Frag doch mal in… Chile- neues Thema, neue Erfahrungen

 

In die zweite Runde starteten wir diesen Monat mit der Thematik “Das Schulsystem/Bildung in deinem Einsatzland”. Zu diesem Anlass nahm sich Susan Sáez , welche seit einem Jahr als Sekretärin an der Deutschen Schule arbeitet, Zeit, meine Fragen zu beantworten. Sie ist 1975 in der Kleinstadt La Unión geboren und verbrachte einen Großteil ihres Lebens in unterschiedlichen Tätigkeiten in der Heimat. Ohne Zweifel ist dies ein sehr komplexes Thema, dem man viel mehr Zeit und Zeilen widmen könnte, doch eine interessante Kostprobe des chilenischen Bildungssystems im Wandel der Zeit und Personen findet sich meiner Meinung nach in ihren folgenden Erzählungen.

 

Zuallererst eine allgemeinere Frage: Wie würdest du das Bildungssystem in deinem Land bewerten?

Meiner Meinung nach ist das Bildungssystem schlecht, ungleich. Uns fehlen immer noch viele profunde Reformen um an einem Status anzukommen, der nicht Einige begünstigt und Anderen den Zugang zu Bildung erschwert, sondern Chancengleichheit und qualitativ hochwertige Bildung für das gesamte Volk etablieren würde. Auch heute gibt es schon einige Reformvorschläge und richtige Intentionen, allerdings werden sie oftmals falsch angewendet, da ich glaube, dass ein Wandel bereits im Kindergarten beginnen und sich dann konsequent bis zu den Abschlussklassen vollziehen müsste. Beispielsweise kann man nun schon kostenlos studieren, dennoch fehlt die Basis in der Bildung und Erziehung. So profitieren letztendlich nur diejenigen von diesen Stipendien, die zuvor bereits eine weit gefächerte und gute Bildung erhielten. Wir brauchen Gleichheit, Qualität, um die extremen Differenzen abzubauen und allen Menschen die selben Chancen zu garantieren.

Um dies zu ermöglichen, muss auch deutlich mehr in die Ausbildung der Lehrer investiert werden, die hierzulande häufig keinen anerkannten Beruf ausüben und wenig Unterstützung erhalten.

 

Ausgehend von dem, was du bereits erzählt hast: wie war dein persönlicher schulischer Werdegang und wie bist du an die Ausbildung gelangt, die deiner heutigen Arbeit voranging?

Da es damals in La Unión noch keine Kindergärten gab, wurde ich bis zum Alter von 5 Jahren zu Hause erzogen und kriegte beispielsweise die Grundsätze des Lesens und Rechnens von meiner Mama gelehrt sowie von meinem Opa, mit dem ich immer ein Tagebuch schrieb. Dann schickten sie mich an die katholische Schule „Santa Marta“. Damals gab es nur sehr wenige Schulen hier in La Unión, sodass meine Eltern aus ökonomischen Gründen diese, halb durch den Staat subventionierte, Schule für mich aussuchten. Eine Schule auf dem Land kam kaum in Frage, da es unglaublich viele Vorurteile und Differenzen zwischen den Schulen gab, wie das Vorurteil der ungebildeten Sprache, Schülern ohne finanzielle Mittel, gepflegte Kleidung und Essen an den ländlichen Schulen. Die sozialen Differenzen waren in allen Ecken sichtbar. Es gab ja auch beispielsweise keine Supermärkte wie heute, in denen man Kleidung gekauft haben könnte und Wege, die heutzutage mit dem Schulbus zurückgelegt wurden, musste man früher noch zu Fuß laufen. Soziale Differenzen waren also kaum zu überbrücken, schon alleine dadurch, dass der Zugang zu Gütern um einiges schwieriger war. Wir befanden uns am anderen Ende der Welt und viele neue, fortschrittliche Entwicklungen erreichten uns erst Jahre später. So durften meine kirchliche Schule auch keine Kinder besuchen, deren Eltern getrennt waren. Außerdem war das Problem des Analphabetismus´wirklich präsent, welches heute kaum mehr zu sehen ist. Generell gab es demnach viele Umstände, die die Chancen auf hochwertige Bildung sehr ungleich gestalteten.

Die Schule „Santa Marta“, in der ich damals schon ein wenig Italienisch und Französisch lernte, ging nur bis zur achten Klasse, weswegen ich auf die Deutsche Schule wechselte und dort meinen Abschluss machte. Davon abgesehen gab es nur eine andere Schule hier, in der man die „ensenanza media“ erreichen konnte und diese hatte den Ruf eines niedrigeren Niveaus, sodass nicht ich die Entscheidung traf, sondern meine Eltern beschlossen, dass dies die beste Schule für mich sei.

