Frag doch mal in… Stöbern durch chilenische Kindheitserinnerungen

Als frisches Mitglied der Blogaktion „Frag doch mal in…“, ins Leben gerufen von Jule Wiedersberg in Kolumbien, habe ich diesen Monat das erste Mal ganz offiziell ein „Kulturinterview“ mit einem Einheimischen geführt. Nach fast 7 Monaten hier in Chile wäre ich doch relativ enttäuscht von mir selbst, wenn ich nicht schon neugierig und offen vielen Geschichten aus erster Hand gelauscht hätte, doch ist es noch einmal etwas anderes, wenn man sich richtige Fragen zurechtlegt, gemeinsam ganz offiziell zu einem Interview trifft und die Erkenntnisse dann auch noch derart festhält. Diese erste Erfahrung hat mir jedoch bereits einen süßen Vorgeschmack auf den weiteren Verlauf des Experimentes vermittelt und mich einmal mehr fasziniert, im Angesicht des Treibens durch Lebenswege fernab der eigenen Dimensionen. Ich freue mich, euch hier einen Einblick in das geben zu können, was ein Kollege mit mir zu teilen bereit war, als ich mich mit ihm zu einem Gespräch über seine Kindheitserinnerungen und von ihm wahrgenommene Entwicklungen in Chile  setzte…

Dieses Interview von der Freiwilligen Janneke Campen an der Deutschen Schule in La Unión, Chile, mit Walter Martinez Navarrete geführt. Er studierte Ingenieurwesen mit Schwerpunkt auf Informatik, ist 36 Jahre alt und arbeitet nun seit einiger Zeit an der Schule im Bereich der Verwaltung, der Kontrolle und Registrierung der Schulplattform und Wartung der Technik.

 

Diesen Monat wollen wir im Rahmen des Projektes „frag doch mal in….“ mehr über Kindheitserfahrungen Einheimischer herausfinden. Du bist in Chile geboren und aufgewachsen. Welche Erinnerung aus der Kindheit ist dir bis heute noch sehr präsent?

Dabei denke ich sofort an das Reiten auf dem Land. Dies machte ich immer mit meinem Vater und ich erinnere mich daran, weil dies in den zwei ersten Jahren meiner Schulzeit mein einziges Transportmittel war. Damals lebte ich mit meinen Eltern und meinem älteren Bruder auf dem Land in der Andenkordillere, in der Nähe des „Lago Ranco“. Als Pächter eines Landstückes meines Großvaters lebten wir autark, versorgten uns demnach durch unsere eigene kleine Landwirtschaft und handelten sehr wenig. Im Winter verkauften meine Eltern manchmal oder vier Kälber der zehn Kühe die wir hatten, um Reis und andere Nahrungsmittel zu kaufen, die wir nicht hatten. Häufig trockneten wir aber auch die Bohnen etc. aus der Sommerernte, um sie im Winter verwenden zu können und schlachteten alte Kühe. Abgesehen von Kühen besaßen wir ebenfalls Schweine, Schafe und Hühner in kleinen Mengen. Der große Gewinn war, wenn wir einmal mehr Tiere als normalerweise hatten und mit ihnen handeln konnten. Nachbarn hatten wir kaum und die Wenigen waren Verwandte. Da es damals fast keine Automobile und andere motorbetriebene Fortbewegungsmittel gab ritt ich jeden Morgen um sechs Uhr früh zur Schule, bin dort um acht angekommen und lesen, schreiben und rechnen zu lernen. In meiner Grundschule wurde uns das Grundlegende gelehrt und Fremdsprachenunterricht gab es beispielsweise noch nicht. Diese kleine Schule besuchte ich drei Jahre lang und wechselte dann an ein Internat, welches meine Eltern aussuchten, weil die Bildung dort besser war und mein Bruder bereits dort war. So bin ich anschließend jeden Sonntag mit der Mikro nach Rio Bueno gefahren, um dort einen weiteren Bus zu nehmen, der mich an dieses Internat am Lago Ranco brachte, an dem ungefähr 150 Schüler unterrichtet wurden, sowohl Mädchen als auch Jungen. Nur alle 15 Tage kehrte ich zurück nach Hause und verbrachte demnach auch die Mehrheit der Wochenenden im Internat. Für mich war es insgesamt eine sehr schöne Erfahrung, besonders mit meinen Klassenkameraden, die wie Brüder und Schwester für mich waren.

Ich war auch sehr sportlich, sodass ich die ganze Woche über Sport praktiziert habe, da dies mir erlaubt hat, andere Aktivitäten abgesehen des normalen Unterrichts zu praktizieren.

