Die Tücken der vietnamesischen Sprache

Nach gut eineinhalb Monaten in Vietnam – kaum zu glauben!- möchte ich mich ein bisschen bei euch über die Hochs und Tiefs des Vietnamesischen auslassen. Im wahrsten Sinne des Wortes!!!

Denn das Vietnamesische ist eine tonale Sprache. Dass bedeutet, dass eine Silbe auf unterschiedliche Weisen ausgesprochen werden kann und sich je nach Tonhöhe und -länge sich auch die Bedeutung ändert. Die vietnamesischen Wörter sind nicht vollständig ohne Ton; jedes Wort hat einen der sechs Töne. Diese werden in der Schrift – die den Kolonialisten sei Dank einfach, da lateinisch, ist – durch fünf Akzente wiedergegeben, der erste Ton hat keinen Akzent. Da die Bedeutung des Wortes mit dem Ton steht und fällt und meine ungeübten europäischen Ohren die Unterschiede kaum erkennen können, ist es sehr schwierig, sich hier verständlich auszudrücken, auch wenn man mal eine Vokabel weiß.

Dieser Umstand führt zu sowohl witzigen als auch frustrierenden Situationen. Ein Beispiel: ich versuche „Dong-Xuan“ zu sagen, der Name des großen Marktes in der Altstadt. Ich werde nicht verstanden, obwohl ich die Wörter meiner Meinung nach nicht allzu falsch ausspreche. Dann schaffe ich es, zu erklären, wovon ich rede und die Reaktion ist: „Ach, der Dong-Xuaan-Markt. Ja, den kenne ich…“ Und ich denke mir: Das habe ich doch gerade gesagt, oder? Habe ich natürlich nicht.

Ebenfalls ist es schon häufig Ausländern, die versuchen, ein paar Brocken Vietnamesisch zu radebrechen, passiert, dass sie als Antwort erhalten: „Sorry, no English!“ Soviel dazu.

Aber ich bin dennoch hochmotiviert, so viel wie möglich zu lernen, um im Alltag nicht mehr immer auf das Lächeln-und-Nicken zurückgreifen zu müssen. Mein erster großer Fortschritt war das Erlernen der Zahlen, weil ich jetzt verstehen kann, wie viel etwas kostet. Damit kann ich zwar keine Unterhaltungen führen, aber ich fühle mich beim Einkaufen oder Essen im Straßenimbiss weniger ahnungslos. Das zweite, was meinen sprachlichen Horizont erweitert hat, ist das Wort Đức. Das bedeutet Deutschland. Damit kann ich auf eine der mir am häufigsten gestellten Fragen antworten, nämlich woher ich komme. Leider gibt es noch einige anderer Wörter, die sich für mich wie Đức anhören, aber nichts damit zu tun haben, sodass ich mich schon häufiger auf der Straße umgedreht habe in der Annahme, Leute würden über mich sprechen. Das tun sie hier nämlich sehr gerne. Die meisten Leute, die mich bislang angesprochen haben oder die sich neben mir mit Freunden über mich unterhalten, haben auch kein Problem damit, dass ich ihre freundlichen Fragen nur mit einem Schulterzucken beantworten kann. Besonders liebenswert sind ältere Frauen, die mich anlächeln und mir den Arm tätscheln nach dem Motto: wird schon noch. Genau das ist auch tatsächlich mein Mantra.

Eine weitere Herausforderung sind die Buchstaben ơ und ư, die zusätzlich zum normalen o und u vorkommen. Die Aussprache bewegt sich zwischen dem normalen o/u und dem den Umlauten, ohne aber wirklich mit einem von beiden vergleichbar zu sein. Es sind Laute, die irgendwie kehlig ausgesprochen werden und irgendwie auch nasal, wie das französische „en“ zum Beispiel. Wie gesagt, das habe ich noch nicht ganz ausgetüftelt. Wer sich dafür interessiert, das Wort phở ist ein häufig zitiertes Beispiel, es bedeutet Nudelsuppe (eigentlich heißt die Nudelart so und die Suppe ist danach benannt).

Der letzte große Brocken, an dem ich zu knabbern habe, sind die Anredeformen. Wenn ich einem Vietnamesen zu erklären versuche, das es 3 Artikel im Deutschen gibt und jedes Nomen einen Artikel besitzt, auch wenn es kein Lebewesen ist und dann noch hinzufüge, dass es nicht wirklich einen Grund gibt, warum es der Stift, aber die Schere heißt, dann hat dieser Vietnamese ungefähr den gleichen Grad an Überforderung wie ich mit den Anredeformen.

