Reiseirrungen und -wirrungen

Stunde 0. Sonntag, 10.09.2017, 14 Uhr. Jetzt geht’s los. Nach 10 Tagen sehr intensivem Vorbereitungsseminar am Webellinsee bei Berlin fahren die Busse nach Berlin ab. Für mich ist das der Aufbruch nach Argentinien – endgültig, nach fast einem Jahr des Bewerbens, Organisierens, Vorbereitens, Durchdrehens, Packens, Verabschiedens, und noch Mal Durchdrehens.

Stunde 2 – 15.30 Uhr. Ankunft am Hauptbahnhof – es gab anders als versprochen doch keinen Bus direkt nach Tegel, also geht’s jetzt mit dem Flughafenbus weiter. Mit begeisterten Passagieren, die den Busfahrer anpöbeln, weil er an ihrer Station nicht gehalten hätte (andere Fahrgäste erläutern, dass diese Station auf dieser Linie gar nicht bedient wird) schaukeln wir in vollkommener Harmonie gen Flughafen.

Stunde 3 – 16 Uhr. Ankunft in Tegel. Nach einigem Umherirren und Ärgern, dass man sein Gepäck wohl noch nicht abgeben kann, kommt die Erkenntnis, dass es doch wohl schon an einem anderen Schalter geht. Na dann lauf ich mal mit meinen 30 Kg Gepäck wieder zurück. Kein Problem. Ich komme sofort dran und dann beginnen die Probleme – im Folgenden als mathematische (Un-)Gleichnisse ausgedrückt:

Schalterdame: Hinflug * mehr als 0,5 Jahre Aufenthalt in Brasilien = Visum bitte.

Luis: Hinflug nach Brasilien – Weiterreise nach Argentinien = kein Visum nötig.

Schalterdame telefoniert.

Luis wartet. Ungefähr 10 Minuten.

Schalterdame: Mehr als 0,5 Jahre Aufenthalt in Argentinien / Visum von nur 0,5 Jahre = „Lufthansa kann sie so nicht befördern.“

Luis: Ahhhhh! + Visum muss vor Ort verlängert werden = doch fliegen…?!

Schalterdame: Mehr als 0,5 Jahre Aufenthalt in Argentinien – Visum von nur 0,5 Jahre = „Lufthansa kann sie so nicht befördern.“

Luis: Was dann?

Schalterdame (Blick auf die Uhr): Zeitdruck (hohe Wahrscheinlichkeit für Feierabend) * Problem = Versuchen Sie es bei Schalter 8.

Martin (Verwandter): Was ist da anders? + Sagen Sie uns erst, wie man Problem lösen kann! = Druckerhöhung

Schalterdame: Zeitdruck (s.o.) + Hartnäckigkeit des Passagiers = Sie können doch fliegen.

Stunde 5 – 19.30 Uhr. Der Flieger hebt gen Frankfurt ab. Ich lese Briefe von meinen Mitfreiwilligen aus meiner Homezone und bin dann doch tendenziell sehr berührt. Und irgendwie, so ein ganzes Jahr ist schon lange.

Stunde 6 – 20.30 Uhr. Ich hasse den Frankfurter Flughafen. Aus tiefster Seele. Es dauert länger, über das Flugfeld zu rollen und von meinem Ankunftsgate zum meinem Abfluggate inklusive Sicherheitskontrolle zu kommen, als mein Flug von Berlin nach Frankfurt. Immerhin hat sich die Höflichkeit der Beamten bei der Kontrolle verbessert. Statt mit einem „Deutsch?“ wird man jetzt mit einem „Deutsch or English?“ begrüßt. Ich fühle mich sehr wertgeschätzt. Der Umgang mit Menschen, die aus obiger Frage aufgrund ihrer Sprachkenntnisse herausfallen, werden dagegen ziemlich abfällig durch die Kontrolle durchgeschimpft. Fraport, du bist ein Scheißverein. Ich kaufe eine Wasserflasche von einem Liter für 5,25 Euro und weiter geht’s, Abflug 22.15 Uhr.

Stunde 10 – 0.30 Uhr. Ich sitze neben einer Ärztin aus Rio de Janeiro. Ja, die Zustände sind so schlimm wie nie. Sie bekommt von einem Steward bei dem Versuch, den Stuhl vor ihr in die Liegeposition zu bringen, die Lehne ans Hirn geschlagen. Sie bekommt Champagner dafür. Ich auch, weil…weil…weil ich daneben gesessen bin. Achso. Na dann Prost!

