After four weeks

Wie versprochen möchte ich euch meine Aufgaben und das alltägliche Schulleben etwas genauer beschreiben. Meine offiziell mit dem kulturweit-Programm kooperierende Einsatzstelle ist die Đong Đá Mittelschule, aber im Lauf der Wochen sind noch weitere Einsatzfelder für mich dazugekommen.

Einmal die Woche, nämlich immer am Montagnachmittag, helfe ich zwei Stunden im Unterricht der sechsten Klassen der Truong Vuong Mittelschule, die im ersten Jahr Deutsch lernen. Die Schule hat sich muttersprachliche Unterstützung gewünscht und an der Ðong Ðá findet zu dieser Zeit sowieso kein Deutschunterricht statt. So einfach ist das. ^^

Ebenfalls wöchentlich, und zwar mittwochnachmittags, leiten meine Mitfreiwillige Theresa und ich einen sogenannten Deutschclub an einer wiederum anderen Schule, der Ta Quang Buu Highschool. Diese Schule bietet Deutsch zwar nicht als Unterrichtsfach an, möchte sich aber ebenfalls damit rühmen können, ihren Schülern Deutsch zu bieten. Es ist uns theoretisch sehr freigestellt, wie wir diesen Club gestalten, praktisch werden die Möglichkeiten aber allein schon durch die Sprachbarriere eingeschränkt. Denn die Schüler sind Anfänger und wir des Vietnamesischen nicht mächtig, was uns als gemeinsame Sprache noch Englisch lässt. Nach der ersten Stunde letzte Woche bin ich gespannt, wie sich dieses Projekt entwickeln wird.

Der dritte Fixpunkt der Woche ist der Donnerstagvormittag, an dem ich gemeinsam mit Theresa und einem Lehrer damit beauftragt bin, zwei neunte Klassen zu beschäftigen. Diese Schüler werden nur noch bis Dezember regulären Unterricht haben, da sie sich im zweiten Halbjahr auf ihre Abschlussprüfungen vorbereiten müssen. Nach ihrem Abschluss werden sie Deutsch nicht weiter lernen, sodass ihre Motivation verständlicherweise gegen Null geht. Das alles macht die Sache nicht einfach, aber dennoch sind sie immer noch Lichtjahre von dem entfernt, was man in Deutschland eine „schwierige“ Klasse nennen würde.

Denn Disziplin ist hier an den Schulen ein elementarer, wenn nicht der elementare Bestandteil des Unterrichts. Jede/r Lehrer/in ist eine große Respektsperson, sogar ich als unerfahrene Ausländerin werde auf diese Weise behandelt. Diese Autorität drückt sich darin aus, dass die Schüler aufstehen, wenn sie eine Antwort geben, Blätter oder Hefte mit beiden Händen überreichen – dahinter steckt der gleiche Gedanke wie bei den Visitenkarten – und natürlich im allgemeinen Lautstärkepegel. Aufgaben werden allerdings genauso herausgezögert wie überall sonst auf der Welt. Eines der Wörter, das ich am schnellsten gelernt habe, ist „chua“ (noch nicht), die Antwort auf die Frage, ob sie mit einer Aufgabe schon fertig seien. Der Unterricht beginnt und endet damit, dass die ganze Klasse im Chor (und im Stehen natürlich) den Lehrer begrüßt bzw. verabschiedet und der Lehrer diesen Gruß erwidert.

Da ich bislang nur im Deutschunterricht dabei war, kann ich leider nicht über die anderen Fächer sprechen, aber es hat mich anfangs erstaunt, wie viel mit Computerpräsentationen gearbeitet wird. An meiner Schule in Deutschland haben die Lehrer den guten alten Overheadprojektor benutzt und PowerPoint-Präsentationen kamen fast ausschließlich bei Referaten zum Einsatz. Hier sind sie das Mittel der Wahl, um den Schülern neue Lerninhalte und Vokabeln zu präsentieren, sodass eine ganze Stunde sich daran orientiert. Das heißt nicht, dass die Tafel oder Arbeitshefte und Bücher nicht ebenso zum Einsatz kämen, aber in einer anderen Gewichtung. Anhand der Präsentationen werden zumeist die neuen Themen eingeführt, die dann mit den Unterrichtsmaterialien vertieft werden.

