„I was looking at all the life“

Wo fange ich bloß an, es ist so viel passiert in der Woche, die ich jetzt hier bin, dass es sich eher anfühlt, als wäre schon ein Monat vergangen. Ich bin letzten Montag, den 12. September, um 6:00 Uhr morgens in Hanoi gelandet. Es war unbequem und laut im Flugzeug, aber ich hatte eine sehr nette Sitznachbarin, die mir geholfen hat, nicht darüber nachzudenken, wohin mich dieses Flugzeug eigentlich bringen wird. Aber vor die Frage gestellt, was mich am Flughafen denn eigentlich erwartet- nämlich niemand- habe ich erlebt, dass die Dinge hier anders laufen, aber nichtsdestotrotz laufen.

Ich wurde eingeladen, mit ihrer Familie Richtung Innenstadt zu fahren und es wurde eifrig geplant, wie man mir Überforderten beim Geldwechseln helfen könne. Und so habe ich meine mitgebrachten Euro nicht am Flughafen in die Landeswährung đong getauscht, sondern wir fuhren zum Hanoier Luxushotel Hilton und wollten an der Rezeption Geld tauschen. Das ging natürlich nur für tatsächliche Gäste besagten Luxushotels und so ging es weiter zu irgendeinem Juweliergeschäft, das dann tatsächlich anstandslos mein Geld umtauschte, zu einem guten Kurs, wie mir erklärt wurde. Ich war immer noch überfordert mit allem und bedankte mich einfach tausendmal. Nach diesem Erfolg wurde ich an dem Hotel abgesetzt, das ich für die ersten Nächte gebucht hatte. Mir selbst und meiner Müdigkeit überlassen, schlich ich einige Runden durch die engen Gassen, um irgendwie ein Gefühl von Orientierung zu erhalten. Ich hätte mich sehr gerne einfach nur schlafen gelegt, aber zum einen war es noch viel zu früh, um einzuchecken und zum anderen wollte ich möglichst schnell der Zeitverschiebung anpassen. Ich fiel natürlich extrem auf, alleine mit meinem Rucksack und planlos an einem Montagvormittag durch den emsigen Marktbetrieb irrend. Und dann kommt natürlich noch hinzu, dass ich eine blonde „Tay“, eine Westlerin bin, wie die Europäer in Vietnam genannt werden.

Der erste vietnamesische Eiskaffee

Der erste vietnamesische Eiskaffee

Irgendwie habe ich diese Stunden totgeschlagen und es sogar geschafft, meinen ersten vietnamesischen Eiskaffee zu bestellen, der Beginn einer großen Liebe. 😉

Am nächsten Tag hatte ich gleich eine Wohnungsbesichtigung, die erste einer halben Odyssee. Die Entfernung zur Schule, meiner Arbeitsstelle, sprach leider sofort dagegen, aber die Fahrt auf dem Moped zur Besichtigung war das Highlight meines Tages. Allein der Fahrtwind, aber auch die Freude darüber, nicht in der Ausweich-Position des gemeinen Fußgängers zu stecken, begeisterten mich so, dass das ständige Hupen und der viel zu große Helm ziemlich egal waren.

Über den Verkehr in Hanoi und die ihm innewohnenden Gesetze und Dynamiken könnte man ein ganzes Buch schreiben, falls das nicht sogar schon jemand getan hat. Wenn also Interesse an genaueren Schilderungen besteht, schreibt das doch bitte in die Kommentare. ^^

Mitten in der Innenstadt verlaufen Bahngleise und ab und zu wird die Szraße abgesperrt, wenn ein Zug durchfährt.

Mitten in der Innenstadt verlaufen Bahngleise und ab und zu wird die Szraße abgesperrt, wenn ein Zug durchfährt.

Ein weiteres großes Thema, das mich am Anfang total überfordert hat, ist die Währung: ein Euro entspricht ungefähr 25.000 vietnamesischen Đong, das Geld ist also wenig wert, der kleinste Schein sind 1.000đ. Dieser Umstand hat dazu geführt, dass ich von jetzt auf gleich Millionärin geworden bin und beim Einkaufen schnell mal 200.000đ ausgebe. Gleichzeitig ist das Leben, vor allem das Essen, sehr günstig, sodass man im Restaurant selten mehr als 3€ ausgibt.

Der Schildkrötenturm im Hoan Kiem See wird abends im Dunkeln angeleuchtet. Wunderschön!

Der Schildkrötenturm im Hoan Kiem See wird abends im Dunkeln angeleuchtet. Wunderschön!

Am dritten Tag bin ich morgens zu meiner Einsatzstelle gefahren und wurde dort sehr freundlich empfangen. Ich habe mich den Deutschlehrern und ihren Klassen vorgestellt und war besonders fasziniert von der täglichen Gymnastikzeremonie in der Pause. Dabei stellen sich die Schüler nach Klassen sortiert auf den Schulhof und bewegen sich ca. 5 Minuten lang synchron zur über Lautsprecher abgespielten Musik. Danach geht der Schulalltag ganz normal weiter und meine neugierigen Blicke wurden von mindestens genauso neugierigen Schülern erwidert.

An meiner Einsatzstelle, der Dong Da Mittelschule, gibt es Schüler der Jahrgänge 6-9 und Deutsch ist für einige die zweite Fremdsprache, die in der 6. begonnen wird. Angesichts meiner nichtexistenten Vietnamesischkenntnisse war ich wirklich beeindruckt, wie gut die Schüler mit so einer schwierigen Sprache wie der deutschen zurechtkommen.

