Gem-EINSAM.

Die Zeit vom 14. bis zum 24. Januar 2018 war ein Wildblumenbeet.
Es gab einige schöne und frische Knospen sowie ein wenig langweiliges Gras und zertretene
Mohnköpfe. Am Rand traf man dann auch auf einen Haufen Hundescheiße.
Ich glaube, dass ich in Trujillo einen der schlimmsten Tage meines Lebens hatte. So unschön,
dass ich davon lieber nicht erzählen möchte…
Jedenfalls taumelte ich körperlich und mental total am Ende zur Busstation in Trujillo, um in
den Bus Richtung Cajamarca zu steigen. Begleitet von Aaron, der sich dazu entschieden hatte
eine andere Reiserute zu verfolgen, mich aber netterweise sicher im Bus absetzte.
Völlig übermüdet kam ich morgens in Cajamarca an und liess mich gleich von einem
Taxifahrer einlullen. Das günstigste Hotel hätte er wohl… Lüge.
Nun gut, es war gemütlich und hatte alles was ich brauchte.
Trotzdem sollte man sich, falls man nur vorhat eine Nacht zu bleiben, lieber in der Nähe des
Busbahnhofs umschauen.
Mein gesundheitlicher Zustand bekam von der Jury Null von Zehn Punkten und in meinem
Kopf drehte sich alles, was noch vorhanden war.
Mehr als eine Gemüsesuppe beim Chifa (Fusionsküche chinesisch – peruanisch) zu schlürfen
und mein 5 m² Zimmer zu erkundschaften habe ich in Cajamarca nicht zustande gebracht,
dabei ist die Stadt als das zweite Cusco bekannt, doch es hätte auch das erste Cusco sein
können, es gab kein warmes Wasser in der Dusche.
Ich wachte um 8 Uhr morgens auf. Ich befand mich im Bus nach Celedin. Vier Stunden
vorher bin ich verzweifelt durch das Viertel gelaufen, in dem die Busse abfahren, um meine
Agentur zu finden, bei der ich den Bus gebucht hatte. Wo war diese verdammte Agentur? Am
Abend hatte das alles noch ganz anders ausgesehen. Die Adresse, die auf meinem Ticket stand
existierte nicht. Keiner kannte den Namen der Agentur. Wurde ich verarscht?
Irgendwann fand ich eine Gruppe, die genauso verloren aussah wie ich. Jetzt fehlte nur noch
der Bus. Ein Mann sagte, dass der Bus hier nicht parken kann und, dass wir mitkommen
sollten. Wir wurden auf einen dunklen Parkplatz geführt, wo eine Art VW Busse stand. Es war
nicht direkt was ich mir vorgestellt hatte, aber ich wollte einfach, dass dieser Bus mich
weiterbringt.
Weg.
Vielleicht geht dann auch dieses verdammte Unwohlfühlen weg.
In Celedin steigen wir in den Bus nach Nuevo Tingo.
Ich weiß mal wieder nicht, was ich hier treibe. Ich habe das Gefühl, nur noch von einem Ort
zum anderen zu düsen, ohne wirklich mitzukriegen, wo ich bin.
Ist es wie in >>Der Prophet<<?
Ist das Gefühl, die Freiheit finden zu müssen, zu den Fesseln geworden, denen ich zu
entkommen versuche?
Ich schlafe ein.
Ich wache auf.
Wo bin ich?
Ich sehe dicke Wolkenwände, die Teil eines ganzen Schlosses bilden.
Die Straße ist so klein, dass sie eher einem Fahrradweg gleicht. Man hat das Gefühl, statt in
einem Bus, in einem Raumschiff zu sitzen.
Die Wolken führen ein Puppentheater auf. Sie sind in verschiedenen Dimensionen
angeordnet.
