„Geduld ist eine Tugend…“

Wer hat das eigentlich gesagt? Aber woher auch immer dieser Erguss der Weisheit stammt, er ist im Lauf meiner Zeit hier so etwas wie ein heimliches Mantra geworden.

Aber zwei Wochen lang stand dieser Satz in einem anderem Kontext als im gewohnten Alltagschaos: Meine Familie hat die Osterferien dazu genutzt, um mich hier in Hanoi zu besuchen. Jetzt, wo ich hier sitze und tippe, fällt auf, was mir durch ihren Besuch vor Augen geführt wurde.

Zum einen vergeht die Zeit einfach so unglaublich schnell und wäre dieses Jahr ein Drama, dann wäre ich jetzt am retardierenden Moment, denn 2/3 der Zeit ist schon um. Gott sei Dank muss ich mich aber nicht auch noch mit dramatischen Enthüllungen herumschlagen. Bislang. Toi toi toi. ^^

Zum anderen bin ich unglaublich froh und dankbar, dass meine Eltern und meine Schwester hier für 2 Wochen gelebt, geschlafen, gegessen, gesehen, gerochen und gehört haben. Ich fand es toll, meine Erfahrungen mit ihnen zu teilen und denke, dass sie, wenn auch nur teilweise, jetzt ein Bild dazu im Kopf haben, worüber genau ich eigentlich spreche, wenn ich von meinem Tag erzähle. Denn man kann natürlich auch ohne hier gewesen zu sein, auf einer objektiven Ebene sehr gut verstehen, was jemand erzählt. Aber es mit eigenen Augen zu sehen, macht doch einen gewaltigen Unterschied, was die Nachvollziehbarkeit angeht.

Ich freue mich schon total darauf, meinen lieben Freunden zu Hause alles bis auf den letzten Tropfen Latte Macchiato (ich hoffe, die Angesprochenen wissen, dass sie gemeint sind :*) zu berichten. Aber Fotos und Videos werden das Selbst-Sehen und -Wahrnehmen nur teilweise ersetzen. Deswegen und weil 3 Leute weniger fragen werden „Wie war’s denn in Vietnam?“, bin ich so froh, dass sie hier waren.

Und natürlich einfach, weil 8 Monate, in denen man sich nur über Skype sieht, eine echt lange Zeit sind. Aber glücklicherweise war innerhalb von Stunden alles wie immer.

Was neu war, war meine Rolle als frisch gekürte „Vietnam-Expertin“. Ich war plötzlich nicht mehr diejenige, die am wenigsten versteht und sich am ungeschicktesten anstellt und am meisten auffällt. Ich bin sehr stolz behaupten zu können, das Bestellen im Restaurant mittlerweile auf ein Minimum an Kommunikationsproblemen herunterfahren zu können, meinen sagenhaften Vietnamesischkenntnissen sei Dank. 😉

Aber leider hört es damit auch schon wieder auf. Ich konnte erklären, worum es sich bei diesem oder jenem mysteriösen Namen auf der Speisekarte handelt, aber um die perfekte Reiseführerin zu sein, hätte ich auch noch die Namen und Baujahre sämtlicher offiziellen Gebäude auswendig lernen müssen (nicht böse sein, Papa ;)).

Während unseres gemeinsamen Urlaubs auf Cat Ba an der Halong-Bucht und in der wunderschönen Natur von Ninh Binh ist mir wiederum etwas deutlich geworden, das ich in meinem letzten Punkt ansprechen will:

Als Urlauber mit meiner Familie war ich einfach nur noch Touristin, was sonst, und so sind mir die Menschen auch begegnet, und das ist überhaupt nicht negativ gemeint. Eine Touristin wie Tausend andere und das ist an und für sich weder besonders überraschend noch ein Problem. Aber ich habe mich manchmal irgendwie doof damit gefühlt und ich denke, dass mein Unterbewusstsein ein bisschen beleidigt war, weil ich nicht anders behandelt wurde als Touristen, die gerade in Kamboscha unterwegs waren und noch einen kleinen Abstecher machen wollen, bevor es weiter nach Laos geht. Ihr seht schon, die Wunde sitzt tief. ^^

