„The heat was hot and the ground was dry“

In meiner zweiten Woche habe ich begonnen, an meiner Einsatzstelle, der Đong Đa Schule, zu arbeiten. Der erste Kulturschock war für mich einer, mit dem sich bestimmt alle Post-Abiturienten sehr gut identifizieren können. Nach vier Monaten glückseligen Ausschlafens hieß es nun für mich wieder, mich morgens aus dem Bett zu quälen. Aber die Woche fing gut an, mit einem minimalen Stundenplan von zwei Stunden. Angestarrt wurde ich nicht nur in der Schule, sondern vor allem auch auf meinem Weg zur Schule, den ich zu Fuß bewältigte. Von unserer Wohnung brauchte ich dafür ungefähr 25 Minuten, was die Einwohner Hanois für den reinsten Irrsinn halten.

Denn zum einen fährt hier wirklich jeder, der nicht zu jung, zu alt, zu krank oder zu betrunken ist, Moped. Auch wenn es nur um 10 Meter geht. Oder um auf die andere Straßenseite zu kommen. Zum anderen kann man zu Fuß die Sonne schlechter vermeiden als auf dem Moped, wo der Fahrtwind als Ausgleich zur totalen Vermummung gegen das Licht dient.

Diese Abneigung gegenüber dem Sonnenlicht ist etwas, was ich zwar wahrnehmen, aber nicht wirklich begreifen kann, widerspricht es doch so vollkommen dem europäischen Ideal von sonnengebräunter Haut. Hier ist Hautbräune nicht erwünscht, ja geradezu verhasst. Das wird vor allem durch die vielen Kosmetikartikel in jedem Supermarkt deutlich, die mit „Whitener“-Effekten werben. Das war für mich der Kulturschock Nummer zwei: wer hier mit Hotpants und Top herumläuft, ist mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit ein Tourist, denn die Einheimischen bevorzugen Kleidung, die viel Haut bedeckt. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass man sich in klimatisierten Büroräumen natürlich anders kleidet als bei der Suche nach dem besten Souvenir. Aber es soll auch möglichst viel Haut vor der Sonne geschützt werden. Häufig habe ich auch schon Leute mit Regenschirmen gesehen, die bei strahlendem Sonnenschein hervorgeholt werden, um Schatten zu spenden. Als Ersatz dienen auch Einkaufstüten, Handtaschen oder was man sonst gerade so zur Hand hat. Und ja, es verhalten sich nicht nur die Frauen so, wenn auch Männer weniger empfindlich sind, soweit ich das mitbekommen habe.

Die absurdesten Ausmaße nimmt dieser „Vampirismus“ dann an, wenn sich Menschen im Bus oder im Café auf einen anderen Platz setzen, weil sie etwas Sonne abbekommen. Und nicht zu vergessen, die extra fürs Moped designten Jacken, deren Ärmel bis über die ganze Handaußenfläche reichen, und die Mundschutze, die vorrangig der Abschirmung und erst dann der Gesundheit dienen. Bislang habe ich mich noch nicht getraut, jemanden um ein Foto zu bitten, deswegen präsentiere ich euch erstmal ein Beispiel aus dem Internet.

http://www.anitasfeast.com/blog/2013/03/through-the-lens-motorcycle-fashion-in-vietnam/

http://www.anitasfeast.com/blog/2013/03/through-the-lens-motorcycle-fashion-in-vietnam/

Ihr seht, es ist wirklich eine verrückte Idee, bei der Hitze zu Fuß zu laufen. Das habe ich aber auch nur die ersten zwei Tage getan und dann habe ich meine Buslinie entdeckt. Sie ist wie für mich geschaffen, hält zwei Minuten von der Wohnung weg und direkt an der Schule. Leider habe ich es trotzdem geschafft, für den Rückweg am Mittwochabend eineinhalb Stunden zu brauchen. Das lag daran, dass ich den Bus in die falsche Richtung genommen habe. Der Bus hielt gerade, als ich aus dem Schulgebäude lief und ich stieg ohne weiter nachzudenken ein. Das war die erste falsche Entscheidung. Die zweite war, sitzenzubleiben, als ich merkte, dass es die falsche Richtung war. Ich dachte, der Bus fährt ja im Kreis (das tut er wirklich, die Endhaltestelle ist gleichzeitig die erste Haltestelle), also sollte ich irgendwann schon dort ankommen, wo ich hinwollte. In der Theorie. In der Praxis war meine dritte falsche Entscheidung, Hanois Riesigkeit zu unterschätzen. Dafür habe ich auch wirklich keine gute Entschuldigung – außer vielleicht, dass ich ein Kaffkind bin. ^^