Der für mich faszinierendste Aspekt des Schullebens ist die Versammlung der Schüler auf dem Schulhof in der großen Pause, bei der Ansagen gemacht werden und die Schüler Gymnastik machen müssen. Jeden Tag ertönt die gleiche Musik vom Band, zu der Hunderte von Schülern und Schülerinnen synchron die vorgegebenen Bewegungen machen. Ihre Gesichter sagen dabei einiges über den Grad ihrer Begeisterung für diese Art von Sport aus, aber trotz allen Unmuts wird die Übung brav und korrekt ausgeführt – unter dem strengen Blick der Lehrer, muss man dazusagen. Nach knapp fünf Minuten ist das Spektakel vorbei und alles nimmt wieder seinen gewohnten Gang.

Ein weiterer Unterschied zu Deutschland ist die Stundentrommel. An der Ðong Ðá gibt es keine Klingel, sondern eine riesige Trommel, die zu Beginn und Ende jeder Stunde geschlagen wird. Der Unterricht beginnt morgens um halb acht und jede Stunde dauert 45 Minuten. Die große Pause liegt nach der dritten Stunde und nach der vierten Stunde ist der Vormittagsblock beendet und es gibt eine lange Mittagspause, während der viele Schüler nach Hause gehen. Nachmittags finden dann noch einmal fünf Stunden bis 17 Uhr statt. Ich habe das System bislang noch nicht wirklich durchblickt, aber meines Wissens haben nicht alle Schüler jeden Tag sowohl vormittags als auch nachmittags Unterricht, sondern teilweise nur eines von beiden.

Neben dem Alltag in der Schule hatte ich die letzten zwei Wochen und auch nächste Woche noch eine besondere Aufgabe: an der anderen ZfA-Schule in Hanoi, der Viêt Ðúc Oberschule, findet seit einigen Jahren ein Austausch mit einem Berliner Gymnasium statt. Theresa und ich wurden mit der Gestaltung und Erstellung eines Programmheftes für diesen Austausch beauftragt und werden auch einige Programmpunkte organisieren bzw. begleiten. Die Schüler aus Deutschland sind am Mittwoch angekommen und werden für zwei Wochen bleiben. Der erste von uns geplante Programmpunkt, der Besuch des Ethnologischen Museums, hat gestern stattgefunden. Diese Arbeit hat einige Zeit in Anspruch genommen, war aber eine tolle und interessante Abwechslung zu den alltäglichen Aufgaben. Am Montag werden wir zusammen die Altstadt und den Dong-Xuan-Markt besuchen und ich bin schon sehr gespannt. Es ist merkwürdig, nach so kurzer Zeit hier plötzlich in die „Expertenrolle“ zu schlüpfen, aber es zeigt mir auch, dass ich mich tatsächlich hier eingelebt habe. Das ändert aber dennoch nichts daran, dass jeder Tag in Hanoi für Überraschungen gut ist.

Ausschnitte aus dem Programmheft des Schüleraustausches

Ausschnitte aus dem Programmheft des Schüleraustausches

programmuebersicht

Die letzten Tage wurde ich davon überrascht, dass es nicht mehr heiß ist, wenn man die Wohnung verlässt. Am Donnerstagmorgen hat es sogar etwas geregnet und es war fast schon kühl. Die aus Deutschland angereisten Schüler empfinden es hier allerdings als warm. Der Blick auf den Wetterbericht zeigt auch tatsächlich 27°. Und es erreichen mich Nachrichten von nächtlichem Schnee aus Kasachstan, wo ebenfalls Freiwillige den „Herbst“ erleben. Verkehrte Welt…

Liebe Grüße aus dem herbstlichen Hanoi :D

Liebe Grüße aus dem herbstlichen Hanoi 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.