Geschichten aus Rumänien II – (die Unvollendeten)

1.

29.10. 14:37 Uhr

Ich stehe am „Bahnhof“ von Felsöpakony, es weht ein eisiger Wind und die grauen Wolken lassen das Dorf noch etwas trostloser wirken. Kleine Häuser, wenige Bäume, von denen immer mehr braune Blätter fallen, und eine winzige Dorfkneipe. Ab und zu lassen sich einige Menschen in Jogginganzügen blicken, die meisten eher älter. Die Anderen sind Kinder. Ich schaue auf mein Handy. Nichts. Die Unruhe in mir verstärkt sich mit jeder Sekunde. Er wollte eine halbe Stunde vorher anrufen. Und jetzt ist es schon so spät, dass wir schon lange losgefahren sein sollten. Um 11 Uhr morgens ging es für mich los: 1. Tag der Herbstferien, ab nach Aszód, von da aus mit dem mir inzwischen sehr vertrauten Zug nach Budapest-Keleti. Von dort mit zwei verschiedenen Metrolinien bis zum Nyugati pályaudvar, einem anderen Bahnhof, genau so schön wie Keleti, aber man sieht, dass hier weniger internationale Touristen ankommen, sondern eher die „normale“ Bevölkerung aus dem Umland. Hier also muss ich noch eine halbe Stunde warten, bis der kleine Bimmelzug sich endlich auf den Weg macht. Nach 45 Minuten komme ich dann schließlich an, in Felsöpakony, einem ähnlich großen Dorf wie Iklad, im Südosten von Budapest. Hier sollte mich meine Mitfahrgelenheit abholen, und mich bis nach Timișoara, Rumänien bringen. Nur hat sie sich bis jetzt nicht gemeldet. Und mein ungutes Gefühl, dass sie vielleicht gar nicht mehr wird größer und größer.

Natürlich ist er am Ende gekommen, und stellte sich zudem auch noch als super nett raus. Wir hatten eine am Anfang recht stille, am Ende jedoch wirklich lustige und interessante Fahrt mit noch einem Wiener und einer Rumänin bis Timișoara, wo Thilo mich sogar direkt vor dem kleinen EIngangstor zum Kloster absetzte.

 

2. Timișoara

Ich sitze an einem großen Tisch in einer wunderschönen Wohnung im Herzen von Timișoara. Meterhohe Decken, alte Flügeltüren, Doppelglasfenster, altes Parkett im Fischgrätenmuster – eine Altbauwohnung, wie man nur davon träumen kann! Es wird grade noch alles eingerichtet, keiner der Stühle und Hocker passt zueinander, aber dafür steht schon ein großes  und gut bestücktes Bücherregal, auf dem Boden liegen Kissen und Kunstkataloge. An den Wänden lehnen verteilt die Stücke einer dreiteiligen Weltkarte. Grade diese Unfertigkeit ist es, die eigentlich den besonderen Charme der Wohnung ausmacht.

Besitzerin ist die momentane DAAD-Lektorin in Timișoara, Sabina, bei der wir zum Frühstück eingeladen sind. Insgesamt sitzen wir zu siebt, einige Zeit sogar zu 8 um den Holztisch, worauf sich Obst, Croissants, Marmelade, Käse, Tomaten, Nüsschen, Kuchen, Saft, Tee und Kaffee türmen. Was für ein Frühstück! Doch nicht nur das ist ein Genuss, auch die Gesellschaft ist es, wir sind lustigerweise nur Frauen, aus Deutschland und Österreich, und ich kannte niemanden länger als einen Tag, fühlte mich trotzdem sofort unglaublich wohl und geborgen in dieser Situation. Gespräche wechselten von Zukunftsperspektiven und Studienmöglichkeiten, zu Politik in Österreich, Geschichte von Rumänien und zu dem amüsanten Lieferservice von Ikea und weiter zu  den guten Limonaden von Timișoara.