Jedenfalls saß ich insgesamt eine Stunde in dem Bus, der immer leerer wurde, bis außer mir nur noch eine alte Frau, die mich freundlich-belustigt anschaute, und der Fahrkartenmann darin saßen. Von ihm bekam ich mitleidige Blicke und den Versuch, mir zu helfen, nach hause zu kommen. Also stieg ich irgendwann auf sein Geheiß aus und stieg in das nächste Taxi. Ich wäre genauso gut wahrscheinlich nach einer weiteren Stunde auch mit dem Bus nach hause gekommen, aber ich musste mich beeilen, um rechtzeitig zum Termin mit der Vermieterin anzukommen. Denn wir mussten noch die Miete zahlen, in bar. Das ist hier normal und auch billiger, als von einem Auslandskonto Geld zu überweisen. Aber trotzdem ist es ein komisches Gefühl, mehere Millionen Đong auf einmal abzuheben (soweit das die Automaten mitmachen, die meisten spucken höchstens 2.000.000 đ pro Abhebung aus).

Ein eigenes Kapitel für sich sind auch die Busse, mit ihren inoffiziellen Verhaltensregeln: erst einmal gibt es in jedem Bus einen Fahrkartenmensch, der ein dickes Bündel Geldscheine in der Hand hat, die zwischendurch gezählt und sortiert werden. Man bezahlt für jede Fahrt einzeln, unabhängig von der Länge der Strecke, aber viele der Einheimische haben eine Monatskarte. Fast alle der ungefähr 100 Buslinien kosten 7.000 đ, das sind umgerechnet ca. 30 Cent. Davon kann sich der Öffentliche Verkehr in Deutschland gerne eine Scheibe abschneiden. Der Fahrkartenmensch hat mir auch schon häufiger geholfen, die richtige Haltestelle anzuzeigen, denn die Durchsagen sind, nunja, auf Vietnamesisch und die Haltestellen haben keine Namen. Der Retter in der Not waren bisher auf einen Zettel Papier gekritzelte Straßennamen, den ich beim Einsteigen gezeigt habe, sodass ich freundlich auf den richtigen Halt hingewiesen wurde. Oder natürlich Google Maps. Und die Standortfunktion. Amen.

Die Schilder zeigen zwar an, welche Busse halten und wohin sie fahren, aber ich bin trotzdem meistens überfordert. Anstatt einen Namen zu haben, heißen die Haltestellen "Haltestellen". Ergibt ja auch Sinn...^^

Die Schilder zeigen zwar an, welche Busse halten und wohin sie fahren, aber ich bin trotzdem meistens überfordert. Anstatt einen Namen zu haben, heißen die Haltestellen „Haltestellen“. Ergibt ja auch Sinn…

Dann sind da noch die auf Hochtouren laufenden Klimaanlagen, die den Bus umso attraktiver machen, aber dafür gesorgt haben, dass ich mir angewöhnt habe, ein Halstuch einzustecken. Und, angesichts des wahnsinnigen Verkehrslärms umso überraschender, das Schweigen. Ab und zu unterhalten sich ein paar Leute leise, aber das wird durch die überwiegenden Einzelsitzplätze nicht wirklich gefördert. Ansonsten hören viele Busfahrer den Radiosender ihres Vertrauens in einer raumfüllenden Lautstärke, die weder von Kopfhörermusik, die alle anderen mithören müssen, noch langen Telefongesprächen gestört wird. Es ist nicht so, als dürfte man sich nicht unterhalten, aber aus irgendeinem Grund fühlt man sich wohler, teil der schweigenden Masse zu sein.

Am Donnerstag standen Theresa und ich das erste Mal den Neuntklässlern gegenüber, deren Beschäftigung (nicht unsere Worte) bis Dezember unsere Aufgabe sein wird. Was genau das bedeutet, und womit wir es außerdem noch im Rahmen unserer Freiwilligenarbeit zu tun bekommen, darüber werde ich in meinem nächsten Eintrag berichten. Und ich werde auch ausführlicher auf das alltägliche Leben hier eingehen, das ist in diesem Beitrag etwas kurz gekommen zugunsten meines Staunens über alternative Schönheitsideale und Verhaltensmuster.

Ebenfalls kann ich endlich mit Stolz behaupten, einige Punkte auf der touristischen To-Do-Liste abhaken zu können. Dem werde ich ebenfalls einen eigenen Beitrag mit VIELEN Bildern widmen. 😀

 

 

 

 

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