Freaky Budapest Hostel

Alles was ich hier schreibe, ist ganz genau so (!!!) passiert, ohne  Verschönerung oder Übertreibungen.

Freitag, 27.01. 18:45 Uhr

Ich stehe am Bahnhof Keleti in Budapest und warte auf Leo, die auch gleich aus Orosháza ankommen soll. Zusammen mit einigen anderen Freiwilligen aus Ungarn und Bosnien verbringen wir das Wochenende hier, sie alle, da sie verschiedene Musicals besuchen, ich dagegen nur, weil ich für das Wochenende etwas zu tun brauchte und mich ihnen also anschloss, in der Stadt zu verweilen. Leos und mein Plan war, uns etwas zu essen zu suchen und dann in Richtung Hostel zu gehen, wo alle anderen schon warteten. Nur hatten alle in ein Hostel eingecheckt, welches mir, dank der kurzfristigen Zusage, zu teuer war. Also hatte ich einen Tag vorher kurzerhand über booking.com ein anderes Hostel gebucht: das Hi5 Hostel, gute Lage auf einer der Ringstraßen und nicht weit vom Wombats, wo die anderen waren, sehr gute Bewertungen und vor allem ein mega Preis, zwei Nächte für nur umgerechnete 10 Euro. Außerdem noch ein supernetter Typ namens Gábor, der mir per E-Mail schrieb, wo ich klingeln musste (bei der Nummer 48) und ob ich Hilfe bräuchte bei der Anreise oder Ähnlichem.

Das waren also die Fakten. Und Leo und ich sind (ohne was Gutes zu Essen gefunden zu haben) in der Király ut. angekommen. Allerdings auf einer Höhe, wo wir feststellten, dass wir in jeweils unterschiedliche Richtungen mussten. Wir verabschiedeten uns mit dem Versprechen, dass ich in meinem Hostel einchecken gehe und dann zu allen Anderen kommen würde. Soweit so gut. Ich laufe 10 Meter, bis mir etwas Entscheidendes einfällt. Ich schlage mir die Hand vor den Kopf. „Es kann nicht wahr sein! Wie kann man nur so bescheuert sein!“ rufe ich, mehr oder weniger laut durch die Straße und ernte leicht befremdete Blicke von anderen Passanten. Denn ich habe doch tatsächlich nicht nachgeschaut, welche Hausnummer das Hostel hat. Die Nummer, wo ich klingeln muss, habe ich, auf der Karte gesehen hab ich es auch, die Straße weiß ich – aber die exakte Nummer nicht. Aber halb so schlimm, denk ich mir, ich weiß ja ungefähr, auf welcher Höhe es ist, ich finde das schon.

In der Teréz körút angekommen klappere ich also alle möglichen Häuser ab, schaue auf Klingelschilder und suche die Türen nach anderen Hinweisen ab. Aber nirgendwo taucht das Hi5 Hostel auf. Nur ein „FriendsHostel“ finde ich. Irgendwie kann ich mich darüber amüsieren, nur leider wird es langsam merklich kälter. Also rufe ich Leo an. Die nicht rangeht. Als nächstes Isi, die ein Glück abnimmt und mir verspricht im Internet nach der Adresse zu suchen. Zwei Minuten später kommt die Erlösung per SMS: „Nagymézö u 27 :)“ …und ich komme mir komplett blöd vor. Denn das ist eine ganz andere Adresse!!! Aber ich habe Riesenglück, ich kenne die Straße und so weit ist sie gar nicht von meinem Standort enfernt. Aber trotzdem verstehe ich einfach nicht, wie das sein kann. Ich habe ja schließlich auf der Karte gesehen, wo das Hostel ist, und das war eindeutig nicht die Adresse, die mir Isi geschickt hat! Aber egal, ich mache mich auf den Weg dahin, frierend und mit voller Reisetasche, inzwischen ist es fast 8 Uhr abens. Auf dem Weg werde ich (zum ersten Mal in Budapest!) von einem seltsamen Typen angemacht, der mir auch noch irgendwas anzügliches auf Englisch hinterherruft. Aber verzweifeln tue ich erst, als ich dreimal über eine Ampel hin und her renne, weil die Straßenschilder nicht hergeben, welche Hausnummern in welcher Richtung zu finden sind. Nach einer weiteren Viertelstunde finde ich aber endlich das Haus und klingel direkt bei der Nummer 48. Nur ist irgendetwas seltsam. Das Eingabefeld für die Nummern ist elektronisch betrieben, wie so oft hier, und es funktioniert nicht. Jetzt schaue ich mir also das Haus nochmal genauer an, gehe auf die andere Straßenseite, um es besser zu sehen. Und traue meinen Augen nicht. Ich stehe vor einem verlassenen Haus. Vor einer Ruine!

