Single storys und andere Geschichten

Vor zwei Wochen war ich kurz davor, schon einen Blogpost hochzuladen, bin aber im Nachhinein sehr froh, dass ich es nicht getan habe.

Ich war genervt. Genervt von Monterrey, genervt von meinen Aufgaben, genervt von den Menschen, von deren Arbeit ich abhängig war, genervt von einfach allem. Ja, man muss auch mal feststellen, ein Jahr in ein völlig fremdes Land zu gehen und jeden Tag aufs neue Kulturschocks zu erleben, bedeutet nicht, 365 Tage vollkommener Spaß.

So zum Beispiel als ich den Auftrag hatte, mit einem Kollegen in einem Copyshop 20 große Plakate in Farbe als Werbung für den Weihnachtsmarkt des CCAs zu drucken. Keine große Sache möchte man meinen, als der Laden um 10:30h noch zu war, obwohl 9.00h als Öffnungszeit groß auf der Tür zu lesen war, änderten wir unsere Meinung.

Nachdem wir nach geschlagenen 90 Minuten den Laden endlich wieder verlassen konnten, war ich fertig mit den Nerven. Mein ebenfalls europäischer Kollege und ich waren fassungslos darüber, in welcher Gelassenheit die Daten gelesen, Papier ausgesucht, eingelegt und schließlich bedruckt wurde, natürlich nicht ohne zwischendurch Inne zu halten, sich angeregt mit vorbeigehenden Passanten auszutauschen oder das Frühstück nachzuholen. Dies war nur eins aus einer Reihe von Ereignissen, die mich beinahe dazu gebracht hätten,  „die Mexikaner“ als Ganzes für ihre Gelassenheit und ihre so fremde Mentalität zu verurteilen.

Ganz außer Acht gelassen habe ich dabei den Fakt, dass dies 1. nicht für die gesamte Bevölkerung der Mexikaner zu verallgemeinern ist und 2. nur auf Erlebnissen meiner Person, die durch ein bestimmtes soziales Umfeld geprägt wurde und immer noch beeinflusst wird, beruht. Wie glücklich war ich, dass ich das noch reflektieren konnte, bevor ich irgendetwas in die Welt hinausposaunt habe  und meinen Ärger dann zurückschrauben konnte.

Trotzdem hat mir dieses Ereignis nochmal vor Augen geführt, auch nach den ganzen wertvollen Hinweisen von kulturweit – man ist nie davor sicher, vorschnell zu urteilen, Single Storys* werden immer wieder verbreitet.

Single story- womit wir auch schon beim Zwischen

1480712822620seminar wären.
Dieses fand
vom 30.11.-4.12. 1480620225473in Ciudad de México statt, genauer gesagt in einem kleinen Dorf oberhalb der Millionenmetropole. Das Hostel, in dem wir gewohnt haben, war unheimlich schön gelegen und die einzelnen Häuser mit viel Liebe gestaltet, ich will auch gar nicht anfangen von der unendlichen Gastfreundlichkeit, mit der w1480620193727ir von allen Menschen dort empfangen und aufgenommen wurden.

Aber das beste von allem war natürlich, die anderen Freiwilligen wieder zu treffen, sich austauschen, über Probleme und Erfolge reden zu können.

Das Seminar hatte als Schwerpunkt, dass wir uns mit unserem Status quo, unseren bisherigen Erlebnissen und unsere Arbeit in der jeweiligen Einsatzstellen beschäftigen konnten und uns der Raum geboten wurde, unsere Erfahrungen zu reflektieren. An einem Tag war das Thema eben auch Single Storys, das wir zwar schon beim Vorbereitungsseminar angesprochen hatten, jetzt jedoch noch einmal aus einem anderen Blickwinkel  besprechen konnten.

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Ein leckerer chapulín, die wir während eines Filmabends geknabbert haben

Außerdem unternahmen wir noch einen Tagesausflug nach Ciudad de México, und trotz der kurzen Zeit hat mich diese Stadt beeindruckt, sodass ich mir fest vorgenommen habe, innerhalb des Jahres noch einmal die Zeit zu finden, um mehre Tage hier zu verbringen.

Das Highlight des Seminars für mich war die posada, die extra für uns von den Leuten des Hostels organisiert und zusammen mit einigen Kindern des Dorfes durchgeführt wurde. Wenn ich vorher traurig war, dass die Adventszeit hier so anders als in Deutschland abläuft, lernte ich, während wir singend auf unseren Einlass in die Hütte warteten und später auf die piñata einschlugen, die Traditionen zu schätzen.

Und auch wenn die Tage des Zwischenseminars mir unheimlich viel Freude bereitet haben und ich eigentlich nicht Abschied von dieser Zeit nehmen wollte, hatte ich doch noch ein Schlüsselerlebnis am Flughafen: als mich meine freundliche Sitznachbarin in der Wartehalle fragte, wohin ich denn reisen würde, antwortete ich reflexartig: “ Nach Monterrey, in mein Zuhause“.

Und es fühlte sich wirklich das erste Mal ein bisschen so an wie nach Hause kommen, als ich wieder in meinem Zimmer stand, meinen Koffer in die Ecke schmiss und den gewohnten Lärm der Umgebung hörte.

* Chimamanda Adichie https://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg

2 Gedanken zu „Single storys und andere Geschichten

  1. Maike Panicke

    Liebe Kathi,
    aus dem strukturierten, geordneten und völlig verregnetem Deutschland schicken dir ganz liebe Weihnachtsgrüße Ronny, Martina und Maike. Wir sind alle völlig verschnupft und sehnen uns eigentlich nach Sonne und Strand. Obwohl wir uns gegenseitig Nichts schenken wollten, liegt unterm Weihnachtsbaum alles voller Geschenke.
    Wie hast du denn dein Weihnachtsfest verlebt? Gibt’s bei euch geschmückte Palmen oder sowas in die Richtung? Wir hoffen, du hattest ein schönes Weihnachtsfest; auch ohne deine Lieben.
    Sei ganz lieb umarmt von den drei Panickes <3

    Antworten
    1. Profilbild von Katharina TreubrodtKatharina Treubrodt Beitragsautor

      Hallo ihr Lieben,
      vielen lieben Dank für die Weihnachtsgrüße! Ich war in Oaxaca im Urlaub, worüber ich noch schreiben werde, leider gab es keine geschmückten Palmen aber ein sehr traditionelles Weihnachten 😀
      Liebe Grüße ins kalte Deutschland und einen guten Rutsch ins neue Jahr!
      Kathi

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