Ich fühle mich nach 8 Monaten in diesem Land einfach nicht mehr als Touristin. Ich habe mich eigentlich noch nie so gefühlt. Aber abseits von meiner kleinen Straße rund um meine Wohnung (dort eigentlich auch nur, weil mein Gesicht bekannt ist) bin ich nun mal die Ausländerin, und Ausländer sind mit der gleichen Wahrscheinlichkeit Touristen wie Expats Englischlehrer – nämlich einer sehr hohen. So weit so erwartbar. Und überhaupt nicht schlimm, nur dass für meinen dummen Stolz dieser Unterschied eine Rolle spielt. Ich habe mich geärgert, als mir Essen für völlig überzogene Preise angeboten wurde, weil ich wusste, was man sonst in der Garküche zahlt. Aber woher sollen die Leute in Touristenorten wissen, dass ich das weiß? Man sieht mir die 8 Monate hier nicht an, außer vielleicht an der Selbstverständlichkeit, mit der ich Kreuzungen überquere. 😉

An diesem Punkt eine kurze Anmerkung: Ich war irgendwie sehr stolz auf meine Familie, wie sie innerhalb von wenigen Tagen mit dem Verkehr klar gekommen ist. Der Blick in ihren Augen am ersten Tag… – nach zwei Wochen war sogar die Rushhour kein Problem. 😀

Und weil man mir das Sich-Einheimisch-Fühlen nicht ansieht, würde ich manchmal gerne den mich auf Englisch ansprechenden Verkäufern auf Vietnamesisch so etwas in der Art antworten: „Ich lebe hier und weiß, wieviel die Dinge hier eigentlich kosten.“ Das Problem ist bloß, dass mein Vietnamesisch für so einen Satz noch lange nicht reicht. Also lächle ich und sage Nein. Das geht auch. ^^

Ich habe heute auf Youtube ein Video gesehen, in dem 2 Blogger, die mehrere Jahre in Südkorea gelebt haben, über ihre Erfahrungen als Expats (=Expatriots; Menschen, die dauerhaft im Ausland leben) reden, und dass sie auch nach Jahren noch immer die Ausländer und deswegen anders waren. Ich fand es sehr interessant, und wenn es den einen oder die andere ebenfalls interessiert, hier ist der Link:

https://www.youtube.com/watch?v=c5JX-KPsPQQ

Wenn ich wieder in Deutschland bin, werde ich es auf jeden Fall mit anderen Augen wahrnehmen, was es bedeutet, ein Teil der Masse zu sein oder aus welchen Gründen auch immer eben nicht.

Und nach diesem Sermon komme ich endlich zu meinem Einstiegspunkt, der Geduld:

Denn dass Familienurlaub bedeutet, so viele Meinungen und Interessen wie Leute unter einen Hut zu bringen, ist ja nichts Neues. Aber wenn bei gefühlten 40° C sowieso schon alle am Rad drehen (wortwörtlich ^^), sind die Nerven besonders angespannt. Und jetzt sitze ich hier und komme mir ein bisschen sentimental vor, obwohl das erst vor einer Woche war. Jedenfalls hatte ich das komplette Familienpaket und natürlich gibt es Hunderte wundervoller Bilder, die das alles dokumentieren. Ich denke, den Großteil werde ich in einen separaten Blogeintrag packen, der Rahmen dieses Textes ist nämlich jetzt schon gesprengt.

Aber noch eins letzte Anmerkung zum Thema Geduld: mein Warten auf konkrete Pläne hat sich gelohnt, denn gestern habe ich erfahren, dass im Juni ein zweiwöchiger Sommerkurs in Da Nang stattfinden wird, bei dem ich dabei sein kann. 😀

Kajakfahren in der Halong-Bucht…bei angenehmen 25°C
3 Tage später: gefühlt 40°C Trotz Todeshitze haben wir die Landschaft, genannt auch trockene Halong-Bucht, und ich vor allem die frische Luft genossen.
Und für die perfekten Urlaubsbilder wurde der Sonnenuntergang abgewartet. 😉  Aber die Bootstour wäre bei jeder Tageszeit toll gewesen.

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