Gedanken: vor einem Jahr und jetzt

Über Ängste, Bedenken, Zweifel und besonders darüber, wie unbegründet all diese Gedanken waren.

Ein Jahr ins Ausland, über 12000 km weit weg von Zuhause, von meiner Familie, von meinen Freunden. In ein fremdes Land mit einer fremden Sprache, einer fremden Kultur, fremden Leuten. Raus aus der Komfort-Zone, raus aus der Vertrautheit. „Du bist echt mutig“, diesen Satz habe ich nicht nur einmal zu hören bekommen. Natürlich macht man sich da Gedanken. Ist ein Jahr zu lang? Bin ich mit meinen („damals“) 18 Jahren zu jung für so einen Schritt? Nehme ich mir da zu viel vor?

Ich konnte mir absolut nicht vorstellen, dass das Jahr so schnell vergehen wird, wie es letztendlich der Fall ist. Ich dachte ich werde Phasen haben, in denen sich die Zeit zieht, in denen ich Tiefpunkte habe, vielleicht sogar am liebsten abreisen würde. Es ist nicht so, dass ich Deutschland, Zuhause, Familie, Freunde, Hannover nicht vermisse, allerdings habe ich (zum Glück) zu keinem Zeitpunkt der bisher vergangen 10 Monate Heimweh verspürt. Wieder mal habe ich gemerkt, dass ich eher der Fernweh- als der Heimweh-Typ bin. Somit eine Sorge, die ich definitiv als unbegründet abstempeln kann.

Spanisch, noch so ein Punkt, der mir im Vorhinein Kopfzerbrechen verursacht hat. Ich werde in ein Land ziehen, dessen Sprache ich zum Zeitpunkt meines Abflugs absolut nicht beherrscht habe. Wieso habe ich in der 10. Klasse nicht von Französisch zu Spanisch gewechselt habe ich mich mehr als einmal gefragt. Das altbekannte Learning by Doing hat sich in diesem Fall definitiv bewehrt. Irgendwann kam der Punkt, an dem es Klick gemacht hat, ich meine Hemmungen verloren habe. So fließend wie erhofft ist mein Spanisch zwar nicht, dafür lebe ich zu sehr in einer „deutschen Blase“. Trotzdem, ich kann verstehen, ich kann reden, ich kann mich unterhalten. Und das, obwohl ich hier bei Null angefangen habe. Ausbaufähig, aber gut.

Was ich auch nicht einschätzen konnte war, inwiefern ich einen Kulturschock erleiden werde. Werde ich mich fremd fühlen? Vielleicht auch einsam? Ich glaube das war eine meiner größten Sorgen, allein sein war absolut nicht mein Ding. Eine WG finden, das erste Mal alleine wohnen, alles Sachen auf die ich mich einerseits riesig gefreut habe – ein Schritt mehr in Richtung erwachsen und unabhängig sein – vor denen ich andererseits aber auch Respekt hatte. Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich mich weder fremd noch einsam fühle, dass ich meine WG liebe und dass ich alleine wohnen in vollen Zügen genieße. Ich habe mir nicht nur einen Freundeskreis und ein Social-Life aufgebaut, sodass ich mich nie alleine fühle, sondern ich habe auch gelernt, das Alleinsein ab und zu mal genießen zu können.

Der letzte und logischerweise nicht unwichtige Punkt war die Arbeit. Ist das was ich da machen werde das Richtige, da ich ja auf keinen Fall Lehrerin werden will? Werde ich mich vielleicht unterfordert fühlen oder evtl sogar überfordert? Werde ich überhaupt Freizeit und eine Work-Life-Balance haben, da ich ja wusste, dass es bis 20:30 Uhr Unterricht gibt? Werde ich genug Zeit und Möglichkeiten für Sport haben? Und vor allem: werde ich mich an dieser riesigen Jungenschule wohlfühlen? Ich muss zugeben, als ich in meiner Zusage letztes Jahr im August gelesen habe, dass ich an einer Schule mit über 4000 Jungen – und zwar ausschließlich Jungen – arbeiten werde, musste ich erst einmal schlucken. Aber auch hier kann ich jetzt sagen, dass alle meine Zweifel nicht nötig gewesen wären. Unterforderung in Bezug darauf, wie anspruchsvoll meine Aufgaben sind, ist ehrlicherweise vorhanden. Das wird aber dadurch ausgeglichen, dass ich merke, dass ich wirklich helfen kann und dass meine Hilfe wertgeschätzt wird, ebenso wie durch das Zwischenmenschliche. Ich liebe meine Schüler, ihr Interesse, ihr Engagement und ihren respektvollen Umgang mit mir (es gibt natürlich immer Ausnahmen….). In diesem Punkt wurde ich echt überrascht und das definitiv positiv. Und ja, ich habe genug Freizeit, ich habe eine gute Work-Life-Balance, ich habe genug Zeit für Sport und vor allem auch zum Reisen. Also: UNBEGRÜNDET.

Je mehr ich schreibe, desto mehr merke ich, wie dankbar ich bin. Dankbar für diese Möglichkeit. Dankbar dafür, dass alle meine Zweifel unbegründet waren. Ein Jahr ist weder zu lang, noch bin ich zu jung, noch habe ich mir zu viel vorgenommen.

0 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.