Familiäres Hochgefühl inmitten chilenischer Einmaligkeiten

Nach einem unglaublichen Monat, übersät von einzigartigen Erlebnissen und wunderschönen Bildern, die mir immer wieder durch den ruhelosen Kopf spuken, raste ich derzeit einige Tage in La Union, bis ich die Krönung meiner Reisehochsaison antrete und fühle mich verpflichtet, zumindest ansatzweise zu schildern, an welchen Landschaften ich in letzter Zeit entlangzog und welche Menschen dabei meine Abenteuer mitgestalteten(für alle die, die diesen schmalen famosen Streifen auf der Südhalbkugel nicht ausreichend kennen, Hyperbeln gehören hier in den Alltag wie der pflichtbewusste Blick auf die Armbanduhr in Deutschland und sind in jedem Satz mindestens in dreifacher Ausführung obligatorisch, damit einem abgenommen wird, dass man tatsächlich etwas Absonderliches hinter sich hat).
Meine erste Station war die Wohnung von Theresa, in der ich die Countdown-Tage bis zur Ankunft meiner Familie verbrachte, zumindest einige schlafende Stunden genauer gesagt, schließlich galt es, nach Monaten in meinem heimeligen, ruhigen Süden mal wieder kleine Häppchen vom würzigen Großstadteintopf zu nehmen. In der Masse der Möglichkeiten waren die Highlights, die ich während meiner Stippvisite genießen durfte, die Erkundungen eines weiteren Hauses Pablo Nerudas „La Chascona“ sowie des „Museo de Bellas Artes“ (als wir einige Chilenen nach dem Weg fragten, ernteten wir entgeisterte Blicke und die Auskunft, dass man zu Fuß mindestens 40 Minuten bräuchte, nach fünfen setzten wir dann unseren ersten Schritt in die Barockhallen…) und der Besuch einer genialen „Spanglish Party“ sowie einer willkürlichen, Happy Hour proklamierenden Bar. Durch diese erfuhren wir trilinguale, tiefgründige oder auch simple und von Lachern durchzogene Begegnungen und plauderten, wie beinahe zur Gewohnheit geworden, mit Menschen aus allen Ecken der Welt. Auch verfielen wir erneut den süßen Versuchungen des Konsums, denn nicht nur die neuzeitlichen Jumbomalls, sondern auch augenscheinlich harmlosere Handwerksmärkte, wie jener in „Los Dominicos“ lockten mit Unmengen an Kleinigkeiten, die man theoretisch nicht braucht, aber in solchen Momenten auf einmal ganz wichtig für Leib und Seele scheinen. Wie gut, dass ich den Großteil meiner Zeit fernab von solchen Zaubern verbringe und mein Geld lediglich für Essen verschleudern kann.

Am Donnerstag, den 22. Dezember, trat dann das ein, worauf ich schon so lange und doch letztendlich nur gefühlte drei Wimpernschläge gewartet habe: meine Familie kam völlig fertig am Flughafen in Santiago an (natürlich kamen postwendend viele alte Erinnerungen an diesen Ort hoch) und brachte ganz viele Emotionen und Heimatsgefühle mit.
Leicht ungewöhnlich war es zu Anfang, nach vier Monaten ziemlicher Selbstständigkeit in absolut neuer Umgebung, wieder im gewohnten familiären Umfeld zu planschen sowie darüber hinaus plötzlich aus der Rolle der kleinen Tochter, die sich von ihren Eltern größtenteils durch die Urlaubsorte führen lässt, in jene der Chileerfahrenen/Reiseführerin/Dolmetscherin zu schlüpfen. Tatsächlich barg das gewisse Überlegenheitsgefühl aber durchaus einige Reize, sodass ich es in den nächsten zwei Wochen genoss, meine Familie durch den Norden Chiles zu treiben und zu sehen, wie sie das wahrnahmen, was ich bereits gewohnt war, als auch neue Sachen zusammen auszuprobieren, die schier endlos gegeben und mit der richten Mischung aus Neugierde, Flexibilität und finanziellen Privilegien erkundbar sind.

