Juni ist ein Wintermonat

Ein Wochenende zu Hause!

Heute Morgen habe ich so lange geschlafen, bis ich von selbst aufgewacht bin. Aus der Küche waren klirrende Geräusche zu hören. Der Wasserkessel dampfte und meine Mitbewohnerinnen schnitten Palta und Obst, in der Pfanne brutzelten Pancakes. Endlich mal wieder Zeit, durchzuatmen, mich mit einer Tasse Tee unter die Decke zu begeben und mich ein bisschen zu erinnern, wie die letzten Wochen so vorbeigleiten konnten.

Der Juni ist hier ein echter Wintermonat. Die Kälte kriecht draußen unter die Daunenjacken, in die Wohnungen und Hände und will sich nicht mehr verabschieden. Über der Stadt lässt die graue Wolkendecke nur manchmal gnädig die Sonne vorbeischauen. In der Schule sitze ich mit Schal am Schreibtisch. Dieser Monat war für mich schon etwas anstrengend.

In der Schule gab es sehr viel zu tun, die Aufgaben werden mir so zugeteilt und überlappen sich immer mehr. Nach dem Zwischenseminar habe ich nochmal verdeutlicht, dass es mir eigentlich am Wichtigsten ist, wieder mehr im Unterricht bei den Schülerinnen dabei zu sein. Diesen Wunsch konnte ich zum Glück auch durchsetzen. Ich bin wieder regelmäßiger bei den jüngeren Klassen dabei, der Kontakt zu den Mädchen kommt mir in meiner Zeit dort am sinnvollsten vor.

Meine Nachmittage werden vom Sprachkurs im Goethe gefüllt. Wir sind drei Deutsche und ein Diplomatensohn aus Libyen. Eine kleine und interessante Gruppe! Drei volle Stunden jeden Nachmittag wiederholen wir verzwickte Grammatiksituationen, unterhalten uns über Gott und die Welt und amüsieren uns immer wieder, wie unterschiedlich unsere Ansichten so alltäglichen Situationen sind. Unsere Lehrerinnen scheuen sich auch nicht, unsere Themenblöcke mit ihren Ansichten zu würzen. Kein Wunder, bei Einheiten wie „Nachrichten“ und „Meinung“. Es kommen Themen auf wie das Bildungssystem und die damit zusammenhängenden Streiks, Unzufriedenheiten der Santiaguin@s und wie unsere Lehrerinnen Ungerechtigkeiten erleben. Ich fühle mich nicht wirklich in der Lage, solche persönlichen Aussagen wiederzugeben und gebührend zu berichten – so gibt dieser Blog weiterhin nur meinen kleinen kulturweit-Blickwinkel wieder.

Ich gehe in der Dunkelheit aus dem Hause und komme mit dem Sonnenuntergang wieder. Nicht zu vergessen, dass das immer in die Hora Punta (Rush Hour) der Metro fällt. Umfallen kann ich wenigstens schon mal nicht – liebevoll gestützt von allen mich umgebenden Passagieren. In der Metro sitzen wir alle im selben Boot. Wir verdrehen alle gleichzeitig die Augen und lachen halb erstaunt, halb verzweifelt darüber, wie an der nächsten Station doch noch jemand reinpassen konnte.

Letztens wurde ich gefragt, was denn für mich der größte Unterschied zwischen Chile und Deutschland wäre. Mir fiel aber nur ein, dass ich eigentlich den Unterschied zwischen den Städten am deutlichsten wahrnehme. Santiago fasziniert mich als Großstadt, überfordert mich. Manchmal verfluche ich sie – wenn ich nachts eine knappe Stunde auf den Bus warte oder wenn nach heftigem Regen die Straßen kaum zu überqueren sind. Manchmal weckt sie warme Heimatgefühle in mir – wenn die Abendsonne die Anden dramatisch rosarot entflammt oder wenn ich den perfekten Sopaipilla-Stand entdecke, dessen hausgemachter Pebre (Chili-Tomaten-Sauce) im Mund brennt.

Zwischen den winterlichen Arbeitstagen leuchten dann die Momente umso mehr, die diese Zeit für mich ganz besonders machen. Ein Liederabend in einer Bar um die Ecke, ein Konzert, bei dem man nicht stillstehen kann, eine spannende, internationale Unterhaltung auf Marlenes Geburtstag.

In diesen Tagen kann ich jetzt nochmal auftanken. Meine kleine Wohnungsoase genießen, dem winterlichen Santiago seine gemütlichen Seiten abgewinnen und mir die Augen führen, wie viel ich erlebt habe und noch erleben darf.

Der Juni ist ein Wintermonat: Zeit, sich zu erinnern und sich auf den Sommer zu freuen.

Dieser Artikel hat 2 Kommentare

  1. Karin Schirrmeister
    Sonntag 25 Juni 2017, 11:42 am

    Liebe Lea,
    schön, immer weider Neues und Spannendes von dir zu lesen!
    Danke!
    Liebe Grüße
    Karin

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