iklad mit ihren Familie wohnt, zu einem Traum, den ich vor langer Zeit mal hatte. Galgamácsa, das nächste Dorf, spielte darin eine Hauptrolle, unbekannterweise. Jetzt fahre ich zum ersten dort hindurch. Ich bin wirklich gespannt, die Route die ich abfahre, sind für viele Schüler normaler Alltag und ich gehe die Namen von denen durch, die hier wohnen. Und tatsächlich bin ich wieder überrascht, schon so viele Menschen hier zu kennen, immer wieder begegnet mir eine Person, die ich als Schwester, Oma oder Vater von irgendwem identifizieren kann. In Galgamácsa nun läuft ein Mädchen an dem Busvorbei, gefolgt von einer kleinen Frau mit so unglaublich langen Haaren, wie ich es selten gesehen habe. Sie ist die Mutte von Blanka und Dávid, deren Vater ich auch schon oft im Zug nach Budapest getroffen habe, er ist Schaffner. Sie alle laufen vorbei, mit zwei von ihren vier Pferden, sehen mich aber nicht. Ich fühle mich wie in einem fahrenden Kino, bin Beobachterin vom Leben der Menschen, die ich eigentlich immer nur bei meiner Arbeit sehe. Ich sehe ihren Alltag, ihre Umgebung, den Ort, wo sie aufwachsen, so anders als meine Heimat, aber von einer Schönheit, einer Ruhe umgeben, die mir den Atem raubt. Kleine Häuser, große Gärten, alles steht in Blüte, Mohn und Kornblumen am Straßenrand, Holunderblütendolden, die  voll und schwer auf die Straße hinunter hängen.

(Zeitsprung)

In der Luft hängt des Geruch des Wassers, ich spaziere in einem Park, auf der einen Seite die Donau, auf der anderen die Türme der Stadt Vác, Kinder spielen laut kreischend auf dem Spielplatz, junge Leute liegen im Schatten unter den Bäumen, eine Familie kommt mir entgegen. In der Stadt sehe ich einen Hochzeitsumzug, eine große „Fitness im Freien und für alle”-Veranstaltung auf dem großen Platz, direkt neben einer Eisdiele, die so große Kugeln verkaufen, dass man Stunden daran lecken kann. Die Sonne knallt vom Himmel, obwohl es schon später Nachmittag ist und Fahrradfahrer schlangeln sich zwischen den Fitnessbegeisterten durch. Zwei kleinere Kinder fallen mir von weitem auf, dass kann doch nicht… Doch! Petra und Ádám, die Zwillinge aus der 3b. Sie winken mir fröhlich zu, ich rufe „Sziasztok!”, grade noch rechtzeitig, bevor sie um die nächste Ecke verschwinden.

(Zeitsprung)

Ich sitze vor meiner Tür, meinem Stammplatz, beobachte meine Nachbarn, die grade ihren Garten neu machen und sehe auch ihren Sohn, Ákos aus der 5a, auf seinem Fahrrad immer kleiner werdende Kreise ziehen. Auf meinem Schoß steht die Schüssel mit Salat, Tomaten, frische Erbsen, Spinat vom Markt, dazu das leckere Olivenöl von der kroatischen Insel Krk, das die Vermieterin von der kleinen Wohnung, die wir für unseren Kurztrip nach Kroatien gemietet haben, selbst hergestellt hat.  Es ist das alles, diese Besonderheit im Einfachen, dieser Frieden, der in der Landluft liegt, die Sonnenuntergänge auf den hügeligen Feldern gegenüber, das Zirpen der Grillen. Das ist das Zuhause, was ich mir in den letzten Monaten aufgebaut habe.

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