Wiedervereinigungsgefeier

Am 03. Oktober wird bekanntlich die Deutsche Wiedervereinigung gefeiert – dieses Jahr zum 27. Mal. Dass es auch ein Fest dazu in Misiones gibt, war überraschend, das Erlebnis sehr bizarr und doch im Sinne der Deutschen Einheit.

Zu Beginn eine Koordinatenbestimmung: Am 01. Oktober sollte das 26. Fest der Deutschen Gemeinden in Misiones zur 27. Wiedervereinigung vom 03. Oktober in dem Ort 25 de Mayo – 25. Mai, dem Nationalfeiertag der Argentinier – stattfinden. Leicht verwirrend das alles. Aber nun gut, auf geht’s in ein neues kulturelles Abenteuer!

Wir fahren früh für einen Sonntag – für meinen Geschmack – los. Um kurz vor 8 starten wir von Eldorado aus. Über die Ruta 12 geht es erst gen Süden, dann nach Südost durch kleine Örtchen, Teeplantagen und idyllische, hügelige Landschaften, Arkadien lässt bukolisch grüßen. Immer wieder muss der Fahrer hart abbremsen, da es hier überall Bremsblöcke gibt (auf Spanisch „lomo de burro“ – Eselsbuckel), aus Asphalt gebaute Huckel, über die man nur im ersten Gang rollen kann, weil einem sonst das Hirn ans Autodach schlägt und die Federung sich nach und nach ausfedert.

Wir kommen an und pünktlich wie im Programm (Reminder: wir sind in Argentinien!!!) fängt es an: Mit lauter Musik. Mit nicht irgendeiner Musik – mit Bierzeltmusik auf Konzertlautstärke. Nein lauter. Rammstein-Konzert-Lautstärke. Jetzt ist es so, dass ich zwar aus München komme, aber die letzten Jahre immer versucht habe, ja nicht zur Wiesn, dem Oktoberfest, in der Stadt zu sein, weil ich diese Musik, die Menschenmassen und durch Kommerz überteuertes Bier verabscheue.

Als wir die Halle betreten, komme ich mir deplatziert vor: Die meisten tragen Tracht. Aber ganz eigene Tracht: Lederhosen sind ersetzt durch kurze Hosen aus Anzugstoff mit dazu passenden Stoffhosenträgern, darunter ein Hemd mit Karomuster. Die Damen tragen ein Kleid mit Schürze, teilweise mit Bluse drunter, aber so wie in Bayern schaut es dann doch nicht aus. Ich habe genau ein Hemd mit nach Südamerika genommen: in Schwarz. Ich komme mir deplatziert vor.

Kurzerhand werde ich zu der Ehre verdonnert, die Flagge der Fundación Wachnitz mitzutragen und stehe dann vorne unterhalb der Bühne zwischen herausgeputzten Fahnenträgern – und bin der einzige, der die argentinische Nationalhymne, die gespielt wird, nicht mitsingen kann. Die Hymne, so muss man anmerken, ist lang. Sehr lang. Sie beginnt mit einem instrumentalen Vorspiel, das länger ist als das Deutschlandlied insgesamt – der gesungene Teil ist dann viel länger. Mit jeder Textzeile komme ich mir fehler am Platze vor. Im Anschluss wird die Deutsche Hymne gespielt und ich war noch nie so froh, da mitsingen zu können.

Es folgen verschiedene Reden – immer noch muss ich vorne stehen. Während des gegenseitigen Gelobes kippt eine Dame, deren Aufgabe es war, hübsch neben der argentinischen Flagge zu stehen, aus den Latschen. Sie wird aufgefangen und von zwei jungen Männern aus dem Saal getragen, die Vortragenden sprechen darüber hinweg, es wird genereller Nichtbeachtung quittiert. Später finde ich im Gespräch mit denjenigen, die in der hinteren Hälfte saßen, heraus, das sie es gar nicht bekommen haben.