„Isi! Bist du dir ganz sicher, dass das die richtige Adresse war?“

„Hey, ja eigentlich schon. Warum denn?“

„Weil da verdammt nochmal niemand drin wohnt!“

„Echt jetzt?! Hm aber seltsam, ich habe mich auch schon gewundert,

Hi5 ist nämlich auch irgend so eine Agentur, die Wohnungen an Touristen

 vermietet. Und die Adresse hab ich auch nur über TripAdvisor gefunden!“

Wir kommen überein, dass ich probiere, mich hier mit einem freien WLAN zu verbinden und mir die Buchungsbestätigung nochmal genau anzugucken. Falls das nicht klappen sollte, gehe ich einfach erst mal zu ihnen ins Hostel. Nach gefühlten 50 Versuchen, mich mit einem freien Telekom Hotspot zu verbinden, sagen mir meine rot angelaufenen Finger, die ich dank der -12 Grad leider nicht mehr bewegen konnte, dass ich mich nun eindeutig auf den Weg ins Wombats machen sollte. Wieder in Király ut. angekommen finde ich das Hostel nicht. Blind laufe ich daran vorbei und bin einfach nur noch genervt. Drehe wieder um. Sehe die riesige Tür. „Wombats“ steht da doch ganz groß! Ich soll wohl in den dritten Stock gehen. Und stehe jetzt wieder vor eine Tür. Und die kriege ich nun wahrlich nicht auf, egal was ich mache. Ich lache verzweifelt auf und wähle (mal wieder) die altbekannte Nummer von Isi. Als sie mir endlich die Tür aufmacht, stellt sich auch raus, warum ich sie nicht öffnen konnte: Man braucht die Zimmerkarte, um sie zu entsperren!  Im Zimmer angekommen wartet auch Leo auf mich und meine Geschichte und nachdem ich kurz wieder aufgetaut bin, entscheiden wir, zusammen zu der Adresse von der Buchungsbestätigung zu gehen (die doch die Teréz körút ist, mit der Hausnummer 7, also die Straße, wo ich ganz am Anfang war!). Aber wir haben immer noch nichts gegessen und sind gleichzeitig unter Zeitdruck, weil wir um halb 10 eigentlich im Operett Theater sein sollen, um dort für die Schüler einer bosnischen Schule etwas übersetzen sollen. Mit unseren perfekten Ungarischkenntnissen natürlich.

