Über eine schlechte Idee in La Paz – und Urlaubswirrungen in Kolumbien

Ab wann erkennt man eigentlich eine schlechte Idee? Ist es der Moment, in dem man beginnt, sie in die Tat umzusetzen? Ist es vielleicht der Zeitpunkt just nach der missglückten Ausführung, wenn man die Folgen der schlechten Idee überhaupt erst zu spüren bekommt? Und daran angeknüpft: Sollte es nicht vielmehr bereits der Moment sein, in dem der Gedankengang noch nicht ganz ausgereift ist und sich dementsprechend leicht abbrechen ließe?

Ja, wahrscheinlich. Manche Menschen, besonders kluge, muss das wenig beschäftigen. Sie sind es ja, die meistens die guten Ideen haben. Ihnen bleibt oftmals nur die Beobachterrolle, wenn schlechte Ideen in den Köpfen der nicht so klugen Menschen Wurzeln schlagen und sich anschicken, in die Tat umgesetzt zu werden. Diese klugen Menschen sind es auch, die meistens schon im Ansatz erkennen, woran eine schlechte Idee scheitert. Für nicht so kluge Menschen gar nicht so einfach, es könnte ja vieles sein: zum Beispiel das fehlende Denkvermögen, das einer solchen Idee zugrunde liegt. Oder die Naivität, geschickt getarnt als Genialität und oftmals gepaart mit einer gehörigen Portion Spontanität, die jeden Gedanken an die Zukunft und an etwaige Konsequenzen vergessen lässt. Vielleicht ist es ja auch besondere Kühnheit, die in Wahrheit zu nichts anderem als zum Scheitern verurteilt ist. Vielleicht ist es gar eine Mischung aus allen Punkten, ich weiß es nicht.

Wie dumm kann man sein? oder: „Hätte ich doch die Laufschuhe im Schrank gelassen“

Was ich aber weiß, ist, dass ein kluger Mann, Linus Carl Pauling hieß er, einmal folgenden Satz gesagt hat, der mir aus der Retroperspektive heraus relativ stimmig erscheint: „Man muss nicht nur mehr Ideen haben als andere“, mahnte er, „sondern auch die Fähigkeit besitzen zu entscheiden, welche dieser Ideen gut und welche schlecht sind.“ Und ich weiß auch, dass dieser Linus Carl Pauling wohl die Hände über den Kopf zusammengeschlagen hätte, wenn er mich an diesem 20. Dezember 2017, einem eigentlich ausgesprochen warmen und sommerlichen Tag, beobachtet und miterlebt hätte, wie wortwörtlich alles den Bach hinunter ging. Aber wer konnte denn schon ahnen, dass ich meine Laufschuhe an diesem 20. Dezember mal lieber im Schrank hätte stehen lassen sollen? Richtig, keiner. Also lief ich einfach los. Und kam erstmal nicht so schnell wieder zurück.

Dafür muss man wissen, dass ich in Sopocachi wohne, einem relativ zentral gelegenen Stadtviertel von La Paz, seit dem Wirtschaftsboom Anfang des Jahrtausends Sehnsuchtsort für Hipster und Geschäftsmänner gleichermaßen, wo kleine Cafés zusammen mit Wolkenkratzern, Universitätsgebäuden und öffentlichen Parks die steilen Pflastersteinstraßen säumen. Sogar vegetarisch kann man hier essen. Das ist nicht selbstverständlich für ein Land, in dem Dir auf die Frage, ob es denn auch Gerichte ohne Fleisch gebe, in aller Regel Hühnchen oder Fisch serviert wird; schließlich sei das ja kein richtiges Fleisch, wie häufig mit einem wohlwollenden Lächeln betont wird.

Blick ueber ganz La Paz: der Montículo, Aussichtsplattform in Sopocachi.

Aber gut, ich schweife ab. Von Sopocachi jedenfalls hat man als Jogger zwei Optionen: Entweder man nimmt zuerst den steilen Weg in die nördlich gelegenen Stadtteile, um danach schön entspannt und ohne große körperlichen Mühen den Rückweg bergab anzutreten. Motto: erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Oder man macht es wie eine zweite Gruppe von Joggern, seit Schultagen erwiesenermaßen notorische Verzögerer, die sich erst über die wundersame Entwicklung ihrer joggerischen Fähigkeiten wundern und gar nicht aufhören können zu rennen, ehe schließlich der beschwerliche Aufstieg ansteht und sie dann doch ein Radio-Taxi herbeiwinken und sich verschwitzt nach Hause fahren lassen.