Endlich können wir Emblem-Tragenden abziehen. Was folgt ist weitere Musik, zu der die unterschiedlichen Tanzgruppen ihre Choreographien vortanzen. Das wäre ganz nett, wenn zu dem Auftritt der Kinder nicht ein Text schallen würde, bei dem es darum geht, inwiefern die Dicke der Unterschenkel bei Frauen mit der Herkunft aus urbanen oder ländlichen Gebieten korreliert und inwiefern das die Damenwahl des Sängers beeinflusst, ich zitiere:Koa Hiatamadl mog i ned, hoat koana dickn Wadl net, i mog a Madl aus der Stadt, was dicke Wadln hat.“ Wohl doch keine bukolischen Grüße aus Arkadien.

Es folgt das Mittagsessen:natürlich Asado. Dazu wurden Fleischmassen (die Rechnung: mind. ein halbes Kilo Fleisch pro BesucherIn) in einer carnophilen Grillmaschine zubereitet: Ein umgebauter Autoanhänger, in dem auf dem Boden die Kohlen liegen und sich dann in vier Stockwerken darüber Spieße mit dem Grillgut automatisch drehen. Nach diesem Fleischexzess folgt eine Tortenschlacht. Kaum sind alle ins Fresskoma gesunken, wird auch schon wieder die Musik angeschmissen.

Neben der weiteren Präsentation von Tanzgruppen – diesmal zu weiter besserer, weil reiner instrumentaler Musik und mit weitaus spannenderen Choreographien – beginnt – ganz klassisch, denn das darf zu keinem Fest fehlen – (einige werden es sich schon von Beginn an gedacht haben, dass da etwas fehle) beginnt nämlich der Wettkampf um die Königin der Deutschen Wiedervereinigung: Zu einer größeren Festivität in Misiones darf natürlich eine Schönheitssköniginnenwahl nicht fehlen. Latürnich.

Zunächst marschieren die jungen Damen, Opfer der diffamierenden Sexismusmaschinerie, auf, während ihre Namen, Herkunft, Haarfarbe und Körpermaße (Größe, Gewicht und Umfang an verschiedenen Körperstellen) verkündet werden. Während wieder eine Runde getanzt wird, ziehen sich die Damen um und präsentieren danach ihre Tracht und messen sich im Deutschsprechen. Zwischen auf muttersprachlichem Niveau geführtem Palaver, was gar nicht mehr aufhört, und vier Sätzen, von denen einer lautet „Ich habe 17 Jahre alt“, ist alles vertreten. Ein König wird natürlich nicht gewählt, weil…weil…weil Männer halt Männer und Frauen halt Frauen sind. Ach so. Selbst die Himmelgötter zürnen und schicken eine pechschwarze Gewitterfront, die über die Halle hinwegfegt.

Nach weiterem Getanze werden die GewinnerInnen der Lotterie und die Gewinnerinnen des Schönheitswettbewerbs verkündet – und zwar in einem einstündigen Sprachverzögerungswerk. Gefühlt 10 Mal setzt der Moderator an, den Königinnentitel zu verkünden – natürlich erst, nachdem die erste und zweite Prinzessin sowie die Gewinnerin des Titels „Bestes Kleid“ verkündet worden sind.

Endlich vorbei. Meine Ohren fühlen sich an, als ob ich Tagelang auf einem Metall-Musikfestival gewesen wäre. Es schüttet in Strömen, die Dämmerung bricht an, von der Straße ist wenig zu sehen. So wenig, dass der Fahren einen Eselsbuckel zu spät sieht und wir mit ca. 50 km/h über einen Bremshügel brettern. Aus dem Kofferraum hört man Geschirr klirren.

So bizarr die Feier auf mich gewirkt haben mag, so ist es doch die Verwirklichung des Einheitsgedankens: Die verschieden deutschen Gemeinden in Misiones kommen zusammen und feiern ihre sprachlich-kulturelle Einheit. Dabei feiern sie aber, wie einigen wohl leider nicht klar ist, die eine deutsche Kultur aus Deutschland, die sieht nämlich ganz anders aus, sondern ihre eigene kulturelle Identität.

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