Klar definiert und von der Morgensonne in den schönsten Farben angestrichen. Von
unsichtbaren Bühnenarbeitern werden sie sanft zu Seite geschoben. Fast schon elegant geben
sie den Blick mal auf das Tal frei, wo man den extrem geschwungenen Verlauf der „Straße“
verfolgen kann, mal lassen die Wolken nur einen himmlischen Sonnenstrahl durch. Ab und zu
steht im Drehbuch, den Fokus besonders auf die gegenüberliegenden Berge zu lenken, die von
einer immer wilder werdenden Flora bewachsen sind, um zu beobachten wie sie sich langsam
und auf ästhetisch, erotische Art und Weise das morgendliche Nebelkleid ausziehen.
Wilkommen in Nuevo Tingo!
Hier lande ich wieder bei einem Freund meines Vaters. Zusammen mit seiner französischen
Frau und seinen wunderbaren drei Kindern haben sie eine Ecolodge gebaut. Das Camp gleicht
einer Kommune. Mit anderen Franzosen, Peruanern und Engländern sitze ich auf
Baumstämmen im Kreis und trinke Chicha (traditionelles Maisgetränk aus den Anden). Das
Wetter ist schön. Die Sonne wärmt unsere Gesichter und die Bergspitzen.
Ich bin noch nicht ganz gesund, aber ich habe noch rund 500 Kilometer vor mir, um am
dritten Februar meinen Flug nach Bogota zu erreichen, weshalb ich mich trotzdem am
nächsten Tag entscheide von 1775 Metern auf 2900 Metern zu steigen, um mir Kuelap
anzuschauen. Ruinen.
Hohe Mauern. Mysteriöse Pflanzen. Hübsch.
Wirklich sehr hübsch.
Man hätte auch zu Fuß hochgehen können, ich aber nicht.
Also sitze ich da mit einer peruanischen Familie in der Kabine der Seilbahn. Man sieht den
Wanderweg hoch. Da sagt die Mutter zur leicht übergewichtigen Tochter: „Ich habe gehört,
dass die Gringos, da zu Fuß hoch laufen“ – „Ja, die machen ja immer solche Sachen.“
Ich muss mir ein Lächeln verkneifen.
Dann geht es auch schon weiter nach Yurimaguas.
Dunkelheit. Leere. Dreck. Gestank. Schwärze.
Ungefähr so würde ich meine Ankunft in Yurimaguas beschreiben.
Es ist Mitternacht.
Mein Plan: Auf einem Frachtboot drei Nächte auf einem Seitenkanal des Amazonas bis
Iquitos zu fahren.
Doch unter Zeitdruck kann ich nicht arbeiten.
Angeblich fährt der Frachter erst in drei Tagen los. Zu spät für mich. Es gibt ein Schnellboot.
Doch das letzte ist schon voll. Ich weiß nicht wohin und sitze an diesem verdammt traurigen
Hafen. Ich will eigentlich gar nicht mit diesem Schnellboot fahren. Es ist laut, stinkt und ist
einfach nicht mein Stil. Aber was soll ich machen? Nun gut, ich habe eine
Reiserücktrittversicherung für den Flug abgeschlossen. Notfalls ist alles halb so schlimm.
Aber dann müsste ich einen neuen Flug buchen und das könnte teuer werden. Und mit dem
Bus kommt man von Leticia nicht nach Bogota…
Da sitze ich nun. Traurig. Kein Internet, um mich mit jemanden den ich kenne zu verbinden.
Ich entscheide mich für das Schnellboot. Dumm, wie ich in diesem Moment bin, geblendet
von meiner Unsicherheit, bezahle ich schon das Boot für den nächsten Tag. Mir wird
angeboten mit der Crew im Boot auf einer 50cm breiten Bank zu übernachten. Nun gut eine
Nacht gespart!
Noch ist es früh und ich sitze im Wartebereich für die Passagiere, der aus einem
schwimmenden Stück Holz besteht, auf dem einige Plastikstühle befestigt sind. Über eine
Brücke aus einzelnen Planken kann man aufs Festland. Schaut man nach unten sieht man
schwarzes Wasser, das mit einigen Plastiktüten gesprenkelt ist. Es erinnert mich an das Boot
der Kidnapperin von Penny aus dem Kinderfilm Bernhard und Bianca.
Ich spüre eine Ebene von allein sein, die ich vorher nicht gekannt habe.
Es ist nicht, wie allein ins Kino gehen oder allein nach Hause gehen.
