Beobachtungen auf Reisen: über Wurzeln, Identitäten und Armut.

Einer meiner neuen Aufgaben ist es, einen Konversationskurs zu halten. Ich kurzerhand voll motiviert, der Vorschlag ganz folgerichtig, den Kurs doch auch für diejenigen, die an der Lehrerausbildung in Puerto Rico teilnehmen, anzubieten. Und so bin ich vor einer guten Woche das erste Mal in der Früh verschlafen in den Bus geklettert und habe die 60 km Fahrt auf mich genommen.

Die Fahrt ist ereignislos, normalerweise passiert doch da immer was, wenn ich in so einen Bus einsteige, egal. Der Kurs läuft gut, ich bleibe bei der Lehrerin und ihrer Familie zum Mittagessen und fahre am Nachmittag weiter zu einer weiteren Freiwilligen in Jardín América, weitere 30 km Richtung Süden. Wir hatten gemeinsam den Wiedervereinigungswahnsinn durchgemacht und hatten uns für das Wurzelfest, die fiesta de las raices, verabredet.

Nach einigem frohen Vorglühen gehts dann zu der Festhalle. Da ist die Sause schon voll in Gange und die ukrainische Gemeinschaft zeigt ihre Tänze, teils mit Gesang dazu. Die Musik ohne derben Gesang, um einiges kurzweiliger als die Veranstaltung von letzter Woche. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass wir keine Ahnung haben, wie die ukrainische Kultur in der Ukraine aussieht und wir uns dadurch nicht als fremd der eigenen Kultur gegenüber fühlen konnten.

Ihren eigenen Wurzeln feiern dort nicht nur die Nachfahren deutscher, spanischer, italienischer und innerargentinischer Migranten, sondern auch Guaraní, die indigene Bevölkerung, eben ukrainischer, japanische rund arabischer Zugereister. Und so sitzen wir dort in der Mitte des südamerikanischen Kontinents in einem arabischen Zelt, KellnerInnnen tragen Wasserpfeifen durch die Gegend und Tänzerinnen schwingen die Hüften. Wir essen danach Japanisch und tanzen mit argentinischen Jugendlichen bis in die frühe Morgenstunden. Insgesamt doch ein sehr beeindruckendes Beispiel, wie durch Pluralität und wie Diversität mehr als die Summe aus den einzelnen Teilen wird! Migration als absolute Bereicherung.

Doch mir drängt sich immer mehr die Frage auf, was das mit der Identität eines Menschen macht, wenn die Eltern oder Großeltern verherrlichend von einem weit entfernten Land reden, das für eineN selbst unerreichbar scheint, wie es vor einigen Generationen bei den Familien mit Wurzeln aus anderen Erdteilen vorgekommen ist – davon haben wir mittlerweile mehrere Menschen hier erzählt. Und auch die ständige Besinnung auf die Wurzeln von woanders, wie es bei diesem Fest ist, sucht doch die eigene Identität in der Fremde zu begründen, die doch für viele hier aus wirtschaftlicher Sicht unerreichbar scheint. Wie kann ich mich irgendwo zuhause fühlen, wenn mir immer wieder gesagt wird, das meine wahre Heimat woanders liegt? Wie, wenn ich durch Sprachbarrieren – denn lange Zeit behielten die immigrierten Familie ihre Muttersprache bei – vom Kontakt mit meinen Mitmenschen ausgeschlossen sind? Als was kann ich mich fühlen, wenn dann auch noch der Wohlstand, den meinen ausgesiedelten Vorfahren erarbeitet haben, durch Wirtschaftskrisen, Korruption und politisches Chaos nach und nach zu Armut wird?

In den 1980er Jahren fiel in Misiones ein zentrales wirtschaftliches Standbein weg: Der Anbau von Tunk, einer Pflanze, aus der wasserfester Lack für den Schiffsbau gewonnen werden kann. Dazu kam es, weil eine Methode entwickelt wurde, ähnliche Lacke auf Ölbasis zu gewinnen. Die Arbeitersiedlungen am Rande von Eldorado beispielsweise wurden zu Slums. Der extreme Qualitätsverlust im Bildungssystem und eine Politik, die Boni an Familien mit sehr vielen Kinder auszahlt (gestaffelt, besondere Zahlungen bei 7 und 9 Kindern) haben zum einen die Möglichkeit genommen, sich über einen Schulabschluss hochzuarbeiten, zum anderen mittlerweile zwei anwachsende arme Generationen geschaffen.

Zwar wurde in den letzten Jahren einiges – wie mir mit jeweils mit kritischem Unterton erzählt wird – angestoßen: der Sozialhausbau – mit enormen in der Korruption versickerten Geldern –, eine Mindestrente von ca. 6000 Pesos (300€) – jedoch gegenfinanziert durch ein Absenken des allgemeinen Rentenniveaus, sodass teilweise Menschen, die 45 Rentenbeiträge gezahlt haben, auch nur noch die Mindestrente bekommen – in einem Land, in dem der Liter Frischmilch knapp 1,50€ und Möbel, Kleidung und Technik teils das doppelte wie in Deutschland kosten.

Eine Woche später fahre ich nach meinen Konversationskurs weiter nach Resistencia, ca. 500km weiter südwestlich, um andere Freiwillige zu treffen. In Posadas, der Provinzhauptstadt von Misiones, passierten wir riesige Felder von mehrere Kilometern Länge, aus Sozialhäuschen. Auch in einem Örtchen mitten in einem riesigen Sumpfgebiet, in dem es viele Vögel und Alligatoren zu sehen geben soll, findet sich der Standard-Sozialhaus-Bau. Daneben stand ein großes Reklameschild einer Bank: También acá. Auch hier.

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