Balance

Auf dem Vorbereitungsseminar in Berlin haben wir einige Situationen angesprochen, die einem als Freiwillige_r zustoßen könnten. Einige von uns, darunter auch ich, machten sich Sorgen über Unterforderung. Was ist, wenn die Arbeitstelle nichts für einen zu tun hat? Wenn tagtäglich Kopien geholt werden müssen und man sonst im Unterricht gelangweilt in einer Ecke hockt? Auch das Gegenteil wäre nicht wünschenswert: Als volle Lehrkraft eingesetzt zu werden und plötzlich für die Erstellung eines Lehrplans verantwortlich zu sein, klingt für mich auch eher nach Stress als angemessener Arbeit.

Zum Glück habe ich eher das Gefühl, dass die Arbeit mich zwar herausfordert, aber auch befriedigt. In diesen beiden Wochen habe ich mich intensiv um die Vorbereitung der Schülerinnen gekümmert, die am Wettbewerb „Jugend debattiert“ teilnehmen. Auf Deutsch, natürlich! Nachdem ich besagten Wettbewerb in meiner Schullaufbahn ohne schlechtes Gewissen umgangen habe, musste ich mich erst einmal in die Regeln und Eigenheiten einer Debatte nach Wettbewerbskriterien einlesen und dann versuchen, diese Inhalte einigermaßen verständlich und vor allem spannend rüberzubringen. Das hat mich einiges an Vorbereitung und Nachdenken gekostet, ist aber eine interessante Aufgabe. Vor allem, weil die Schülerinnen – nach Ermutigung ihrer Deutschlehrerinnen – freiwillig teilnehmen und motiviert sind, Deutsch mal außerhalb der getakteten Unterrichtsstunden zu erleben. Es kommen echte Diskussionen zustande und nebenbei wird das freie Sprechen auf Deutsch geübt. Ich bin wirklich beeindruckt: Es kostet einiges an Überwindung, sich auf einer Fremdsprache auf ganz neue Gesprächsformen und Themen einulassen und sich zu trauen, einfach mal auszuprobieren. Auch die Rückmeldungen einiger Schülerinnen machen das Projekt für mich lohnenswert. Sie erzählten mir, das Deutschreferat wäre ihnen viel flüssiger über die Lippen gekommen und haben sich in der kurzen Zeit wirklich gut entwickelt! In diesen kleinen Gruppen zu arbeiten ist effizient, macht Spaß und ist für mich eine ganz andere Erfahrung, als 30 Kindern zu versuchen, die Verbkonjugation zu verklickern.

Nicht nur die Auslastung auf der Arbeit ist ausbalanciert. Ich mache mich ziemlich gut darin, auch die Work-Life-Balance einzuhalten… Die letzten Wochenenden habe ich hier in Santiago verbracht und es sehr genossen, die Stadt noch ein bisschen besser kennenzulernen. Auf der einen Seite war mir wichtig, etwas Zeit mit meinen Mitbewohnern zu verbringen. Nico, mein Vermieter, hat mir zum Beispiel den Wochenmarkt gezeigt. Das ist schon Tradition: Am Wochenende wird Obst und Gemüse für die Woche eingekauft. Und was für welches! Saftig, frisch, knackig, aromatisch und nicht zu vergessen, die perfekt gereifte Palta (Avocado)… Ein Traum für ein Vauban-Mädchen wie mich – so macht saisonal und lokal einkaufen Spaß!  Außerdem hat diese Stadt so viel zu bieten, dass ich gar nicht weiß, wohin es als nächstes gehen soll. Grillen im Park, ein Design-Markt im Barrio Italia, Vino und Pizza, Kino und meine erste Yogastunde. Das Luxusproblem der Großstädte – ich kann gar nicht so viel mitnehmen, wie angeboten wird. Om versteht man auch auf Spanisch – ansonsten einfach den anderen nachmachen! Das alles mit lieben Menschen zu erleben, die genauso wie ich auf Kaffee und Palta stehen, ist ein großes Glück. Unsere „Deutsche Blase“ lässt sich schwer vermeiden – und schlimm ist das überhaupt nicht. Solange sie durchsichtig und formbar ist, bleibt Platz für Veränderung und Begegnung.

 

Brunch mit Palta-Fans

 

Wassertürme erklimmen

 

buntes Treiben im Barrio Italia

 

Pro und Contra: Vorbereitung ist alles!

 

Feria am Samstag

 

 

 

 

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