Denn diese kleinen Wörter sind elementarer Bestandteil des höflichen Umgangs miteinander. Um das ein bisschen genauer zu erklären, muss ich hinzufügen, dass es im Vietnamesischen kein „ich“ und „du“ wie im Deutschen gibt, sondern sich die Selbstbezeichnung bzw. Anrede des Anderen ändert, davon abhängig, mit wem man spricht. Die zwei entscheidenden Faktoren sind Alter und Geschlecht. Also muss ich ein anderes Wort für „du“ benutzen, wenn ich mit einer Frau oder einem Mann spreche und wiederum ein anderes, wenn ich mit einem Kind spreche. Mindblow!

An diesem Punkt möchte ich das mit dem Wunsch nach einem Bericht über die „political correctness“ (von einer meiner zahlreichen Leserinnen ^^) verbinden. Denn als unwissender Ausländerin wird mir sehr viel verziehen, was für einen Vietnamesen ein Fauxpas wäre. Aber eigentlich möchte ich gar keine Sonderbehandlung, was natürlich utopisch ist, weil ich immer auffallen werde und für meine Blässe bewundert werden werde.

Im Grunde genommen bewegt sich die „political correctness“ ja im gleichen Kontext wie Höflichkeit, und dazu habe ich bislang schon ein paar Erfahrungen gemacht. Es sind Kleinigkeiten, die mir bisher aufgefallen sind und die ich zu beherzigen versuche. Zum einen, im Bus für eine ältere Person aufzustehen. Das gibt es natürlich auch in Deutschland, aber ich finde, die Selbstverständlichkeit dieser Geste ist etwas anderes als die Widerwilligkeit, die ich in Deutschland häufig bemerkt habe.

Dann gibt es noch das universell einsetzbare „oy!“, das aber mit der richtigen Anrede versehen werden sollte. Es bedeutet soviel wie Hey! oder Entschuldigung, wenn man jemanden auf sich aufmerksam machen möchte. Mit diesem Beispiel kann man auch super die Anredeformen unterscheiden. Wenn ich also eine Kellnerin herbeirufen möchte, die mit ziemlicher Sicherheit älter als ich ist, dann sage ich chị oy, weil chị die Anrede für eine Frau ist, die älter als ich ist (aber jünger als meine Mutter). Handelt es sich um einen Kellner, sage ich anh oy, weil anh das Wort für ältere Männer ist, die jünger als mein Vater sind. Will ich einen Schüler in der Schule auf mich aufmerksam machen, der natürlich jünger ist, benutze ich em, das Wort für jüngere Personen beider Geschlechter. So weit so gut. Was ich allerdings noch nicht wirklich verstanden habe, ist, wie das mit den Altersabstufungen funktioniert und wie es sein kann, dass die universelle Höflichkeit von etwas so Relativem wie dem Alter der Eltern abhängt. Also versuche ich es mit Schätzen und sage im Zweifel lieber erst einmal nichts und lächle und winke.

Das Schweigen hat hier insgesamt eine größere Bedeutung als in Deutschland. Denn wenn man nicht weiß, was man sagen soll, dann schweigt man, während ich vielleicht eher dazu tendiere, wild drauf loszureden.

Und damit komme ich zur eigentlichen „political correctness“, in dem Sinne, wie sie mir auf dem Vorbereitungsseminar nähergebracht wurde. Ich soll nicht verallgemeinern (also man schreiben, obwohl ich nur einige Situationen dazu erlebt habe). Ich soll darauf achten, ohne Vorurteile und unvoreingenommen zu berichten. Ich soll meine persönlichen Erfahrungen so schildern, dass klar ist, dass es MIR so ging und es nicht unbedingt immer und überall genauso ist. Und ich soll mir meiner Privilegien bewusst sein. Das finde ich, ehrlich gesagt, ziemlich schwierig.

Auf der anderen Seite werde ich daran erinnert, Ausländerin zu sein, wenn ich Leute das Wort „Tay“ sagen höre. Soweit ich es mitbekommen habe, ist es nicht abwertend gemeint, aber es ist ein Label, das mich ganz klar hervorhebt. Tay bedeutet Westler. So wie wir in Europa alles östlich der Türkei in die Schublade Asien packen, so ist hier jeder mit weißer Haut ein Tay.

Die Vietnamesen (alle, immer und überall ^^) mit ihrem Streben nach heller Haut haben mir vor Augen geführt, wie willkürlich Schönheitsideale sind. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich mein Horizont Stück für Stück durch Kleinigkeiten des Alltags erweitert.

Das war jetzt eine ziemliche Tirade, aber ich hoffe, es hat euch einen Einblick gegeben, wie ich mich an alles gewöhne und alles sich hoffentlich auch ein bisschen an mich gewöhnt.

Wenn es andere Themen gibt, die euch besonders interessieren, meldet euch gerne bei mir und ich gebe mein Bestes, darauf einzugehen! 😀

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