Ich bin wie ich bin, und so entschied ich mich an diesem 20. Dezember kurzum für Option Zwei. Kurze Hose, zerlatschte Nikes und ein bei der Wäsche eingegangenes 1860-München-Trikot aus der Abstiegssaison 2016/17, dann ging es schon los; vorbei an den grimmigen Blicken einer am Boden sitzenden, Avocado verkaufenden Cholita, vorbei am türkischen Kebab-Imbiss, der ausschließlich Gyros im Angebot hat, vorbei an einigen streunenden Straßenhunden, die bei meinem Anblick  wohl bereits wussten, was diesem Trottel drohte und trotzdem (oder vielleicht genau deswegen) genüsslich liegenblieben. Irgendwann kam ich dann im Stadtviertel Obrajes an, am Haus von Evo Morales, dem Präsidenten Boliviens. Von Evo war selbstredend keine Spur; dafür sahen mich circa zwanzig Leibwächter grimmig an, passend zum dunklen Ambiente der heraufziehenden Wolken, die sich bedrohlich über die Anden-Metropole und den vormals strahelnd blauen Himmel legten. In La Paz ist das nichts Ungewöhnliches. Sonne wechselt sich munter mit Wolken ab, Wolken mit Regen, Regen mit Sturm, Sturm mit Schnee, zumindest im Winter. Nicht umsonst sagt man über die Stadt des bolivianischen Regierungssitzes, dass sie alle vier Jahreszeiten in einem einzigen Tag vereint. Planungssicherheit? Gibt es nicht.

Ob Istanbul oder La Paz: Hauptsache Gyros!

All das hätte mir eine Warnung sein können. War es aber nicht. Und so lief ich weiter hinab, in Richtung Zona Sur, dem südlichsten Stadtteil, gelegen auf 3200 Metern. Zum Vergleich: Villa Fatima, das nördlichste Barrio, liegt auf knapp 4000 Metern über dem Meeresspiegel, Sopocachi immerhin auf 3700 Metern. Und so kam es, wie es kommen musste. Die ersten Regentropfen fielen auf mich herab, als ich begriff, in welch misslicher Situation ich mich gleich befinden würde. Zwei Minuten später war ich bereits klitschnass, es donnerte und blitzte, und Wassermassen, wie ich sie noch nie in meinem Leben gesehen habe, schossen von den nördlichen Teilen in Richtung Süden, dass sich selbst die hartgesottenen Taxifahrer in ihren alten Toyotas nur im Schritttempo die geteerten Abhänge hinunterwagten.

Ich fühlte mich in meinem viel zu kleinen 1860-Trikot ein wenig an die Situation meines Herzensvereins erinnert. Vom Schicksal schwer überrascht, einigermaßen orientierungslos, bis ins Mark verunsichert, von inneren Konflikten zerrissen, ohne interne bzw. externe Kommunikation (mein Handy ließ ich in weiser Voraussicht zu Hause) und endgültig auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Ach ja, Geld hatte ich auch keins.

Keine Cholita, keine Hunde, nur eine brennende Lunge

Ich beschloss, mich kurz unterzustellen, was sich allerdings als ziemlich wirkungslos herausstellte; aufhören würde das Unwetter so schnell nicht. Und irgendwann musste ich ja so oder so wieder aufsteigen. Also lieber gleich. Das war wohl die beste Idee, die mir an diesem Dezembertag, der so schön begonnen hatte, in den Sinn kam.

Zwei Stunden später war ich wieder zu Hause, pünktlich zum Ende meines Sprachkurses. Die Avocado verkaufende Cholita habe ich nicht mehr angetroffen, ebenso wenig die streunenden Hunde, die bei so viel Dummheit wohl ohnehin nicht mehr mit meiner Rückkehr gerechnet haben. Wenigstens war der Gyros-verkaufende Kebab-Imbiss noch an Ort und Stelle, auch wenn der Besitzer den Laden für den heutigen Tag bereits geschlossen hatte. Ob ich überhaupt einen Bissen bei meinen brennenden Lungen runterbekommen hätte? Ich wage es zu bezweifeln. Müde fiel ich ins Bett, ohne Essen, dafür mit Klamotten. Wenigstens gelang es mir am nächsten Tag, ausgeschlafen um 9 Uhr in der Arbeit zu erscheinen. Man kann also auch die positive Seite dieser ziemlich traurigen Geschichte sehen. Wer einen Ratschlag in Sachen Zeitgestaltung und effizientem Planungsmanagement benötigt, der wende sich bitte an mich.

15 Uhr, Kolumbien. Das Weihnachtsessen steht vor der Tuer.

Diesen Rat kann ich Euch wirklich guten Gewissens ans Herz legen; schließlich bewies ich mir 48 Stunden später selbst, am Tag vor Heiligabend, dass ich durchaus gute, ja im Grunde fast schon fantastische Ideen haben kann. Und zwar nicht nur eine, die mir spontan ganz sinnhaft vorkommt. Sondern eine, die ich auch aus der Retroperspektive heraus als einigermaßen lohnend bezeichnen würde. (Dass eben jene Idee eigentlich zwei Wochen zuvor entstand und ich nur im Verbund meiner Kollegen überzeugt werden konnte, meine ursprüngliche Planung über den Haufen zu werfen, möchte ich an dieser Stelle eigentlich gerne unter den Tisch kehren. Kann ich aber nicht, denn dann könnte ich ja gar nicht zum Ausdruck bringen, wie glücklich ich bin, dass ich auf sie gehört habe.) So kam es nämlich, dass ich meinen Weihnachtsurlaub samt Neujahrsfeier nicht nur an einem anderen, einem wärmeren, einem maritimeren Ort verbingen durfte – es schien auch so, als töte die Hitze konsequent alle schlechten Ideen, die aus Gewohnheit in meinem Kopf schwirren, zuverlässig ab. Wie gesagt: Es schien so. Zumindest in der ersten Woche. Die war wirklich spektakulär. Die Wirrungen der zweiten Woche ließen dann zumindest ein etwas differenzierteres Bild von unserer Reise in meinem Kopf entstehen, ohne dass ich gleich von der Qualität der Nahtod-Erfahrung meines Jogging-Gehirnunfalls sprechen möchte.

