My best is yet to come

Heute ist Censo. Volkszählung. Das ganze Land arbeitet nicht. Einen ganzen Tag lang. Alles hat zu. Alle müssen Zuhause sein bis jemand an der Tür geklingelt und ein paar Fragen gestellt hat, auch Nicht-Chilenen. Clever wie wir sind, waren wir gestern Nacht einfach lang unterwegs und haben heute lang geschlafen. Fühlte sich also nicht nach warten und Wohnung-nicht-verlassen-dürfen an, sondern nach einem klassischen Sonntag. Nur dass halt Mittwoch ist. Da wie gesagt nichts auf hat heute, sitze ich jetzt statt mit Laptop im Café mit Laptop im Park und nutze den freien Tag für ein Blogupdate.

Meine Wochen sind gefüllt von Alltagsroutine: Schule. Sprachkurs. Gym. WG-Leben. Dazu gehört natürlich auch kochen, Wäsche machen, putzen, wischen, abspülen… Keine Mami da, die das macht. Hier und da mal wen zum Lunch oder auf einen Kaffee treffen. Abends mit Stella beim Serie gucke einschlafen. Ich kann gar nicht sagen, wie ich mir mein Leben hier vorher vorgestellt habe, so irgendwie glaube ich nicht, aber es ist gut so. Ich fühle mich wohl. Ich fühle mich zuhause. So werde ich es ein Jahr hier gut aushalten können. Von dem übrigens auch schon fünf Wochen um sind. Hört sich jetzt erstmal nicht so viel an – fünf Wochen von einem Jahr. Allerdings fühlt es sich echt so an, als würde die Zeit fliegen, und ich habe noch so so viele Dinge auf meiner Chile-To-Do-Liste.

Teilweise klingelt mein Wecker morgens um 6:30 Uhr. Wenn ich dann eine Stunde später in der Schule vor der Klasse stehe, ein Tafelbild zu Nominativ, Akkusativ und Dativ entwerfe und die Schüler hinter mir mit ihren Köpfen und geschlossenen Augen auf den Pulten liegen, würde ich am liebsten direkt mitmachen. Da es abends echt lange hell ist, wird es morgens aber dementsprechend auch erst später hell, was das Aufstehen noch erschwert. Auch dass Stella im Zimmer nebenan noch friedlich weiter schläft, weil sie später in die Schule muss, ist besonders am Montagmorgen echt hart. Nach 8 Schulstunden geht es dann direkt zum Sprachkurs, sodass ich mir abends beim Nachhausekommen denke „what a day…“. Allerdings gibt es auch deutlich entspanntere Tage, sodass ich mich wirklich nicht beschweren kann.

Am Montag habe ich einen Test im Sprachkurs geschrieben, drei Stunden vorher habe ich noch selber Deutschtests von meinen Schülern korrigiert. Morgens Lehrer, abends Schüler. Schon lustig. Die Schüler finden es herrlich zu merken, dass meine Spanischkenntnisse nicht unbedingt besser sind als ihre eigenen in Deutsch. Umso mehr Spaß macht es ihnen, mir etwas beizubringen. Montagmorgen vor dem besagten Test wurde ich von ein paar Schülern unregelmäßige Verben im indefinido, Körperteile und Personenbeschreibungen abgefragt. Herrlich, und geholfen hat es auch.

Im Gegenzug bringe ich ihnen neben dem Unterricht bei, dass man auf „Wie geht es dir?“ nicht ausschließlich mit „Gut.“ antworten kann. Worte wie „superklasse“ und „spitzenmäßig“ können sie sich schneller merken als welcher Artikel Milch oder Auto hat. Auch dass „ich habe einen Kater“ eigentlich nur im Zusammenhang mit Alkohol und Hangover verwendet wird und Katzen grundsätzlich Katzen sind, egal ob männlich oder weiblich, erschien mir für meine 16 und 17 jährigen Jungs eine wichtige Information.

Osterwochenende. Statt einem großen Ostersonntag-Family-Frühstück gab es Porridge mit Obst und Instant Coffee. Ostereiersuche fiel auch aus. Dafür hatte ich ein rundum perfektes Mädelswochenende. Ostern am Strand. 3 Tage Roadtrip. Ich am Steuer, habe Autofahren echt vermisst. Alles hat gepasst, obwohl die Planung sehr chilenisch und auf den letzten Drücker verlief. Strand. Fotosessions. Gemeinsames Kochen. Campari und Aperol. Sonnenuntergänge im Meer. Im Auto die Küstenstraße lang, alle Fenster runter, dabei laut KIZ, Annenmaykatereit und Seeed. Hätte nicht besser sein können. Tageswandertour durch Buchten und über Felsen, die ganze Zeit Blick aufs Meer, wie im Film. Haben sogar Pinguine und Delfine gesehen. Happiness overload.

Gestern Abend dann Nikis Geburtstagsparty. Heute hatten ja alle frei. Immer wieder ein schönes Gefühl, dass wir uns schon so lange kennen, jetzt unabhängig voneinander beide ein Jahr in Santiago sind und hier so viel zusammen erleben. Es war ein bunter Mix aus Deutschen, Chilenen, Spaniern, Venezolaner und Panamaern. Aus dem entspannten Sit-in wurde schnell intensives Reggae tanzen, in Deutschland würde das nie passieren. Ich habe einen Bachata-Crashkurs bekommen. Obwohl ich mich angeblich wohl gut angestellt habe, ist es echt unfair, als Deutsche seine Hüfte so kreisen lassen zu sollen wie die Lateinamerikaner, das ist nämlich einfach nicht möglich. Zumindest nicht ohne ausreichend Pisco. Zum Glück habe ich ja noch genug Zeit für weitere Tanzstunden. Dieses Land hat auf jeden Fall mehr Lernenswertes zu bieten als nur die Sprache.

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