Der kleine Ausschnitt eines Freitagabends

„Hast du Lust eine Fahrradtour zu machen?“ Rita, meine Gastschwester, steht im Türrahmen und schreckt mich mit diesen Worten aus meinen Gedanken auf. Ich sitze am Schreibtisch, es ist Freitagnachmittag, herrlichstes Wetter für den letzten Septembertag und ich bin hier drinnen und recherchiere nach geeigneten Texten für einen Vorlesewettbewerb an meiner Schule. Klassenstufe 4-8, nicht leicht, da irgendetwas Passendes zu finden. Rausgehen und die Sonne genießen wäre also eindeutig die bessere Alternative! „Ja, auf jeden Fall“, rufe ich begeistert, Fahrrad fahren wollte ich sowieso schon lange mal wieder.

Eine halbe Stunde später stehen wir zu dritt im Hof, Réka, meine andere Schwester, ist auch mit von der Partie. Unter dem nicht enden wollenden Gebell von Csoki (die Hündin hat sich anscheinend immer noch nicht an mich gewöhnt) pumpen wir die Fahrräder auf und fahren schließlich aus dem Tor raus – und mitten hinauf auf die Hauptstraße, wo sowohl Autos als auch Laster mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit an uns vorbeibrausen. Doch kaum sind wir fünf Minuten gefahren kommt am Ende des Dorfes ein Feldweg, der nach links abgeht, über die Bahngleise führt und sich dann zwischen Wiesen und Feldern in Richtung Domony verliert. Dort fahren wir entlang, die immer tiefer sinkende Sonne lässt die wenigen Wolkenschlieren am Himmel zuerst in gleißendes Orange und später zartes Rosa verwandeln, das schließlich immer dunkler wird. Die saftig grünen Wiesen, die hügelige Landschaft, die Felder und auch wir werden in goldenes Licht getaucht. Es ist so wunderschön, das alle paar Minuten irgendjemand von uns schreit: „Fotostop!“

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Nach einiger Zeit wird unser Weg zu etwas, was man kaum noch Trampelpfad nennen kann, eigentlich ist es nur noch Wiese, über die wir fahren, was das radeln zwar eindeutig anstrengender macht, aber trotzdem nicht unsere gute Laune trübt. „Ich wusste gar nicht, dass man hier überhaupt langfahren kann“, merkt Rita an, „und weiß auch nicht, wo der Weg endet“. Aber wir sind uns einig, dass wir ihm trotz Unwissenheit weiter folgen werden. Langsam wird es immer dunkler, wir überqueren eine große Straße, später finde ich heraus, dass das die Verbindung zwischen Iklad und Domony ist. Es geht weiter die Wiesen entlang, einzelne Blumen, die genauso aussehen wie Krokusse, stehen hier und ein paar Meter vor uns hoppelt ein Hase über das Gras. Kleine Mückenschwärme umschwirren uns und die Schatten der vereinzelten Bäume werden immer länger. Bald erkennen wir uns sogar gegenseitig nur noch schemenhaft und das ist dann der Moment, wo wir entscheiden, doch wieder umzudrehen – die Fahrräder haben nämlich kein Licht.

Meine Gedanken sind bei dieser wunderschönen Landschaft, der Stille und Ruhe, die das Leben hier umgibt, so anders als in Budapest, wo ich am vorigen Tag war. Eine unglaubliche Stadt, die Architektur, die Schönheit an der Donau, eine Stadt, die vor Leben nur so überquillt, aber für mich im Moment dann einfach nur zu viel. Zu viele Eindrücke, die auf mich eingeprasselt sind, zu viele Menschen, dicht gedrängt in der Metro, zu viele Autos, die hupend im Stau stehen. Schon nach nur zwei Wochen habe ich mich mehr an das Leben auf dem Land gewöhnt, als mir eigentlich überhaupt lieb war.

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Es ist merklich kühler geworden, wir fahren an meiner Schule vorbei, am Bürgermeisteramt, die Straßenlaternen erleuchten uns den Gehweg. Jetzt noch auf der Straße fahren wäre schlichtweg zu gefährlich. Vorbei an der kleinen Kirche, an drei, vier Jungen, die auf einem Mäuerchen sitzen und mit ihren Handys spielen – und die ich im Vorbeifahren sogar als „meine“ Schüler der 8. Klasse identifiziere. Und schließlich stehen wir vor dem Tor des Hauses mit der Nummer 117, dass ich inzwischen mein Zuhause nenne.

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