 

Hoan-Kiem-See, Freitagabend, die Stadt feiert. Was genau, haben wir leider noch nicht herausgefunden. ^^ Aber wir waren dabei!

Hoan-Kiem-See, Freitagabend, die Stadt feiert. Was genau, haben wir leider noch nicht herausgefunden. ^^ Aber wir waren dabei!

Abends habe ich mich das erste Mal mit den anderen Freiwilligen getroffen, die auch kurz zuvor in Hanoi angekommen waren. Zusammen scheiterten wir an einer eindeutigen Bestellung (wenn man die Karte nicht lesen kann, bestellt man einfach irgendwas und lässt sich überraschen, was es wird) und tauschten uns über unseren Umgang mit dem Wahnsinnn, der hier Straßenüberquerung genannt wird, aus.

Am Donnerstag stand eine weitere Wohnungsbesichtigung an, denn obwohl das Hotel natürlich sehr komfortabel war, wollte ich gerne so schnell wie möglich in eine Wohnung einziehen. Aber auch diesmal gab es einen Haken und zwar war die Wohnung für zwei Leute gedacht, von denen einer ein Klappbett im Wohnzimmer erhalten würde. Meine Mitfreiwillige Theresa, mit der ich mich zusammen auf die Suche gemacht hatte, und ich konnten uns nicht mit dem Gedanken anfreunden, ein Jahr lang kein eigenes Zimmer zu haben. Also hieß es den restliche Tag über, Internetseiten, Facebookgruppen und Expat-Foren auf der Suche nach Wohnungsanzeigen und Vermietern zu durchforsten, sodass wir am Freitag ganze vier Besichtigungen in Angriff nehmen konnten. Erst einmal machten wir jedoch auf dem Rückweg um den Hoan-Kiem-See im Stadtzentrum die Erfahrung, als blonde, weiße Frauen sehr viel Interesse zu erwecken, vor allem weil gerade Theresa auch durch ihre Körpergröße auffiel. Dieses Interesse bestand hauptsächlich darin, dass wir von Leuten angesprochen wurden, die mit uns Englisch reden wollten und am liebsten auch noch ein paar Selfies schießen, wo man gerade dabei war. Es ist ein sehr komisches Gefühl, für etwas so viel Aufmerksamkeit zu erregen, worauf man überhaupt keinen Einfluss hat und was normalerweise auch keine Besonderheit wäre. Bei allen neugierigen Blicken sind die Menschen hier immer sehr freundlich und mir wurde immer mit einem nachsichtigen Lächeln verziehen, wenn man mir alles drei Mal erklären muss und ich immer noch nur lächeln und nicken kann, weil ich kein Wort verstehe.

Die mit großen Erwartungen beladenen Wohnungsbesichtigungen am Freitag waren sehr ernüchternd, a an jeder Wohnung irgendwo ein Haken war. Entweder war der Weg zur Schule viel zu weit oder die Wohnung war zu teuer oder sie war so klapprig und ungemütlich, dass wir dort einfach nicht wohnen wollten. Nach der letzten Wohnung fragten wir uns, ob wir nicht einfach unsere Erwartungen würden herunterschrauben müssen.

Aber erst einmal stand am Samstag ein Seminar an, das von der für Vietnam zuständigen ZfA-Koordinatorin (=Zentralstelle für Auslandsschulwesen; das ist die Organisation, die den Freiwilligenplatz an der Schule ermöglicht) anberaumt wurde. Hier trafen wir beiden Freiwillige auf die aus Deutschland kommenden Deutschlehrer, die an unseren Schulen als Unterstützung für die einheimischen Lehrer arbeiten. Abends machten wir uns dann zu unserer letzten Besichtigung auf und das es die letzte sein würde, stand ziemlich schnell fest, denn nun hieß es: zusagen oder weiter suchen? Und Sonntag hatte das Warten auf Godot dann tatsächlich ein Ende.

Sorgfältig gingen wir mit Vermieterin und Maklerin (das klingt hochgestochen, aber ich war unglaublich dankbar für eine Person mit Englischkenntnissen) den Vertrag und die Kaution durch. Und dann konnte ich das erste Mal seit zweieinhalb Wochen meinen Koffer auspacken (nach dem Vorbereitungsseminar habe ich nur schnell das Wichtigste umgepackt) und meine erste eigene Wohnung beziehen. Ich habe es immer noch nicht ganz realisiert!

Die Wohnung am Tag des Einzugs, der Gemütlichkeitsfaktor ist noch nicht ausgereizt...

Die Wohnung am Tag des Einzugs, der Gemütlichkeitsfaktor ist noch nicht ausgereizt…

Das Gebäude, in dem ich wohne, von außen. Es gibt sogar einen Türwächter. xD

Das Gebäude, in dem ich wohne, von außen. Es gibt sogar einen Türwächter.

Dieser sehr lange und ausführliche Bericht soll exemplarisch zeigen, was mich hier alles an Umstellungen und „Alltagsabenteuern“ erwartet, aber auch, dass ich nicht alleine mit allem klarkommen muss.

Und obwohl hier alles so anders ist, funktioniert es im Endeffekt irgendwie. Ich staune jeden Tag über neue Dinge und gewöhne mich gleichzeitig unglaublich schnell an Verrücktheiten, die mir dann eigentlich ganz verständlich erscheinen. Manche Dinge sind hier schwieriger, andere wiederum viel einfacher. Aber davon dann mehr in meinem nächsten Text! 😀

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