Volonter K. und das Schloss – Gastbeitrag von Franz Kafka

Es war früh am Morgen, als K. ankam. Das Gebäude war in einem hässlichen Pink gestrichen, obschon man die Farbe in der morgendlichen Mischung aus Nebel und Smog schwerlich bestimmen konnte. K. blickte an dem praktischen, rauverputzeten Gebäude empor. Es mochte an die sechs Stockwere messen. Sicher konnte man sich allerdings nicht sein. Vor der Tür des Gebäudes stand ein Polizist mit Kalaschnikow. Seine Athemluft gefrohr wenn er ausatmete. Obgleich K. die einzige Person vor dem Gebäude war, tat der Polizist, als würde er K. nicht wahrnehmen. Aber K. konnte sich nicht sicher sein, ob diese Gleichgültigkeit vielleicht auch der unspektakulären Szenerie geschuldet war. K. betrat das Gebäude.

Im Gebäude herrschte reges Treiben. Eine gute Minute musste K. ratlos in der Mitte des Raumes gestanden haben, mit dem Versuch sich zu orientieren. Er hatte einiges über dieses Gebäude und die darin stattfindenden Prozesse gelesen, dennoch war er sich des profanen Umstandes, wohin er sich zu begeben hätte, nicht bewusst.

K. erblickte einen Beamten, der hinter einer Glasscheibe saß. Die Scheibe hatte unten eine Öffnung, durch welche man sprechen konnte. Allerdings hatte der Beamte sie mit einem Holzbrett von innen blockiert, vermutlich um nicht von dem Treiben in der Eingangshalle gestört zu werden. So war es nötig, dass K. mit dem angewinkelten Zeigefinger leicht an das Glas des Beamten klopfte, um dessen Aufmerksamkeit zu gewinnen, was dieser mit einem missmutigen Blick strafte. „Wo kann ich eine Erlaubnis über den Aufenthalt bekommen?“ K. wurde von dem Beamten gemustert, als hinge die Antwort auf seine Frage von seiner Erscheinung ab. Der Beamte zeigte deutlich, dass er sich in seiner Ruhe gestört fühlte und deutete nur abweisend auf eine Tür. „Raum drei.“ K. bedankte sich leise und begab sich in die ihm gewiesene Richtung.

Bevor er durch die Milchglastür trat, fiel K.s Blick auf eine Gruppe Menschen, die an einem Bankschalter standen. K. hatte davon gehört, dass man für diverse Vorgänge eine Gebühr entrichten müsste, ihn wunderte allerdings, dass dies bei einer privaten Bank, die sich in dem Gebäude befand, passierte.

Als K. den Raum hinter der Milchglastür betrat, wurde ihm heiß. Der Raum war voll mit Menschen, er hörte Kinder husten und bildete sich ein, die Krankheit, die in der Luft lag, zu spüren. K. erblickte mehrere tote Zimmerpflanzen in einer Ecke, deren Blumentöpfe bereits als Mülleimer benutzt wurden. Er hatte das dringliche Bedürfnis, sich seiner Jacke zu entledigen. die Hitze ließ sein Gesicht bereits schwer werden. Vor K. waren drei Türen und eine Wand mit Dokumenten, die er sich genauer ansah. Er fand chinesische und arabische Dokumente, doch in den Sprachen die K. beherrschte, waren keine Dokumente zu finden. Da erblickte K. die Nummer über dem Zimmer am Ende des Raumes. Es war Zimmer drei. K. sah eine Gruppe Menschen vor dem Zimmer warten. Kurz zögerte K, dann stellte er sich zu ihnen. Durch das Fenster der Zimmertür konnte er zwei Frauen mittleren Alters sehen. Sie telefonierten immer wieder, dann sahen sie Pässe ein. Schließlich riefen sie einige Menschen aus dem Warteraum herein. K. war sich nicht sicher, wie er auf sich aufmerksam machen konnte. Er wollte nicht dreist sein, aber jede Person in dem Raum schien zu wissen, wie der Process, für den sie gekommen war, ablief. K. blickte sich um. Er konnte keine Ausgabestelle für Wartemarken erblicken. Also blieb er vor der Tür stehen und nahm sich vor, die erste, nicht zu beschäftigt aussehnde Beamte zu fragen, die den Raum verlassen würde. Nach einer viertel Stunde verließ eine Beamte den Raum. K. wollte sie gerade nach dem Prozedere befragen, als die verbliebende Beamte ihn anwies, von der Türe fortzugehen.

