Halbzeitblues

Die „neue Generation“ der kulturweit Freiwilligen hat sich mittlerweile in ihr Abenteuer gestürzt. Jetzt, wo man an Hand ihrer Blogeinträge ihre Aufregung, Überraschung, ihre Begeisterung und ihre Ernüchterung miterlebt, sowie die vielen kleinen Schritte beobachtet, die man selbst bereits gemeistert hat, um sich in ein neues Leben einzufinden, wird einem das erste Mal richtig bewusst: das Bergfest ist bereits vorüber.

Die Hälfte meines Freiwilligendienstes ist schon vorbei, andere Freiwillige schon längst abgereist und wieder mitten in ihrem Alltag.

Ich konnte das zunächst nicht ganz begreifen, nach 6 Monaten erlebe ich doch noch jeden Tag etwas Neues, erlebe immer noch leichte Kulturschocks, stehe immer noch wieder mit vielen Fragzeichen vor verschiedensten Situationen. Natürlich fühle ich mich hier schon heimisch, kenne meine Umgebung, habe Freunde gefunden, weiß wohin man am besten ausgeht und welche Plätze man gesehen haben muss. Trotzdem ist für mich immer noch so unglaublich vieles neu und ungewohnt, dass es seltsam ist zu merken, dass ich nur noch ein halbes Jahr Zeit habe, um möglichst viel zu entdecken.

Doch wenn man genau reflektiert, dann fällt auch auf, wie viel ich in der Zeit schon erlebt habe und wie viel sich schon entwickelt hat.

Besonders deutlich wurde das, als meine Familie zu Besuch war.

Nach 2 sehr erlebnisreichen, von zahlreichen Veranstaltungen gespickten Wochen, in denen der deutsche Meisterkoch (wie er von uns getauft wurde) Bernd Malter im CCA zu Gast war, fiel

Deutsche Küche meets Mexikanische Küche

ich vollkommen kaputt in den Flieger nach Cancún und konnte noch gar nicht realisieren, dass ich wenige Stunden später meine Familie in Playa del Carmen wiedertreffen würde.

Beim Butterbrezeln schmieren mit Bernd Malter

Als es dann so weit war, verspürte man zum Glück nicht den Hauch eines „fremdelns“, Im Prinzip war alles wie immer. Und doch nicht ganz, denn ich konnte eine Entwicklung an mir merken.

Auf einmal war nämlich ich diejenige, die

beim Übersetzen geholfen hat, die für mich mittlerweile selbstverständliche Situationen erklären konnte, die spezielle Gerichte und Zutaten erläuterte. Ich war nicht mehr diejenige die von anderen alles gezeigt bekommt, ich versuchte so gut wie möglich, Einblicke in meine aktuelle Heimat-auf-Zeit zu gewähren.

 

Auf der anderen Seite gab es trotzdem auch für mich noch so viel zu entdecken, dass mir noch einmal vor Augen geführt wurde: ich konnte Mexiko bisher ein winziges bisschen erfahren, wahrscheinlich mehr als viele andere Menschen in ihrem Leben, und doch bin ich noch lange keine Expertin für Land und Leute und werde es auch nie sein.

Über den weiteren Urlaub mit meiner Familie lasse ich lieber Bilder sprechen:

Auch ein Weltwunder hat man dann mal gesehen: Chichen Itza

Sightseeing zurück in Monterrey

Die Ruinen von Tulum, auf denen es sich auch gerne mal ein „iguana“ bequem macht

 

Gleich nachdem ich dann nach Monterrey zurückgekommen war, stieg ich dann, diesmal in Begleitung von Leslie, wieder in den Flieger und machte mich über den Brückentag zu Ehren des Geburtstags von Benito Juarez (Präsident Mexikos von 1858-1872) auf nach Ciudad de México.

Ich habe also meine Vorsätze bisher ganz gut eingehalten, und bemühe mich, möglichst viel zu reisen.

Zu Ciudad de México kann ich nur sagen: Leute, wenn ihr so etwas wie eine „Bucket list“ führt, setzt einen Besuch von dieser Stadt unbedingt ganz oben drauf!

