“Vom Kolonialismus bis zur warmen Dusche” (Das Vorbereitungsseminar in Berlin)

Die Busse mit 165 kulturweit-Freiwilligen kamen nach einer trubeligen und sehr lauten Fahrt auf dem Gelände der Europäischen Jugendbegegnungsstätte am Werbellinsee am 1. März 2018 an. Spannung! Jeder von uns würde nach dem kulturweit-Vorbereitungsseminar in einen anderen Teil der Erde gehen – hier wollten wir uns vor unserem FSJ noch ein paar Gedanken machen. Tagsüber ging es in unsere “Homezone”, eine betreute Gruppe von circa 15 Freiwilligen, die in eine ähnliche Region ausreisen würden. Ich hatte das Glück, die super lustige, einfühlsame und beeindruckende Fanny als Betreuerin meiner Lateinamerika-Gruppe zu haben.

“Mission Impossible” nannte Fanny die Liste mit etwa 20 Aufgaben, die wir in 20 Minuten zu lösen hatten: Wir mussten hundertmal um das Seminarhaus laufen, Tiergeräusche nachmachen, während wir uns zeichneten und sangen. Die Atmosphäre lockerte sich total auf und wir lernten uns gleich besser kennen.

Wir beschäftigten uns mit unserer Motivation für den Freiwilligendienst im Ausland, mit unseren Wünschen aber auch Ängsten. Es war erstaunlich, wie schnell wir diese Nähe in der Homezone aufbauten, um uns auch private Dinge anzuvertrauen.

Ein zentrales Thema des Vorbereitungsseminars war Rassismus und wir lernten eine Menge über den Kolonialismus. Es war wirklich interessant für mich, da ich mich noch nie so intensiv damit beschäftigt hatte, wie stark rassistisches Denken in unserer Gesellschaft verankert ist. Jeder von uns sollte definitiv öfter seine Stereotype checken und sich fragen, wodurch man geprägt wurde und woher die eigenen  Schlüsse kommen.

Entspannte Spaziergänge am wunderschönen Werbellinsee machten wir in der knappen Freizeit, die einige Übermotivierte zum Joggen am See nutzten. Abends spielten wir oft “Werwolf” im Kasino, sangen Lieder mit Jerô oder nahmen am “Markt der Möglichkeiten” teil: Da konnte man an “Capoeira für Anfänger” oder “Selbstverteidigung” teilnehmen oder gemeinsam einen Film schauen.

 

Im Laufe des Seminars lernte ich unglaublich amüsante neue Wörter aus unterschiedlichsten Regionen Deutschlands kennen. Zu meinen absoluten Favoriten gehörten auf jeden Fall: “Des taugt ends/bös” (etwas ist sehr cool), “Des is fei scheiße” (fei als Verstärkung) und “madig” (etwas ist nicht so cool). Die anderen bemerkten, dass ich sehr häufig das Wort “derbe” verwende, um Aussagen zu bestärken, muss wohl Hamburgisch sein. Es war lustig, wie schnell man Wörter der anderen selbstverständlich in den Wortschatz aufnahm. Wenn ich doch bloß auch so schnell Spanisch lernen würde…

Am Montag und Dienstag waren die Partner*innen Tage, an denen wir Zeit mit Vertretern der Organisation unseres Freiwilligendienstes verbrachten. Da ich als Freiwillige nach Buenos Aires zum Colegio Mater Ter Admirabilis gehen werde, lernte ich mehr über das Goethe-Institut, dessen Partnerschulen (Pasch-Schulen), das System der Fit-Schulen und den Internetauftritt www.pasch-net.de. Spannend fand ich auch den Bericht von zwei ehemaligen kulturweit-Freiwilligen, die in Lateinamerika eingesetzt wurden und total unterschiedliche Erfahrungen gemacht hatten!

Es folgte eine Einführung in Didaktik. Dazu bekamen wir Tipps, wie eine gute Unterrichtsstunde aufgebaut sein sollte und was man als Einstieg in die Stunde oder als Energizer zwischendurch machen könnte. Beim Brainstorming für unsere Projekte kamen Vorschläge wie eine Koch-AG, Brieffreundschaften mit deutschen Schulen, eine Theater-AG oder das Singen von deutschen Kinder- oder Popliedern auf. Ein nicht ganz so ernst gemeinter Vorschlag war, eine Bier-AG zu gründen, in der man die deutsche Bierkultur vermitteln könnte.

Außerdem beschäftigten wir uns im Rahmen von UNESCO-Workshops mit dem Thema Nachhaltigkeit, Postwachstum und dem Thema “Antisemitismus heute”. Es wurde viel diskutiert! Man muss aber sagen, dass unsere Köpfe am Ende der Woche zu rauchen begannen und drohten, bei all den unlösbaren Problemen, über die wir sprachen, zu platzen. Es war außerdem recht anstrengend, 24/7 von so vielen Menschen umgeben zu sein und ohne längere Pausen ein volles Programm zu haben. Insofern freuten wir uns dann alle auf die baldige Ausreise in die Einsatzstellen auf der ganzen, weiten Welt.

Bei der großen Abschiedsfeier legten verschiedene Freiwillige und Betreuer als DJs auf (unter anderen Olivia als “thaichicken”) und alle tanzten die ganze Nacht. Es war echt cool zu sehen, dass für jeden der 165 Freiwilligen etwas an Musik dabei war. Als wir gegen 5 Uhr morgens ins Bett fielen, blieben uns nur noch 2 Stunden zum Schlafen. Aber es war definitiv die beste Tanzparty, auf der ich seit Langem war!!!

Für unseren letzten Morgen hatte Fanny eine nette Abschluss-Idee in unserer Homezone. Jeder gab jedem eine “warme Dusche”: Wir schrieben uns gegenseitig ein Kompliment oder einen Satz auf Zettel, den wir demjenigen auf den Weg geben wollten. Ein süßes Andenken, das man herauskramen kann, wenn es einem im Ausland mal nicht so gut geht.

Der Abschied fiel uns echt schwer, nachdem wir alle in den letzten 10 Tagen so eng zusammen gewachsen waren. Es war komisch bis surreal, dass man so viel miteinander erlebt hatte und die Meisten doch in den nächsten Monaten gar nicht mehr sehen würde… So wurden noch ganz viele Nummern und Umarmungen ausgetauscht, bevor wir dem Werbellinsee “Tschüss, bis in 6/12 Monaten” sagten und alle in die Busse stiegen.  

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