 

 

3. Andere Kleinigkeiten, die erzählenswert sind

Vampir gesehen?! Und dann auch noch direkt nach Halloween, in Transsilvanien!! – Philip und ich sitzen im Bus Richtung Hunedoara. Vor uns ein älteres Ehepaar mit einem kleinen Kind auf dem Schoß, vielleicht ein bisschen älter als ein Jahr. Es dreht sich die ganze Zeit zu mir um und strahlt (mit geschlossenem Mund). „Guck mal, das Kind da ist voll süß“, sage ich zu Philip. Aber je länger ich es angucke, desto seltsamer finde ich es. Irgendwas stimmt nicht, aber ich komme nicht drauf, was es ist. Dann setzt es plötzlich seine Mütze ab, es kommen wenige, fast weiße Haare zum Vorschien, die nach allen Seiten abstehen. Es starrt mich an, durchdringende blaue Augen. Ich habe noch nie ein Kind gesehen, dass einen so intensiven Gesichtsausdruck hatte. Ich bemerke, dass die Haut rund um die Augen sehr trocken und fast faltig ist – vielleicht Neuromitis. Dann fängt es an richtig zu grinsen. Und das ist der Moment, wo ich mich wirklich erschrecke! Das Kind hat einen recht großen, ziemlich angeschwollenen Mund. Und nur zwei Zähne, die oberen Schneidezähne, aber nicht die Ersten, sonder die Zweiten. Also eine Lücke zwischen den Zähnen, sie sind aber super symmetrisch und sehen eindeutig nicht so aus wie normale Schneidezähne. Eher wie Reißzähne von einer Katze, so gebogen und so spitz. Oder halt wie Vampirzähne, nur nicht an der Stelle von den Eckzähnen gelegen, sonder weiter vorne. Deswegen wahrscheinlich auch der angeschwollene Mund, da es sich die ganze Zeit auf die Lippen beißt. Je länger wir das Kind angucken, desto unwohler fühlen wir uns. Ich weiß nicht warum, aber plötzlich ist es nicht mehr süß, sondern einfach nur noch gruselig. Ich probiere, die Blicke zu meiden, sehe woanders hin – und habe doch immer wieder dieses Grinsen und den starrenden Blick vor Augen.

Inzwischen (fast drei Wochen später) kommt mir die Situation fast schon unwirklich vor, aber ich weiß noch genau, was ich gesehen habe. Ich denke sogar recht oft daran, einfach, weil es mich so sehr beschäftigt hat, erklären kann ich es mir aber überhaupt nicht.

 

 

In der Philharmonie in Sibiu – Insgesamt zu 5 sind wir an einem Abend in Sibiu in die Philharmonie gegangen, niemand wusste so richtig, was genau für ein Konzert es gab, aber die Idee war einfach ganz schön. So saßen wir dann also da, leider mit nicht wirkllich guten Plätzen. Direkt über dem Orchester, also so, dass wir nur ganz wenige Musiker überhaupt sehen konnten. Und außerdem bei einer Festbeleuchtung, die uns alle ein wenig irritiert hat. Das Orchester selber war aber echt gut, den Dirigenten konnten wir auch beobachten und das war besonders toll – man hat ihm von der ersten Sekunde an angesehen, wie viel Spaß er wirklich dabei hatte! Und dann haben sie ihr zweites Stück angefangen. Und ich konnte es echt nicht fassen. Es gibt genau ein klassisches Konzert, dass ich über alles liebe, und das ist das Cello-Konzert von Dvořák. Es war schon immer mein größter Wunsch, das einmal live sehen zu können. Ich kenne es auswendig, ab dem ersten Ton an – und demnach baff war ich, als wirklich ernsthaft eben dieses Stück angespielt wurde. Ich saß einfach komplett zufällig an irgendeinem Abend im Oktober mit irgendwelchen Leuten in einer Stadt mitten in Rumänien, wo ich nur hingekommen war, um Freunde zu besuchen, die ich vor nicht mal drei Monaten kennengelernt hatte – und genau da ging mein Traum in Erfüllung, da wo ich am allerwenigsten damit gerechnet hätte! Und es war gut, es war verdammt gut!! (Nur leider konnten wir den Solisten wegen unseren blöden Plätzen nicht sehen.) Aber geflasht bin ich immernoch, wenn ich daran zurückdenke!

 

 

 

Einige von zahlreichen Momenten, die diese Woche beeinflusst haben. Ich habe angefangen, sie aufzuschreiben, war nicht zufrieden damit, habe Sachen wieder durchgestrichen, neu geschrieben, doch wieder das alte genommen. Und irgendwann dachte ich: egal. Dann ist es nicht gut, ist unvollendet, unvollständig und eben nicht abgeschlossen, aber dann ist es halt genauso wie in meinen Gedanken, die auch noch nicht damit abgeschlossen haben, sondern immer noch in Rumänien hängen.

 

 

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