Zwar war ich im Unterricht eher faul, dafür engagierte ich mich aber als Klassensprecher und organisierte Aktivitäten mit, die das Ziel hatten, die Menschen am Lago Ranco mehr in die Schulgemeinschaft zu integrieren. So zum Beispiel „Frühlingswochen“, in denen ausschließlich Sport in unterschiedlichen Formen betrieben wurde und „Schulwochen“, in denen es musische, künstlerische und sportliche Angebote gab.

 

Aus den bisherigen Erzählungen entnehme ich, dass sich seit deiner Kindheit sehr viel verändert hat, sowohl in deinem Leben als auch in Chile. Welche Veränderungen würdest du als die Gravierendsten beschreiben?

Abgesehen vom Zugang zur Bildung: das Essen und der Transport. Wie ich bereits erzählt habe, brauchte ich damals ungefähr zwei Stunden für den Weg von meinem Haus bis zum Dorf, bedingt durch die Qualität der Wege. Heutzutage braucht man für genau denselben Weg im Auto 40 Minuten und auch wenn es immer noch Schotterstraßen gibt, sind immerhin 50 Prozent der Straßen asphaltiert.

Besonders präsent ist mir noch, wie wir unter der Kälte gelitten haben. Im Sommer wurden wir „Berliner“ genannt, weil wir voll von Staub und waren und total zerzaustes Haar hatten, im Winter dann froren wir unglaublich, es war auch noch kälter, weil sich die klimatischen Verhältnisse verändert haben. Zum Beispiel hat es immer geschneit, mittlerweile kommt der Schnee nicht einmal mehr am Fuße der Andenkordillere an.

Außerdem gibt es in Chile generell viel mehr Häuser und Fahrzeuge, man ist nicht mehr von Kleinbussen abhängig. Insgesamt ist das Leben viel unabhängiger, angefangen bei der Arbeit, die nicht mehr so hart ist und aufhörend bei den ganzen Vorteilen, die dir der Staat bietet. Die Kinder, die eine Schule auf dem Land besuchen, werden jetzt von einem Schulbus bei ihrem Haus eingesammelt und anschließend wieder abgesetzt. Bei uns gab es nur zwei Möglichkeiten: Fahrrad oder Pferd, viel weniger komfortabel. Hinzukommend geht die Tendenz nun natürlich zu weitaus weniger Schulen auf dem Land und mehr städtischen Schulen.

 

Du hast ja bereits ganz am Anfang den Aspekt Bildung betont, was änderte sich diesbezüglich besonders?

Zumindest dort wo ich lebe ist es heute sehr viel einfacher, an einer Universität zu studieren. Beispielsweise war ich der allererste beider meiner Familien, der einen Universitätsabschluss machte, weil für meine älteren Geschwister die Voraussetzungen noch gar nicht vorhanden waren, vor allem wirtschaftlich. So hat sich die Wirtschaft seitdem enorm verbessert, einem wird viel mehr Unterstützung geboten und es gibt auch mehr Universitäten. Früher gab es die wenigen bekannten, klassischen, die nur in den größeren Städten aufzufinden waren. Mittlerweile haben sich Institute etabliert, an denen man auch eine technische Ausbildung erhalten kann. Diese werden zwar privat finanziert, allerdings bietet der Staat viele Stipendien.

 

Gibt es auch Umstände, die damals besser oder einfacher zugänglich waren als heutzutage?

Ja, in meiner Kindheit und Jugend standen wir noch unter der Herrschaft der Militärdiktatur. Dabei lief zwar vieles extrem falsch und ungerecht, die Gesundheitsversorgung und Bürokratie waren jedoch meiner Meinung nach viel besser aufgestellt. Es war für uns kein Problem, kostenlos einen Doktor oder einen Arzt aufzusuchen, obwohl meine Eltern kein geregeltes Einkommen hatten. Dagegen muss man seit der Wiedereinführung der Demokratie erst einmal einen Arbeitsnachweis vorzeigen, um ins Krankenhaus zu kommen und sich dort mit einem riesigen bürokratischen Aufwand herumschlagen. Dies ist natürlich nur ein Aspekt einer unglaublich komplexen Geschichte, aber fällt mir heute besonders auf…

Walter Martinez Navarrete, Technikbeauftragter an meiner Schule in La Unión und so lieb, sich Zeit für die vielen Fragen zu nehmen

Zu den anderen Interviews, die im Monat März von Freiwilligen aus ganz unterschiedlichen Ländern der Welt geführt wurden, gelangt ihr hier: https://fragdochmal.tumblr.com/

 

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