Stunde 19 – 9.20 Uhr – Ortszeit: 4.20 Uhr. Ankunft in Rio de Janeiro. Die Freude, sich wieder bewegen zu können (i.d.R. fühle ich mich auf Langstreckenflügen an den Riesen Prokrustes erinnert, der seine Opfer an ein Bett „anpasste“, indem er Überhängendes abschlug und zu Kurzes auf die richtige Länge dehnte – ich bin sicher, dass seine Nachfahren bei der Konstruktion von Sitzen der Economyklasse mitgewirkt haben), wehrt nicht lange, denn es sind wieder einige Kilometer bis zur Einreisestelle. Da ich von dort einen Inlandsflug nach Foz do Iguassu nehme, muss ich mein Gepäck abholen und neu aufgeben. Die Vorstellung, meinen Rucksack durch die Gegend zu schleppen, lässt mich meinen Backpacker-Stolz hinunterschlucken und einen Gepäckkarren holen – mich kennt hier ja niemand. Die Schlange zum Baggage-Drop-Off für Anschlussflüge ist lang, sodass ich mitten im Duty-Free-Shop anstehe – zwischen einer Unmenge von Baileys-Flaschen. Was tue ich hier? Ich stehe um 5 Uhr morgens zwischen Baileys, Parfumschwaden wabern aus der nächsten Region dieses kapitalistischen Schlaraffenlandes herüber und um mich herum schreien sich Leute auf Portugiesisch freudig an. Ich habe knappe fünf Stunden geschlafen (nach 10 Tagen, die auch keine Nacht länger als 6 Stunden werden gelassen haben) und fühle, wie ich den Boden unter den Füßen verlieren (zum Glück nur mental – oder zum Pech: so ein Baileys-Bad ist sicher gut für die Haut).

Ich irre durch den Flughafen, tausche Geld, verlaufe mich, finde mich wieder zurecht und betrete wieder den Sicherheitsbereich. Ich bestelle einen Cappuccino und erhalte einen Pappbecher, an dessen oberen Rand sich eine Dulce-de-Leche-Explosion ereignet haben muss. Na ja, der Zuckerschock wird mich wieder fit machen, denke ich. 5 Minuten später renne ich aufgeregt zu meinem Gate, 15 Minuten später liege ich schlafend auf einer Liege neben meinem Gate.

Stunde 24 – 14.20 Uhr – Ortszeit 9.20 Uhr. Abflug nach Foz. Der Flug ist bis auf ein paar Turbulenzen ereignislos. Ich starre ins Nichts. T.C. Boyle berichtet in einer Kurzgeschichte, wie ein Flugzeug über dem Dschungel abstürzt und einer der Insassen zum König einer indigenen Gruppe erklärt wird – er nutzt diese Position, um ehemalige Mitreisende töten zu lassen, die seinen Hund essen wollten. Hihi, lustig. Ich habe den Eindruck, dass meine Zurechnungsfähigkeit langsam schwindet.

Stunde 27 – 17.00 Uhr – Ortszeit 12.00 Uhr. Ankunft in Foz. Es ist ein Mini-Flughafen, man muss vom Flugzeug ins Terminal laufen. Es scheint gerade geregnet zu haben und Dunstschwaden hängen im subtropischen Dschungel. Ich werde von Jorge abgeholt, der vor 13 Jahren aus Buenos Aires nach Eldorado ausgewandert ist. Nach der Fahrt bis nach Eldorado inklusive Ausreise aus Brasilien und Einreise nach Argentinien kenne ich seine Lebensgeschichte – nur die drei Themen, über die in Argentinien nie gesprochen wird, lassen wir aus: politicas – religión – fútbol. Schmarrn, wir reden natürlich auch darüber.

Stunde 29 – 19.15 Uhr – Ortszeit 14.15 Uhr. Ankunft in Eldorado. Das Städtchen erstreckt sich über 15 Kilometer, besteht aber fast ausschließlich aus Bungalows. Drei Stockwerke sind das Maximum. Die rote Erde hat sich als Staub überall über die Straßen gelegt. Es ist nichts los – es ist schließlich siesta. In einer Mischung aus Übermüdung und Erleichterung komme ich da an, wo ich das nächste Jahr leben werde – Startschuss. Peng!

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