Um etwa viertel vor neun machen wir uns also zu dritt (Leo, Isi und ich) auf den Weg: Mission Hostel finden im Endspurt! Da die Adresse ja irgendwie die ist, wo ich schon mal war, erscheint es uns als logisch, dass mein Hostel umbenannt wurde, nämlich in „FriendsHostel“. Weil es ja das einzige Hostel weit und breit war. Das finden wir nur leider zuerst nicht wieder. Es stellt sich raus, dass wir nur auf der falschen Straßenseite waren und wir finden also das FriendsHostel in der Nummer 4, nicht 7. Außerdem treffen wir hier noch einen leicht verzweifelt aussehenden Backpacker wieder, der uns schon einmal nach einem Straßennamen gefragt hat. Ich will bei der Nummer 48 klingeln, es irritiert nur, dass hier nicht das Hostel dransteht, sondern irgendeine Privatzimmervermietung. Und es macht niemand auf. Das FriendsHostel steht am Klingelschild mit der Nummer 22, also probieren wir da unser Glück. Und tatsächlich: Jemand geht ran und öffnet uns! Der Backpacker scheint nicht mit uns mitkommen zu wollen, also lassen wir ihn unten stehen und machen uns auf ins vierte Stockwerk. Wir kommen zu einer offenen Tür rein und eine gemütliche und warme Atmosphäre empfängt uns. Die Frau an der Rezeption sieht super nett aus, telefoniert jedoch grade und macht uns mit einem Handzeichen deutlich, dass wir doch kurz warten sollen. Und dann sagt sie: „Sorry, what was the name again? Hi5 Hostel? Really? I have never heard of this! I didn’t even know that it exists!“

Wir gucken uns an. Und wissen jetzt mehrere Sachen:

  1. Sie telefoniert nicht, sondern spricht mit dem Backpacker unten vor der Tür.
  2. Das FriendsHostel ist eindeutig nicht das Hi5 Hostel, das seinen Namen geändert hat.
  3. Der Backpacker sucht das gleiche Hostel wie wir.

Unklar ist jetzt nur noch, ob das Hostel überhaupt existiert, oder ob einfach alles fake ist. Wir erklären der Frau an der Rezeption lachend unser Problem und sie kommt aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Sie hätte wirklich noch nie davon gehört, und jetzt gleich mehrere Leute an einem Abend! Und sie war wirklich total lieb, hat extra nochmal im Internet nachgeschaut und schließlich eine Telefonnummer angerufen, die bei meiner Buchungsbestätigung dabei stand (wir sind blöderweise – oder vielleicht auch dank des ganzen Chaos – nicht auf die Idee gekommen, anzurufen…) Abgehoben hat aber auch nach mehreren Minuten niemand. So hat sie uns schließlich geraten, doch einfach mal hinüber zur Nummer 7 zu gehen und dort nochmal zu schauen.

Gesagt getan – und wen treffen wir wieder? Den armen Backpacker! Er erzählt uns, dass er bei der Nummer 48 an Haus 7 geklingelt hätte, aber niemand aufgemacht hat. Und wir gehen nochmal alle zusammen hin. Nirgendwo an der Haustür und auch sonst nirgends steht irgendetwas von einem Hostel. Und nicht mal am Klingelschild. Denn bei der Nummer 48 steht nur ein spanischer Name – Carlos. Trotzdem klingeln wir. Und nach Ewigkeiten macht jemand auf und nuschelt, ob wir ins Hostel wollen. Jaaaaa!!! Wir sollen in den 5. Stock. Den gibt’s nur leider nicht in diesem Haus, stellen wir nach vielen Treppenstufen entnervt fest. Irgendwie wird einfach alles immer immer komischer. Es ist ein ziemlich ungutes Gefühl, das uns alle durchläuft.