Nicht nur die Größe der Stadt (ca. 20 Millionen Einwohner), sondern auch ihre diversen kulturellen Angebote, das deliziöse Essen, und die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen ist beeindruckend. Allgemein habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Leute von dort auch noch ein wenig „lockerer“ sind als die Menschen aus Monterrey und auch wir als blonde Europäerinnen verschmolzen eher selbstverständlich mit dem Stadtbild, anstatt angestarrt zu werden.

Was mich jedoch am meisten überrascht hat war, wie unheimlich grün Ciudad de México entgegen meiner Erwartungen ist. Zwischen riesigen Wolkenkratzern und dem immer stockenden Verkehr lässt sich stets ein Plätzchen mit Bäumen und/oder Springbrunnen finden, das zum Verweilen einlädt.

Auch an dieser Stelle lasse man lieber Bilder sprechen:

Zumindest den Berlinern müsste das bekannt vorkommen-           der Ángel de la Independencia


El Zócalo


Ausblick vom Schloss Chapultepec

 

Eigentlich hatten wir geplant, Frida Kahlo zu besuchen… Auf Grund der puente hatten 1000 Menschen leider die gleiche Idee, sodass wir keine Karten mehr ergattern konnten

 

Nach 2 Tagen in Monterrey mache ich mich diesen Donnerstag dann schon wieder auf nach Ciudad de México, da ich durch kulturweit die Möglichkeit habe, am Regional Network Meeting des Auswärtigen Amts mit dem Thema  „Corruption and migration in Latin America: How global governance can help find solutions“ teilzunehmen.

Darüber berichte ich dann, wenn ich ab 27.03. wieder etwas dauerhafter auf Monterreys Boden verweile.

Ein Gedanke zu „Halbzeitblues

  1. Bettina Treubrodt

    Liebe Katha,
    es ist mir völlig schleierhaft, wie Du es nach 2 Reisen mit Koffer auspacken, Wäsche waschen, Koffer erneut packen um zum Regional Network Meeting zu reisen und 2 Tagen Arbeit auch noch geschafft hast, diesen Blogeintrag zu verfassen- Kompliment! (Auch wenn Du die Freigabe der Fotos nicht abgewartet hast…;))

    Ich freue mich über Deine Analyse unseres Wiedersehens, denn ich sehe das ganz genau so. Vielleicht lesen auch andere Eltern, die ihre Kinder (und das bleibt Ihr, auch wenn nun schon die Volljährigkeit erreicht ist) gehen ließen, Deinen Blog und möglicherweise fragen auch sie sich, wen sie nach einem Jahr wiederbekommen werden. Ich möchte hier ganz ausdrücklich beruhigen- zumindest für unsere Familie und dem Stand nach 6 Monaten: Es sind nach wie vor die Menschen, die wir in die (wahrlich) weite Welt ziehen ließen! Was für ein Glück! Natürlich ist das Selbstbewusstsein gewachsen- alleine auf einem anderen Kontinent, in einer anderen Sprache, im Berufsleben für sich zu sorgen- aber Du bist immer noch Katha, auch wenn sich die Rollenverteilung in diesem Urlaub erheblich verschoben hatte.
    Ich danke Dir für Deine zurückhaltende Beschreibung bezüglich der notwendigen Übersetzungen und Erklärungen ;)…

    Für mich stand Mexiko immer recht weit oben auf einer Traumziel-Liste. Als Fan längst vergangener Kulturen und Archäologie- Liebhaberin hat mich Yucatan natürlich fasziniert. Umgehauen hat mich allerdings die Erkenntnis, dass mich Land und Leute noch weit mehr beeindruckt haben. Dass es dazu kommen konnte, verdanke ich Deinen Erläuterungen und den Eindrücken, die Du bereits gewinnen konntest und an denen wir teilhaben durften.
    Dafür und für Deine unerschütterliche Geduld, mir (nicht nur) den Unterschied zwischen Tacos, Nachos, Tortillas, Enchiladas, Fajitas, Burritos, Tostadas, Quesadillas…näher zu bringen, danke ich Dir von Herzen!

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