Nach der Schule ging ich direkt nach Valdivia, um dort Gewerbetechnik zu studieren, doch weil ich mental noch unreif war und wenig reflektierte, was mir tatsächlich gefallen könnte, brach ich diese Karriere schnell ab und wechselte in den Außenhandel. Meine erste reguläre Arbeit begann ich im Zollamt an der Grenze. In diesem Bereich arbeitete ich zehn Jahre und machte unterschiedlichste Erfahrungen. Besonders dadurch, dass der Machismo damals präsenter war und ich hart für die Anerkennung meiner Arbeit sowie ein ebenbürtiges Zusammenleben mit meinen männlichen Kollegen kämpfen musste.

Obwohl mir meine Karriere gefiel, entschied ich mich daraufhin, Verwaltung in einem Institut in Osorno zu studieren, arbeitete einige Jahre bei der Telefonfirma „Entel“ und änderte mein Studium ein letztes Mal hin zum Personalmanagement. Dieser Bereich gefiel mir sehr und tut es immer noch, Aufgaben wie die Optimierung von Arbeitsprozessen und die Integration jedes Mitarbeiters auf bestmöglichste Weise. Dennoch entschied ich mich schlussendlich, meine heutige Stelle als Sekretärin anzunehmen, durch die ich zwar weniger verdiene, anders als vorher jedoch nicht mein ganzes Leben auf die Arbeit ausrichte, sondern mir auch Zeit zum Leben nehmen kann.

 

Was würdest du heute in deiner Arbeit, aber auch generell in der chilenischen Arbeitswelt als prägend beschreiben, nach den vielen unterschiedlichen Erfahrungen die du gemacht hast?

Zum einen beispielsweise, dass wir täglich viele Stunden arbeiten, ungefähr acht bis neun, und uns auch häufig drüber beklagen, tatsächlich jedoch nicht annährend ebenso viele Stunden produktiv arbeiten, wie es im Vertrag geschrieben steht. Immer finden wir Möglichkeiten, der Arbeit aus dem Weg zu gehen, Grenzen auszuweiten und trinken lieber einen Kaffee mit Kollegen, unterhalten uns, als die Arbeit im ursprünglichen Rahmen auszuführen. Dies ist meiner Meinung nach auch einer der größten Unterschiede zu den meisten Industrieländern, dort scheinen die Arbeiter produktiver zu sein und die Arbeitsregeln deutlich mehr verinnerlicht zu haben, während wir teilweise sehr bequem sind. Ebenfalls prägend ist die Problematik des Mindestlohns, der bei ungefähr 240.000 Pesos (ungefähr 350 Euro) liegt. Personen, die studiert haben und aufwändige Arbeit betreiben, verdienen häufig nicht nennenswert mehr als andere, die deutlich weniger und mit geringerem Anspruch arbeiten. Demnach gibt es also viele Berufe, die unterschätzt und -bezahlt werden.

Deswegen haben auch nicht Wenige einen zweiten Beruf oder verkaufen beispielsweise abseits von ihrer regulären Arbeit noch Kleinwaren wie Schmuck.

 

Sind dabei überregional in den letzten Jahren Veränderungen aufgetreten, die starken Einfluss auf den Arbeitsalltag haben?

Zum einen ist der Stundendurchschnitt von 48 auf 45 Stunden gesunken und wird dieser Tendenz wohl folgen. Zum anderen gibt es mittlerweile eine umfassendere Sicherheit am Arbeitsplatz; während damals die wenigen Vorschriften sehr locker gesehen wurden, werden sie nun viel konsequenter verfolgt, wie zum Beispiel moderne Gesundheitsvorschriften. Auch sind die Gewerkschaften jetzt aktiver, nachdem Aktivitäten ihrerseits in der Zeit des Militärregimes quasi nicht existierten, da sie als Teil des kommunistischen Systems betrachtet wurden. Für mich ist auch besonders wichtig, dass sich einige Wandel in den Rechten der Frauen vollzogen haben. Damals hat eine Mutter nach der Geburt ihres Kindes drei Monate als Elternzeit frei bekommen, nun sind es bereits sechs. Gleichfalls besteht die Möglichkeit, dass der Vater sich um das Kind kümmert. Allerdings fehlt diesbezüglich auch noch eine große Entwicklung, da Frauen in der Arbeitswelt immer noch nicht gleichgestellt sind und andere Bedingungen erfahren, als ihre männlichen Kollegen. Gleichberechtigung sollte selbstverständlich und verpflichtend sein, doch es ist immer noch sozial verankert, dass Frauen sich um die Kinder kümmern müssen. Dieses Thema stört mich sehr und beeinflusst die Arbeitswelt immens.

