Eine Woche, 7 Tage, ein anderes Leben

Über eine Woche bin ich nun schon hier. Einerseits verging die Zeit schleichend, andererseits kommt es mir schon wie Jahre her vor, dass ich in Berlin am Hauptbahnhof in den Zug gestiegen bin. In diesen letzten Tagen ist so unglaublich viel passiert, mein gesamtes Leben hat sich auf einen Schlag verändert: Von der Großstadt aufs Land, von einem Drei- (manchmal auch Vier-) Personenhaushalt in einer Wohnung mit 10 Mietparteien zu der Großfamilie mit eigenem Haus und Garten. Mein Status als „Abiturientin und danach erst mal nichts-machen“ hat sich zu geändert zu „Freiwillige in einer Dorfschule mit fast 40 Stundenwoche“.

In der Schule geht es mit jedem Tag besser. Die Grundschule Iklad geht von der 1. bis zur 8. Klasse und in jedem Jahrgang sind nur eine oder zwei Klassen. Ich bin in allen Klassen mindestens einmal pro Woche, am häufigsten in der 7. und 8. Klasse, da sie diejenigen sind, auf die in diesem Schuljahr verschiedene Deutschprüfungen warten, worauf sie sich vorbereiten. Hier soll ich den Lehrerinnen also dabei helfen, Grammatik zu erklären und Aussprache und Wortschatz der Schüler zu verbessern. Einfacher gesagt als getan jedenfalls – jeden Tag aufs Neue bemerke ich, dass ich einfach überhaupt keine Ahnung von deutscher Grammatik habe, es also erst recht nicht erklären kann. Da sind also Arbeitsblätter, wo bestimmte Regeln erklärt sind, z. B. zur Pluralbildung oder zu den Artikeln, Gold wert.  Bei den Kleinen ist das zum Glück nicht so schwierig alles, hier geht es meist eher darum, Spiele zu spielen, wie „Stille Post“, Texte vorzulesen und nachmittags dann noch bei den Hausaufgaben zu helfen. Also insgesamt gesehen, macht es echt Spaß, bei manchen Klassen mehr, bei manchen weniger, und ich bin super froh, mal wieder richtige „Struktur“ in meinem Leben zu haben und zu arbeiten. Außerdem ist es auch echt nicht unanstrengend, ich falle jedenfalls jeden Abend todmüde ins Bett.

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Meine Schule

Aber ich war nicht nur in der Schule die letzte Woche über. Ich war zweimal beim Handballtraining meiner Gastschwestern mit, habe dabei festgestellt, dass viele Mädchen hier echt älter aussehen, als sie wirklich sind (der Großteil dort ist 16, was aber nichts daran ändert, dass sie super nett sind!) und dass ich wirklich kein Talent für Ballsportarten habe. Aber es macht trotzdem Spaß. 😉  Außerdem habe ich den Garten meiner Familie kennengelernt, ein kleines Paradies! Hier wird alles angebaut, Paprika in allen Formen, Farben und Schärfegraden, Tomaten, Mais, Kräuter, Kürbisse, Kohl, sogar ein paar Weinstöcke gibt es! Außerdem gibt es noch ein paar Hühner (für Eier und Suppe :D) und zwei Schweine, die ich jetzt auf die Namen „Willi“ und „Chanel“ getauft habe.

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Paprika und Kürbisse im Garten

Aber das fast Wichtigste erlebte: das größte Ereignis des Dorfes (was zufälliger- oder auch glückerweise) am letzten Sonntag stattfand: das Weinlesefest. Überall in Iklad wird Wein angebaut und das Weinlesefest ist für alle Bewohner sehr wichtig. Hier gibt es einen großen Umzug, alle ziehen ihre traditionellen Trachten an, die wirklich schön aussehen (meiner Meinung nach), die Frauen und Kinder tanzen, es gibt eine Blaskapelle, die Männer singen und so geht es durch das ganze Dorf und auch noch ein Nachbardorf und schließlich wieder zurück zum Hauptplatz, dem Platz vor dem Bürgermeisteramt, direkt neben der Schule. Es wird Wein aus Plastikkanistern ausgeschenkt, eine Band spielt und es gibt Abendessen, Gulaschsuppe und hausgemachte Krapfen, im Gemeindehaus. Ich als echte Hannoveranerin, als Norddeutsche, wurde ins Dirndl gesteckt und durfte dann so an dem ungarischen Volksfest teilnehmen, was sich zum Teil etwas komisch und „nicht richtig“ angefühlt hat, aber eigentlich auch sehr lustig und schön war.

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Auf dem Weinfest: DIe Frauen tanzen in ihren Trachten auf der Straße – und dann bin noch ich im Dirndl

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Auch wenn man sogar doch zum Teil merkt, dass hier verschiedene Welten aufeinanderstoßen, fange ich an, mich hier heimisch zu fühlen und freue mich auf die noch kommenden 5 Monate.

Viszlát und liebe Grüße aus dem kleinen Dorf, was ich nun langsam mein Zuhause nennen kann 🙂

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