Über die ersten Schultage, den Beginn meines Alltags und Sonnenuntergänge

So anders als in Deutschland. Das war meine erste Reaktion auf den Schulalltag hier. Fair berichten, ich weiß, gar nicht so leicht. Ich versuchs nochmal: Nach einer Woche jeden Abend auf Achse sein, hat der Schulalltag nun also begonnen. Tag 1 & 2 an der Schule. Am Instiuto Nacional. Ein kurzer Überblick: Jungenschule, direkt im Zentrum Santiagos, über 4000 Schüler, 5. bis 12. Klasse, 45 Schüler pro Klasse, vormittags die Älteren, nachmittags die Jüngeren, etwa 200 Lehrer, gilt als die größte und beste öffentliche Schule Chiles. Deutschunterricht ab Klasse 7, etwa 2000 Deutschlernende, 4 Deutschlehrerinnen, 4 Kulturweit-Freiwillige.
Bücher, Material, Wandanstriche fehlen. Die Klassenzimmer sind verhältnismäßig klein und haben auch schon bessere Tage gesehen. Permanenter Geräuschpegel, zu keiner Sekunde des anderthalbstündigen Unterrichts war es mal leise, zu keiner Sekunde hat wirklich mal jeder Schüler der Lehrerin vorne zugehört. Das und die Tatsache, dass jede Klasse nur eine Doppelstunde pro Woche hat, sind dann wohl die Gründe dafür, dass nach bereits vier Jahren Deutschunterricht die Obstsorten auf dem Stundenplan stehen. Good for me, so konnte ich Apfel, Banane, Ananas & Co. direkt auf Spanisch mitlernen.
Frontalunterricht, Vokabeln von der Tafel abschreiben, Deutschunterricht auf Spanisch, Methodik ist nicht. Gemeldet wird sich grundsätzlich nicht, die Lehrer kennen die Namen der meisten Schüler nicht, es sind einfach zu viele. Die Lehrer kennen sich auch untereinander nicht alle, ebenfalls einfach zu viele. Wie das mit den Noten funktioniert, keine Ahnung. Tatsächlich schneiden die Schüler aber im nationalen Vergleich sehr gut ab, zudem gelten sie als Vorbild im Bereich politisches Engagement. Am Instituto streiken die Schüler, nicht die Lehrer, und zwar für bessere Bildung.
Überraschend: das Schüler-Lehrer-Verhältnis. Begrüßt und verabschiedet wird sich mit Umarmung und Kuss auf die Wange, das Verhältnis wirkt eher freundschaftlich. Demnach kein Wunder, dass auch ich von den meisten Jungs direkt nach der ersten Stunde ein Küsschen auf die Wange zum Abschied bekomme. Super lieb und interessiert sind die meisten, echt niedlich in ihren Schuluniformen. Neugierige Blicke und Pfiffe auf den Fluren lassen sich damit erklären, dass Mädels in dieser Schule logischerweise Mangelware sind. Damit kann man also klar kommen. Die Frage nach einem Boyfriend oder meiner Handynummer der pubertär kichernden Jungs, habe ich demnach ebenfalls mit einem Lachen abgetan.
Fester Stundenplan, feste Aufgaben, der Beginn eines Alltags. Auch Kurse im Fitnessstudio und Iced Coffee im Park haben schon einen festen Platz in meinem Tagesablauf gefunden, ebenso wie die Yoga Class im Park am Sonntagvormittag, das mit dem Einleben klappt gut. Beginne mich immer weniger wie ein Touri zu fühlen, kenne die Wege, weiß wie alles läuft. Die WG-Suche war erfolgreich, am 1. April ziehen Stella und ich endlich um, das Aus-dem-Koffer-Leben hat dann ein Ende. Pläne schmieden, voller Energie, voller Vorfreude, so viel wie möglich von Santiago und Chile zu sehen und zu erleben.
Highlight jedes Tages ist der Sonnenuntergang, optimal zu genießen von unserem Balkon im 13. Stock und jeden Tag aufs Neue in meiner Snapchat-Story zu finden. Pure Glücksmomente. Ebenso wie der Blick von oben über die Stadt und die Fassungslosigkeit über die Gewaltigkeit und Größe Santiagos. Da kann man nur staunen und bewundern. Und genau dieser Ausblick ist definitiv die etwa einstündige Wanderung bei 30 Grad in der prallen Sonne den San Cristóbal Hill hoch wert.

2 Comments

  1. Katja

    Liebe Lea,
    na mit Fitness Studio und Coffee to Go… da hast du ja fast alles was du brauchst! 🙂 Ich reise gerade mit dem Zug nach Hannover 🙂 werde dort mal kurz winken… und dann weiter nach Bremen. In Starnberg bzw. ganz Deutschland hat auch der Frühling begonnen und alles blüht. Es ist herrlich!
    Freue mich weiterhin von dir zu lesen. Lieber Gruß aus dem Zug, Katja

  2. Stefanie Diemert

    Liebe Lea, du machst ja unglaubliche Erfahrungen! Was für ein Unterschied zu meiner Arbeitswelt in deiner ehemaligen Grundschule. Das motiviert mich wieder zu mehr Dankbarkeit im Schulalltag und Gelassenheit mit Schwierigkeiten, die ich bei Schülern wahrnehme. Langfristig denken und nachhaltig handeln! Bleibe so fair in deiner Berichterstattung! Liebe Grüße aus der Grundschule Am Langen Feld in Gehrden!

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