Daher: Vorhang auf für die Do’s und Dont’s an Kolumbiens Karibikküste, einer Region mit 12 Sonnenstunden am Tag anstatt Vier-Jahreszeitenwetter, 33 Grad statt nasser Kälte, und endlosen Sandstränden, wenn man sich nur aus den Städten hinauswagt. Und weil ich langsam müde bin vom ewigen und einigermaßen geschwollenen Sätzeformulieren, gibt’s diese Art des Touristen-Führers im guten, alten Listicle-Format.

Cartagena de Indias, Küstenmetropole im karibischen Norden Kolumbiens

Do’s

  1. Altstadt besuchen, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.
  2. Schlemmen, was das Zeug hält.
  3. Etwas mehr Reisezeit investieren und zu den Stränden außerhalb der Stadt fahren. Kilometerweiter Strand und türkisblaues Wasser entlohnen fürstlich.

Dont’s

  1. Im Café del Mar einen Kaffee trinken wollen. Gibt’s dort nämlich nicht.
  2. Meeresfrüchte selbst zubereiten, zum Beispiel ein Kilo Schrimps. Geht erwiesenermaßen für den Magen nicht so gut aus. 
  3. Während der Moped-Fahrt zum Strand auf dem Rücksitz den Auspuff mit dem Trittbrett verwechseln. Auch keine schöne Erfahrung.

Taganga, kleines Fischerdorf neben der Großstadt Santa Marta

Do’s

  1. Schnorcheln gehen. So eine vielfältige Unterwasserwelt habe ich selten gesehen.
  2. Nach Minca zur Sierra Nevada fahren, einem Bergmassiv mitten im tropischen Regenwald. In der 5×5-Meter großen Hängematte die Aussicht genießen und nicht vergessen, Mückenspray aufzutragen.
  3. Sich lieber dreimal von Einheimischen versichern lassen, welches Krankenhaus des beste und kompetenteste ist. Sonst landet man im Härtefall am Ende in der Privatklinik El Prado, und das will wirklich niemand.

Dont’s

  1. Im Hostel über eine 2×0,5 Meter große Hängematte springen wollen. Fragt doch mal bei der lieben A. und ihrem gebrochenen Ellenbogen nach, warum man das lassen sollte.
  2. Kein Mückenspray in Minca auftragen. Dengue lauert überall. Fragt (in diesem Fall lieber nicht) bei der lieben J. nach.
  3. Ins El-Prado-Hospital gehen. Geld und Menschenwürde sind relativ, das lernt man dort sehr, sehr schnell.

Komm zum Punkt, Lukas! Bueno. Alles in allem war Kolumbien definitiv eine tolle Erfahrung und eine willkommene Abwechslung zum Anden-Alltag in La Paz; außerdem war es die richtige Antwort auf meinen unfreiwilligen Extrem-Lauf, der zumindest psychisch (die Scham war sehr groß) noch ein Weilchen andauerte. Auch weigere ich mich, die Reise wegen so manchem Vorkmmnis als schlechte Idee oder gar als Fehler anzusehen – dafür waren die guten Momente einfach zu zahlreich. Wie oft verbringt man denn schon Weihnachten am Sandstrand und isst dabei so gut, dass einem allein beim Erinnern noch immer das Wasser im Mund zusammen läuft? Wie oft trifft man denn schon als Tourist so unverfangen auf Einheimische, so ehrlich, so zuvorkommend? Und wie oft darf man denn schon ein Land bereisen, das vom Regenwald über seine Wüstenzone bis hin zu Küstengebieten, Inseln und Bergketten so ziemlich alles mitbringt, was die Erde an Klimazonen zu bieten hat? Eben.

Mittlerweile bin ich wieder in Bolivien, in den rauen Höhen von La Paz, dort, wo ich mich mit einer ganz speziellen Duftmarke – wie im oberen Teil detailliert beschrieben – verabschiedet habe. Die Stadt hat mich derweil wieder so aufgenommen, wie man es erwarten durfte: mit starkem Wind, schwacher Luft, wenig Sonnenschein und viel Regen. So als möchte sie mir ins Ohr flüstern: „Egal was Du vorhast, lass‘ das bloß bleiben!“ Aber keine Sorge, ich lass‘ mir nichts einreden. Schließlich sind die Gedanken frei.

Und wie heißt es doch so schön: „Wer nicht gefehlt, der nicht gelebt.“ Adiós, muchachos!

La Paz, zusammengefasst auf einem Bild: Wolken, Berge, ein paar Baeume, Hochhaeuser und Armensiedlungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.