Um nicht alle Normen eines Blogeintrags zu sprengen beschränke ich mich wie hier wie zuvor auf meine persönlichen Höhepunkte in La Serena, Copiapó, San Pedro de Atacama, einem weiteren Santiagoaufenthalt und allem, was dazwischen und drum herum zu bestaunen war.
In Puncto Landschaften waren wir in La Serena Teil der Sandstrand- und Leuchtturmbesucher (als besonderes Andenken wurden Sonnenbrände, Blasen und Hautkrebsrisiken gesammelt).Außerdem haben wir in einer der grünen Oasen der Wüstenregion, dem „Valle del Elqui“, allerlei Spezialitäten (wie selbstverständlich Pisco -nebenbei ein kleiner Funfact: im Kampf um den Ursprung des Piscos zwischen Chile und Peru waren die Chilenen so schlau, ein Weingebiet einfach in „Pisco Elqui“ umzubenennen und die Peruaner indes zu entmachten) probierend, riesige Weintrauben- und Avocadohänge, überschwemmte Urpopulationen, Gabriella Mistrals Geburtsort und einen der wenigen Saatguttresore weltweit passiert.
Copiapó (bekannt für die Mine San José, in der sich 2010 das Unglück der 33 Mienenarbeiter abspielte) selbst hinterließ bei uns zwar nicht einen überwältigten Eindruck, allerdings unternahmen wir von da aus erst einen Tagesausflug zum weißen, malerischen Sandstrand „Bahía Inglesa“ und tags darauf eine 500 km lange Tour durch den „Parque Nacional Trez Cruzes“, die den Strandtag noch überbot. Dort wurde uns in vier-bis fünftausend Meter Höhe sowohl buchstäblich als auch im übertragenen Sinne der Atem genommen. Umgeben von Fünf-und Sechstausendern fuhren wir vorbei am „Navada Ojos del Salado“, dem höchsten Vulkan der Erde (6891 Meter für die, die es genau wissen wollen), den salzverkrusteten Ufern der Laguna Santa Rosa und Laguna Verde, die geschützte Flamingoarten beherbergen, und beobachteten jagende Vicunas und Wüstenfüchse. Zusätzlich wurden wir von unserem Guide mit allerlei Wissen über die alten Inkavölker und Nomaden gefüttert, die auf für mich unbegreifliche Weise in dieser Kargheit, dem eisigen Wind und der Einsamkeit ihr Leben verbringen/brachten.

In San Pedro de Atacama, dem Ort, der in meinem Kopf mit „Wirkliche Wüste“ betitelt wurde, schlossen sich dann weitere Naturwunder an, für die eine Systemkamera kein geeigneter Erinnerungsbewahrer ist. Denn mit Mountainbikes strampelten wir bei verzehrender Hitze in der labyrinthartigen „Quebrada del Diablo“ und dem „Valle de La Muerte“, zwei zerklüfteten, farbreichen Canyons, und ließen uns durch den „Valle de la Luna“ kutschieren. Dies ist ein Tal, das über Jahrmillionen seine unglaubliche Formenwelt entwickelt und seinen Namen durchaus verdient hat, denn bei der Beobachtung des Sonnenuntergangs kam man sich tatsächlich ein wenig wie auf den Mond katapultiert vor.
Das letzte große Ziel unseres Aufenthaltes stellten die spuckenden „Geysire El Tatio“ sowie die anschließenden Abstecher an einen Naturpool mit Thermalwasser und die Siedlung „Machuca“ dar (ich selber war mal wieder zu vegetarisch, um mitreden zu können, aber die dort verkauften Lamaspieße scheinen köstlich zu sein). Drei der vier in Chile lebenden Kamelarten, Flamingos und grüne Häschen bereicherten diesen Ausflug.

Das, was wir in der Wüste vermissten, ein wenig mehr Grün und Pflanzen, die auch ohne genialen Wasserspeicher überleben, kriegten wir dann noch in Santiago geboten, als wir dort die meisten reiseführerempfohlenen Sehenswürdigkeiten abliefen, uns den historischen Besonderheiten widmeten und von den Cerros „Santa Lucia“ und „San Cristobal“ über die Metropole blickten, soweit der Smog es erlaubte.