Und dann kommt uns ein Asiate entgegen. Der ist ziemlich sicher nicht Carlos. Und auch nicht Gábor, der mit dem ich geschrieben habe. Aber er winkt uns mit sich und so folgen wir im. In eine Wohnung. Im kleinen Flur fragt er uns, ob wir reserviert hätten. Ich sage, ja ich, und spähe an ihm vorbei. Von dem Flur aus kann man in ein Zimmer gucken, das wie ein großes Wohnzimmer wirkt. Dort sitzen zwei Menschen, die uns mit teilnahmslosem Blick betrachten. Der Asiate nuschelt leise: „Ok, so here is the kitchen, here is the living room and..“  er führt uns weiter den Flur lang, um eine Ecke. Keine Rezeption weit und breit, keine Registrierung, gar nichts. Ich laufe direkt hinter ihm, in der Hand meine kleine Reisetasche, hinter mir Isi, dann Leo und dann der Backpacker. „… here is a bathroom and the shower. There in the room you can choose your bed.“  Man kann vom Flur aus in das Zimmer sehen, vier Stockbetten, nebeneinander aufgereiht, das erste ist perfekt vom Flur aus zu sehen. Und darauf sitzt ein Mann. Mitte oder Ende 20 würde ich ihn schätzen. Er sitzt auf dem oberen Bett in einer Haltung, die ich als leicht abstrakte Yoga-Position bezeichnen würde. Und er hat einen langen braunen Vollbart und lange Haare. Und einen Blick, der so starrend und gleichzeitig abwesend ist. Aber trotzdem lässt er mich keine Sekunde aus den Augen. Aber es ist nicht mal dieser leicht psychopathische Blick, der mich am meisten verstört, sondern eine andere Sache. Der Mann ist nackt. Komplett nackt!!!

Mein ganzer Körper spannt sich sofort an. Der Asiate! Ihn habe ich völlig vergessen. Er bekommt gar nicht mit, dass ich den Moment äußerst seltsam und unangenehm finde und stört sich auch nicht an dem Anblick von diesem nackten Yoga-Jesus auf dem Bett. Ich laufe mit kleinen Schritten in den Raum rein, kann kaum atmen, weiß nicht ob ich lachen soll oder einfach zusammenbrechen (angesichts dieses Endes der sowieso schon völlig abgedrehten Geschichte), und stelle schließlich meine Tasche auf dem letzten Bett in der hintersten Ecke ab. Drehe mich um. Der Typ hat nichts an seiner Position oder seinem Blick geändert. Und ich gucke die völlig geschockte Isi an, die mich leise fragt: „Willst du wirklich hier bleiben?!“NEIN!“, ist meine recht eindeutige Antwort und ich gehe, genauso langsam, wie ich reingekommen bin, wieder aus dem Zimmer hinaus. Wir machen uns schweigend wieder in Richtung Ausgang, Isi sagt dem Backpacker, der noch nichts gesehen hat leise „There is a naked man sitting in the bed…“  und als wir in dem kleinen Eingangsbereich stehen, hören wir nur den Backpacker fragen: „So there is no other room available?“

Er kommt auch zurück. Und mit ihm der Asiate. An die zwei Minuten danach kann ich mich leider nur noch verschwommen erinnern, jedenfalls sagte der Asiate irgendwas von wegen „I will tell my manager“ und dann gingen wir auf die Tür zu. Ich will sie aufmachen – und es geht nicht. Und in dieser Millisekunde denke ich nur noch panisch: „Jetzt sind wir wirklich unter die Psychos geraten!!!“

 

Natürlich sind wir das nicht. Man musste nur einen Knopf drücken, damit die Tür aufging, aber wir waren noch zu geschockt, um das selbst rauszufinden. Nach dieser Begegnung sind wir dann endlich auch was essen gegangen, wo sich alles in Lachen umwandelte. Ich habe schon lange nicht mehr so viel und lange gelacht, wie über diesen Abend.

Letzten Endes habe ich nach noch mehr Komplikationen, die uns aber alle nur noch mehr erheiterten, ins Wombats eingecheckt und dort geschlafen.

Ein Gedanke zu „Freaky Budapest Hostel

  1. Leonie Voß

    Hey Milena 🙂
    Ich habe die Geschichte ja mittlerweile schon öfter gehört aber ich musste trotzdem lachen als ich deinen Blogeintrag gelesen habe. Du hast die Odyssee perfekt beschrieben, genauso war es! 😀
    Es wäre echt super schön, wenn wir uns in Ungarn nochmal sehen würden! 🙂 Dann vielleicht unter weniger verrückten Umständen… 😉
    lg Leo

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.