K. wartete drei Stunden, nichts tat sich. Dann schließlich stand er auf und betrat den Raum seiner Begierde ohne weiteres Zögern. Die Beamten blickten verwundert auf, machten aber auch keine Anstalten ihn hinauszuschicken. K. nutzte die Gelegenheit und schilderte sein Problem, dass er nicht wisse, wo er seinen Antrag einreichen könne und dass er auch nicht wisse, wo er den Antrag bekommen könne. Die jungere Beamte antwortete freundlich aber bestimmt, dass K. den Antrag nicht auf der Polizeistation bekommen könne, das wäre schließlich die Behörde zur Bearbeitung der Anträge, nicht zu Asugabe von Anträgen. K. könne aber, sofern er wolle, die Dienste des Copyshops um die Ecke in Anspruch nehmen, welcher ihm den Antrag sicherlich gerne, für eine kleine Gebühr, ausdrucken würde. Darüber hinaus befände K. sich allerdings im falschen Raum und die Öffnungszeit des Polizeibüros sei nun auch fast beendet. Es wäre daher ratsam, der Antragstellende K. nähme den Weg zur Behörde am kommenden Tag erneut auf sich, brächte sämtliche Dokumente und den Antrag.

K. tat wie ihm geheißen, erwarb den Antrag und begab sich nach Hause.

Nachwort Max Brod:

Dies ist alles, was vom Roman „Volonter K. und das Schloss“ meines guten Freundes Franz zu finden war. Es ist davon auszugehen, dass der Text hier allerdings noch nicht beendet ist, was sich daraus schließen lässt, dass weder die persönliche Entwicklung, ja, die Selbsterkenntnis des Volonter K. zu diesem Zeitpunkt weit fortgeschritten ist, noch der weitere Fortgang des Beantragungsproceß‘. Oft saß ich des Abends mit meinem guten Freund Franz gemeinsam in den Bars Belgrads und ließ mich von seinen Kurzgeschichten amüsieren. Aus den Fetzen der Unterhaltungen bezüglich dieses literarischen Werkes rekonstruiere ich, obschon ohne jedliche Sicherheit, den weiteren Fortgang der Handlung wie folgt.

Volonter K. wir noch insgesamt fünf mal ins Schloss gehen müssen, bis er nach dem Überwinden diverser Hindernisse schlussendlich mit Hilfe der deutschen Botschaft doch noch an seine Aufenthaltserlaubnis kommt. Dabei wird er feststellen, dass die Stühle in der Behörde extra klein sind, damit sich Antragsstellende immer unterlegen fühlen, wenn sie ihren Sachbearbeitern gegenüber sitzen und dass die Behörde doch Anträge für den Aufenthalt bereithält. K. wird, das kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit bestimmen, aufgefordert werden, nachzuweisen, dass seine Einsatzstelle einen Vertrag bereithält, der nicht existiert. Dies wird ihn und die im zweiten Akt der Erzählung auftretenden anderen Volonters bis an den Rand des Wahnsinns treiben. Dann werden die anderen Freiwilligen und er einen Termin mit dem Direktor der Behörde haben, in dessen Folge sie ihre Aufenthaltsgenehmigungen in Kürze und ohne weitere bürokratische Hürden bekommen werden.

 

3 Gedanken zu „Volonter K. und das Schloss – Gastbeitrag von Franz Kafka

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  2. Die Mutter von K. verspürte eine gewisse Erleichterung, dass der Process schließlich doch zu einem guten Ende geführt zu haben schien.

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