 Potenzielle Leser, die mittlerweile genervt von den vielen schwärmerischen Adjektiven sind, sollten die Website besser direkt wegklicken, da ich einfach nicht anders kann, als genau so weiterzumachen und auch die nächsten zwischenmenschlichen Erlebnisse in vergleichbarer, verzückter Form wiederzugeben.

Wie auch mein Papa zum Abschied sagte, sind die unglaublich positiven Bekanntschaften mit ursprünglich Fremden das, was in den Erinnerungen am präsentesten hängen bleibt und einen mit Staunen auf die Zeit im Ausland zurückblicken lassen. Solchermaßen führte ich mit meiner Familie eine Tätigkeit fort, die ich seit meinem ersten offiziellen Tag als Kulturweit- Freiwillige in regelmäßigen Abständen verfolgt habe: das Anquatschen Unbekannter und gleichermaßen neugieriges Durchlöchertwerden in allen denkbaren Örtlichkeiten; auf Marktplätzen, in Bussen, Kirchen und ganz besonders intensiv: Hostels.
In die Magie des in-Hostel-Gesprächshemmungen-Verlierens habe ich mich bereits vorher verliebt, doch in diesen zwei Wochen kamen ein einmal wieder Gespräche hinzu, die bewiesen, dass die Angst, sich fremden Menschen „aufzudrängen“ in den meisten Fällen total unbegründet ist und Unterschiede in Sprache und Gewohnheiten keine Hürde sind, solange man sich Mitmenschen mit offenem Herz und Gedanken annähert. Abgesehen von solchen Erinnerungen ließ uns Folgendes überwältigt staunen.
Ein Marktverkäufer, der eine winzige Vase für uns in halbstündiger Arbeit und Präzision in einer Konstruktion aus Pappe und Kleber einpackte und uns zum Abschied noch ein Bild schenkte.
Das Zusammentreffen mit dem Erzbischof von La Serena, der uns dazu einlud, am nächsten Tag den Weihnachtsgottesdienst mitzugestalten, was dann nach diversen Angeboten darauf hinauslief, dass mein Bruder und ich den Gottesdienst, in einer Prozession von Ausländern durch den Mittelgang schreitend eröffneten, und anschließend in seinen ersten Sätzen genannt wurden, in denen er betonte, was für eine Bereicherung Ausländer jeglicher Herkunft für dieses Land darstellen (könnte man das nur als universelle Botschaft in die Welt schicken).
Die Familie, die uns panische Menschen nach einer Buspanne mit unseren 80kg Gepäck mitten im Nichts aufsammelte, pünktlich zum Flughafen brachte, dabei in herzliche Gespräche einband und dies alles wie eine Selbstverständlichkeit wirken ließ…

Diese Eindrücke bis dato aus diesem verrückten Land der Vielfältigkeit und warme Grüße in die relativ eisige Heimat!!

Im Valle del Elqui


Ein ganz besonderer Weihnachtsgottesdienst in der Kathedrale La Serenas


Laguna Santa Rosa- Parque Nacional Tres Cruces

Laguna Verde im Parque Nevado Tres Cruces


Das „Amphitheater“ in der Atacamawüste


Sonnenuntergang im Valle de la Luna


Mountainbiketour in der „Quebrada del Diablo“

 

Das Wahrzeichen La Serenas

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2 Kommentare zu Familiäres Hochgefühl inmitten chilenischer Einmaligkeiten

  1. Helmut und Heike Campen sagt:

    Hallo Lieblingsnichte.
    Ich / wir lesen immer wieder voller Begeisterung Deinen Blog. Und das Bild von dem kleinen großen Mädchen vor dem „Sonnenuntergang im Valle de la Luna“
    bewegt jedesmal aufs Neue.

    • Liebe Heike und Helmut,
      ich freue mich dass ihr meinen Blog verfolgt und ich derart meine Reisen mit euch teilen kann. Bald kommen bestimmt weitere Einträge von meinen Erlebnissen hier und auch ähnliche Bilder, die Landschaft verdient es schließlich, eingefangen zu werden!!

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