Konkret auf die Arbeit an der Schule hat sich denke ich verändert, dass sowohl Schüler wie auch Eltern damals die Lehrer und Angestellten mehr anerkannt und respektiert haben. Viele Eltern, besonders Mütter, haben wohl ein schlechtes Gewissen, weil sie ihre Kinder „vernachlässigen“, indem sie eben nicht zu Hause bleiben, sondern viele Stunden am Tag arbeiten. So ersetzen sie die Zeit, die sie nicht mit ihren Kindern zusammen verbringen können, indem sie den Kindern materiell alles bedingungslos zur Verfügung stellen und immer direkt einspringen, wenn sich irgendein kleines Problem im Alltag ihres Kindes anbahnt. Anstatt Probleme selber zu lösen und sich mit anderen auseinanderzusetzen, müssen die Schüler nun kaum für sich sprechen, sondern bekommen alles durch ihre Eltern gerechtfertigt. Früher mussten die jungen Erwachsen nach der Schule selbstständig Verantwortung für ihr Studium, ihre Einkunft und ihr Leben übernehmen, nun hingegen ist es in Chile allgegenwärtig, dass sie mindestens bis zum 25. Lebensjahr von ihren Eltern das Studium finanziert bekommen und nicht unüblicherweise noch bis 30 im Elternhaus leben.

 

Du hast bereits erwähnt, dass deine Eltern dich zu einer selbstständigen Person erzogen und du immer einen starken Willen hattest. Was war denn dein Berufswunsch, als du klein warst und was hat sich daraus entwickelt?

Als ich ganz klein war, wollte ich Pilotin werden, das erledigte sich jedoch, als eine Bekannte der Familie im Flugzeug umkam und ich so für mich feststellte, dass dieser Beruf zu gefährlich ist. Zunächst wollte ich dann wie der Großteil der Kinder Krankenschwester oder Arzt werden, anderen Menschen helfen, mein erster ernsthafter Berufswunsch war dennoch Pianistin zu werden. Fünf Jahre lang erhielt ich zwei- bis dreimal die Woche Unterricht und entwickelte dort eine große Leidenschaft, leider gab es damals sehr wenig Zugang und Unterstützung im künstlerischen Bereich, sodass ich diesen Traum aufgeben musste. Ehrlich gesagt finde ich es immer noch schade, dass es mir damals nicht möglich war, dieses Interesse zu vertiefen. Genauso wenig konnte ich den Traum verwirklichen, Soundakkustik zu studieren, da diese Branche noch sehr jung und wenig entwickelt war, mein Vater mich also nicht ließ.

 

Würdest du denn generell sagen, dass in deinem Land nun viele Freiheiten in der Berufswahl bestehen?

Leider nicht, da die Studiums- und Arbeitsmöglichkeiten immer noch extrem von den persönlichen Umständen, also dem sozialen Umfeld, den finanziellen Möglichkeiten, der Schule, die man besucht hat, abhängen. Wenn du in einer sozial schwachen Schicht mit wenigen finanziellen Mitteln aufwächst, ist es höchst unwahrscheinlich, dass du eine herausragende Karriere aufnehmen kannst. Zweifelsohne sehr viel schwierig als wenn du „unter günstigen Bedingungen“ aufgewachsen bist, immer von den Eltern unterstützt. Dies verstärkt sich noch dadurch, dass Chile ein Land ist, welches sich so lang erstreckt und dadurch große Distanzen zwischen den Städten entstehen lässt. Studenten aus Kleinstädten müssen in der Regel eine Pension oder tägliche Busfahrten bezahlen und neben dem Studium arbeiten, obwohl eigentlich keine Zeit dafür bleibt.

Es gibt auch Stipendien für mittellose, doch talentierte Schüler im Bereich der Begabtenförderung. Von diesen Wenigen abgesehen erhält aber wieder nur ein Bruchteil, eine hohe soziale Klasse, die Gelegenheit, die Karriere ihrer Wahl aufzunehmen. Außerdem geht es bei der Studienwahl generell eher um die ökonomischen Möglichkeiten, die dir der Beruf verspricht, als die Frage, ob dies wirklich die Karriere deines Interesses ist und dich glücklich macht.

Viele wollen Medizin, Ingenieurswesen oder Jura studieren, soziale oder künstlerische Studiengänge sind hingegen relativ aussichtslos und müssen wenn dann im Ausland aufgenommen werden.

Ich selbst wünsche mir manchmal, vom einfachen Handwerk zu leben und mit einer viel praktischeren Arbeit mein Geld zu verdienen, dies ist jedoch im Moment quasi aussichtslos.

 

Vielen Dank für die verschieden Eindrücke in die chilenische Arbeitswelt, die wir so erhalten konnten. Trotz der vielen Fragen bleiben einige riesige Thematiken noch offen, sodass ich schon gespannt, noch Tiefgründigeres zu erfahren und die landesweiten Entwicklungen zu verfolgen!

Und hier noch einmal der Link zu den gesammlten Interviewas aus aller Welt. https://fragdochmal.tumblr.com/

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