Über was fehlt und was fehlen wird

Meine letzten Tage in Santiago. Noch nicht meine letzten Tage in Chile, aber da die nächsten sechs Wochen hauptsächlich aus Reisen bestehen werden, sind es tatsächlich meine letzten Tage in Santiago. Unfassbar. In 45 Tagen geht es zurück nach Deutschland. Von Zuhause nach Zuhause. Real fühl sich der bevorstehende Abschied noch überhaupt nicht an. Irreal, dass mein Jahr hier tatsächlich bald um sein soll. Aber in diesem Zusammenhang fange ich an über die Dinge nachzudenken, die ich vermissen werde. Und über die Dinge, auf die ich mich wieder in Deutschland freue.

Santiago ist meine Stadt, mein Zuhause, ich fühle mich hier so wohl. Ich liebe es, in der Großstadt zu leben. Ich liebe es, mittendrin zu wohnen. Ich liebe meine Wohnung. Besser hätte es nicht sein können, eine bessere Lage hätte die Wohnung nicht haben können. Meine erste eigene WG. Blick auf den Park, direkt an der Metro, super zentral, zu allen und allem am nächsten, der Mittelpunkt, immer der Treffpunkt, 10 Minuten mit dem Rad zur Arbeit, 10 Minuten zu Fuß zum Yoga, riesige Fensterfronten, Nachmittags- und Abendsonne in meinem Zimmer, Supermarkt um die Ecke, Gemüsemann um die Ecke, Sushi-Laden um die Ecke, Starbucks um die Ecke, meine beiden Lieblingsviertel jeweils 10 Gehminuten entfernt, das Partyviertel in Fußmarsch-Nähe (wie werde ich das vermissen!!!), eins meiner Lieblingsrestaurants quasi direkt vor der Haustür. Einzige Kehrseite: in dem Park vor der Haustür ist nachts immer was los, es wird getrommelt, gefeiert, laut Musik gehört, die Straße ist aus Kopfsteinpflaster, die Autos rasen, es ist immer laut und das ist keine Untertreibung. Ich freue mich riesig auf wieder ruhig schlafen, leise schlafen und damit vielleicht auch endlich wieder besser schlafen.

Schon angesprochen, mein Gemüsemann und meine Yoga-Stunden im Park. Mit ganz oben auf meiner What-I’m-Gonna-Miss-Liste. Das ganze Jahr über habe ich mich auf meinen wöchentlichen Einkauf beim Gemüsemann gefreut. Auf sein „Hola, mi amor, cómo estai? Cómo va, corazon?“, auf die Auswahl, auf die Frische, auf die Preise. Und auf meine Yoga-Stunden. Draußen, im Park, in der Sonne, Kraft tanken. Schnell wurde ich mit Namen begrüßt. Mittlerweile bin ich eine der alten Hasen. Wie werde ich das vermissen. Dazu kommt: das Wetter. Für Santiago zeigt die Wetter-App ausschließlich Sonnensymbole, für Hannover….. nicht. Das einzig Gute: in Chile geht es bei meiner Abreise Richtung Herbst und demnach Winter, in Deutschland kommt dann – langsam aber sicher – der Frühling.

Was ich noch vermissen werde? Die chilenische Begrüßung. Alle und jeden begrüßt man mit einem Küsschen auf die Wange und einem „Hola, como estai“. Ich liebe das und will mir das eigentlich echt gar nicht wieder abgewöhnen. Seit einem Jahr habe ich niemandem mehr die Hand gegeben. Und generell liebe ich das chilenische Spanisch. Und meinen chilenischen Spitznamen: Leíta. Da ich Spanisch hier gelernt habe, kann es glaube ich gar nicht anders sein. Bei all den Chilenismen, dem Genuschel und dem Verschlucken von Buchstaben würden Spanier wohl behaupten, dass es kein schönes Spanisch sei. Man muss es wirklich fühlen, um es zu lieben.

Ohhhh und noch ein großer Punkt: Reggaeton. Entweder man liebt es oder man hasst es, viele Chilenen hassen es tatsächlich, ich liebe es. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht mehr wirklich vorstellen, ohne Reggaeton feiern zu gehen. Und ohne Piscola. Keine Musik motiviert mehr und spreadet good vibes besser als Reggaeton. Und ja, einzelne Reggaeton-Lieder sind mittlerweile auch in den deutschen Charts, aber hier wird die Musik einfach anders gefühlt. Apropos fühlen: auch das wird mir fehlen, die Lebenseinstellung, die Entspanntheit, das Despacito, die Mentalität, die Lebensfreude, das Alles-nicht-zu-eng-und-zu-korrekt-sehen (es gibt natürlich Ausnahmesituationen, da fehlt die deutsche Korrektheit….). Und auch wenn ich die deutsche Ehrlichkeit gegenüber der chilenischen Oberflächlichkeit sehr schätze, gefällt mir trotzdem die grundsätzliche Freundlichkeit. Ob zu Reggaeton, zu Salsa, Hip-Hop oder was auch immer, in Santiago wird gefühlt überall auf der Straße getanzt. Gratis-Kurse, Tanz-Gruppen, einzelne Tänzer, Trainingsessions, Aufführungen. Zaubert mir immer ein Lächeln auf die Lippen, wenn ich durch die Straßen laufe.

Die Liste geht natürlich noch ewig weiter, meine Lieblingsviertel, Lieblingscafes, Lieblingsbars, Lieblingsclubs, Lieblingsrestaurants, Lieblingsspot, meine Leute, mein Roomie und vieles mehr steht noch drauf. Und eine Sache, die noch erwähnenswert ist: die Währung. Die Umstellung von Tausender auf einzelne Euro wird wohl etwas dauern. Es darf sich niemand wundern, wenn ich sage, „das kostet 5000“.

Neben den vielen vielen Dingen, die mir wirklich fehlen werden, gibt es aber natürlich auch so einiges, auf das ich mich wirklich freue. Vieles, das vorher selbstverständlich war, habe ich hier wirklich zu schätzen gelernt. Dazu gehören große Dinge wie das deutsche Bildungs- oder das Sozialhilfesystem ebenso wie Bank-Öffnungszeiten, Zug fahren und Entfernungen. Hier sind 3 Stunden Fahrt „quasi nix“, 6 Stunden „ach das geht ja voll“ und 20 Stunden „uff, muss das sein“. Auch wenn ich wohl erstmal wieder sehr dran gewöhnen muss, freue ich mich auf Pünktlichkeit, die hier schlichtweg einfach nicht existiert. Ein bisschen „chilenische Pünktlichkeit“ werde ich mir aber bestimmt erstmal beibehalten. Ich freue mich auf Fahrrad fahren, auf Auto fahren, auf verlässliche Abfahrtzeiten der Öffis, auf keinen Smog in der Luft, auf den Maschsee, auf ruhig schlafen, auf leckeres Leitungswasser, auf DM und Rossmann (in Chile gibt es keine Drogeriemärkte und das fehlt!!!), auf Knäckebrot mit Ziegenkäse, auf Soja-Joghurt von Alpro, aus Salzstangen, auf Lakritz, auf bezahlbare Nussmischungen.

Worauf ich mich am meisten freue? Auf meine Familie natürlich. Meine Freunde. Alle wiedersehen. Alle besuchen. Hannover. Hamburg. Travemünde. Das Elan. Das Palo. Das Vapiano (gibt es hier zwar auch, in Deutschland werde ich aber mit Sicherheit wieder öfter hingehen). Mein bevorstehendes Praktikum in Berlin. Meinen bevorstehenden Studienstart. Auf ein spannendes, buntes und glückliches 2018.

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