Von Tet und was Hanoi zu Hanoi macht

Anmerkung: Ich habe diesen Blogeintrag kurz nach den Tetferien begonnen und erst jetzt mit über einem Monat Verspätung vervollständigt. Falls es also irgendwelche inhaltlichen oder logischen Sprünge geben sollte, entschuldige ich mich schon mal dafür und weise auf die Kommentarfunktion hin. Und offene Frage beantworte ich natürlich immer gerne. 😀

Chúc mùng nam mói! Willkommen im Jahr des Hahnes/Huhnes (was auch immer Gender-gerecht ist ^^). Unser Neujahr liegt ja mittlerweile schon über einen Monat zurück, aber in Vietnam wird jedes Jahr das Neujahrsfest nach dem Mondkalender, genannt Tet, feierlich begangen, wie zum Beispiel auch in China. Bei Tet handelt es sich um das wichtigste Fest des Jahres und vor allem auch um Traditionen, die im Kreise der Familie begangen werden. Daher lag in den Wochen und Tagen davor jene Stimmung in der Luft, die ich im Dezember als Weihnachtsstimmung noch vermisst hatte. Auf den Straßen konnte man sogar im Vergleich zu Hanoier Maßstäben extrem waghalsige Transportaktionen beobachten, galt es doch, die überall anzutreffenden Bäumchen, wahlweise Aprikose, Mandarine oder Pfirsich, nach hause zu bringen. Diese Bäumchen sind das wichtigste Symbol für Tet, da mit dem neuen Mondjahr auch gleichzeitig der Frühling eingeläutet wird. Weitere Merkmale sind die überall angeboten quadratischen Chung-Kuchen, eine Klebreisspezialität, die an Tet verspeist wird, und die viele Gebäude schmückenden Hahn-Symbole. Am erstaunlichsten aber war die Veränderung, die sich in Hanoi während der Feiertage und auch noch danach zeigte: die Straßen waren menschenleer, Moped-leer und Streetfood-leer. Wirklich, das öffentliche Leben hat für die paar Tage einfach aufgehört zu existieren und erst als die Schule wieder angefangen hat, ist die Stadt so richtig aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht.

Obwohl mir vorher davon erzählt worden war, dass man sprichwörtlich mitten auf der Straße ein Picknick veranstalten könne, war es trotzdem ein unwirkliches Gefühl, die Hanoier Straßen mit eigenen Augen so verlassen zu sehen. Natürlich gab es da vereinzelte Fahrzeuge, aber wer nicht unterwegs sein musste, war nicht unterwegs und dass alle Läden, (ja, alle!) geschlossen waren, ist eigentlich selbstverständlich. Jeder Vietnamese (ich bin mir der Verallgemeinerung bewusst, und natürlich habe ich da nicht überprüft, aber ich denke in diesem Fall kann ich das so stehen lassen) verbringt diese Tage mit seiner Familie und niemand hat Zeit zu arbeiten, schließlich müssen Mahlzeiten für den Ahnenaltar zubereitet und alle Verwandten sowie zahlreiche Tempel und Pagoden besucht werden. In den Tagen davor wird das Haus gründlich geputzt und vorbereitet, denn während der Feiertage zu putzen, bringt Unglück und wird strengstens vermieden. Mir wurde erklärt, dass man beim Putzen das Glück mit herauskehren würde, und besonders zum Jahresanfang braucht man doch soviel davon wie möglich.

Die Kinder freuen sich am meisten auf das sogenannte Glücksgeld, dass sie von ihren Eltern und zahlreichen Verwandten/ älteren Bekannten zum neuen Jahr geschenkt bekommen. Das soll sowohl den Schenkenden als auch den Beschenkten Glück bringen und so kommen stattliche Summen zusammen – eine klassische Win-Win-Situation und einer der Faktoren für die weihnachtliche Stimmung. Die tagelangen Essgelage spielen dabei bestimmt ein mindestens genauso große Rolle.

In dem Homestay, in dem ich mit Theresa über das Tetwochenende in Ba Vi untergekommen bin, wurden zum Frühstück, Mittagesssen und Abendessen richtige Festmahle aufgetischt. Dazu gehörten zwingend Xoi, das ist in Bananenblättern gekochter Klebreis, Fleisch (es gab sehr viel Hühnchen, ob man zum Start des Jahr des Huhnes besonders viel oder gar kein Hühnerfleisch essen solle, darüber gingen die Meinungen auseinander ^^) und Gemüse sowie Suppe. Und natürlich der obligatorische Chung-Kuchen. Dabei handelt es sich aber nicht um Gebäck, Kuchen ist lediglich die wörtliche Übersetzung aus dem Vietnamesischen, wo es bánh chung heißt. Und bánh ist der allgemeine Begriff für alles, was annähernd Brot/Kuchen-ähnlich ist.

Nach drei wunderschönen Tagen in Ba Vi, in denen wir nicht wie eigentlich geplant den Nationalpark besucht haben (der war wegen der Feiertage natürlich geschlossen, was haben wir uns gedacht? – gar nichts, dafür war die Reise zu spontan…), aber stattdessen mit der lieben Homestay-Großmutter zusammen in die Pagode gegangen sind, kamen wir am Sonntagabend in ein menschenverlassenes Hanoi zurück. Wirklich, die Stadt hatte sich in eine Geisterstadt verwandelt. Und das schlimmste war, auch am Montag gab es nirgendwo Streetfood. Denn auch die Tage nach Neujahr sind Feiertage, das öffentliche Leben beginnt erst mit dem Schulbeginn 5 Tage später wieder. Aber irgendwie haben wir uns selbst verköstigt und am Dienstag sind wir auch schon wieder raus aus Hanoi, mit einer Freundin und ihren alten Schulfreundinnen zusammen für eine Nacht nach Ninh Binh. Dort war es genauso wunderschön, aber deutlich touristischer, was wir in vollem Ausmaß in Trang An zu spüren bekamen. Tausende Vietnamesen tummelten sich auf einem Gelände, das ein bisschen Volksfestcharakter hatte, die Polizei versuchte, den Verkehr zu regeln, was dadurch erschwert wurde, dass der Eingang auf der einen und der Parkplatz auf der anderen Straßenseite lag…und tausende Boote luden im Sekundentakt Passagiere ein uns aus. Denn Trang An ist der Touristenspot Nummer 1, um eine Bootstour zu machen. Diese führt durch eine vor etwas über 10 Jahren künstlich angelegte Flusslandschaft, deren Felsen und Grotten aber natürlich echt sind und die genauso atemberaubend wie die Halong-Bucht sind. Es handelt sich auch tatsächlich um die gleichen Felsen, nur dass das Meer schon vor langer Zeit zurückgewichen ist. Die Gegend um Ninh Binh nennt man deswegen auch „trockene Halong-Bucht“. Aber für manche der zahlreichen Besucher waren Theresa und ich eine beinahe genauso interessante Attraktion wie die Natur, waren wir doch weit und breit die einzigen „Tâys“. Besonders die Kinder waren total fasziniert und haben und gewunken und gerufen. Sie waren einfach neugierig und haben sich gefreut, wenn ich zurückgewunken habe, aber es war trotzdem ein komisches Gefühl, so viel Aufmerksamkeit unter diesen Menschenmassen auf mich zu ziehen.

Und um meinen ausschweifenden Bericht noch etwas zu illustrieren, kommen jetzt noch ein paar Fotos:

Das Tetbäumchen im Eingang unseres Hauses…je größer, desto besser 😉

 

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