Ich meine es ist nicht wirklich schlimm und diese Einsamkeit kann sogar ganz angenehm sein.
Schon seit einer Woche bin ich allein im Dschungel unterwegs.
Natürlich bin ich nicht allein auf der Welt. Nicht mal allein auf mehr als drei Quadratmetern,
aber nur weil man in einer Gruppe ist, heißt es auch nicht, dass man nicht einsam sein kann.
Vor allem, wenn man nichts gem-einsam hat. (Ha-ha!)
Ich meine, ich hatte über eine Woche lang nur Smalltalk-Gespräche im Bus.
– Woher Kommst du?
– Peru.
– Ah, du sprichst aber einen anderen Akzent.
– Ja, hab spanisch in der Karibik gelernt und lange Zeit in Deutschland gelebt…
– Ah!! Du bist Deutsche! Sag das doch gleich.
Was soll ich sagen… Es geht mir auf den Sack.
Ich vermisse vertraute Augen, einen vertrauten Mund.
Ich will nicht mehr über das beschissene Wetter reden (obwohl ich dadurch einige interessante
Erkenntnisse über den Klimawandel erlangt habe).
Allein sein.
Persönlich würde ich es damit definieren, alles zu sein was es gibt.
Geht das?
Wie war das mit, eine Sache existiert nur, wenn es jemanden gibt, der sie sieht?
Logisch. Vor allem, abseits der Theorien, bin ich ja nie wirklich alleine.
Aber warum fühlen wir uns dann so oft wie der letzte Schluck Wasser in der Flasche, den
niemand haben will.
Und warum stört uns das?
Denn wer weiß? Eventuell ist dieser Schluck Wasser der einzige, der es irgendwann schaffen
wird in der Karibik als Eiswürfel in einem Cuba Libre zu landen, während die anderen im
Deutschen Abwassersystem versauern.
Wir wissen doch, dass sich alles irgendwann ändert, und im Prinzip wir auch, dass wir es sind,
die es jederzeit ändern können.
Ich denke etwas Einsamkeit ist gesund. Es ist Einssein, mit sich selbst.
Ganz bestimmt sehe ich einen Unterschied zwischen allein sein und einsam sein.
Hm.
Auf dem Boden liegt ein Sack, in dem sich irgendetwas bewegt. Hühner, eine Echse oder
sonst was.
Ich gehe ins „Bett“.
Ich liege mit meinem Kopf auf dem brummenden Motor, der, obwohl das Schiff seit Stunden
im Hafen steht, an ist, weil vorne die Crew verblödende Filme mit kreischenden Frauen und
Maschinengewehren schaut. Es stinkt nach Abgasen.
Ich denke an den Sack, mit dem Tier drin.
Schlimmer geht’s immer…
Natürlich bin ich nicht allein auf der Welt. Nicht mal allein auf mehr als drei Quadratmetern,
aber nur weil man in einer Gruppe ist, heißt es auch nicht, dass man nicht einsam sein kann.
Vor allem, wenn man nichts gem-einsam hat. (Ha-ha!)
Ich meine, ich hatte über eine Woche lang nur Smalltalk-Gespräche im Bus.
– Woher Kommst du?
– Peru.
– Ah, du sprichst aber einen anderen Akzent.
– Ja, hab spanisch in der Karibik gelernt und lange Zeit in Deutschland gelebt…
– Ah!! Du bist Deutsche! Sag das doch gleich.
Was soll ich sagen… Es geht mir auf den Sack.
Ich vermisse vertraute Augen, einen vertrauten Mund.
Ich will nicht mehr über das beschissene Wetter reden (obwohl ich dadurch einige interessante
Erkenntnisse über den Klimawandel erlangt habe).
Allein sein.
Persönlich würde ich es damit definieren, alles zu sein was es gibt.
Geht das?
Wie war das mit, eine Sache existiert nur, wenn es jemanden gibt, der sie sieht?
Logisch. Vor allem, abseits der Theorien, bin ich ja nie wirklich alleine.
Aber warum fühlen wir uns dann so oft wie der letzte Schluck Wasser in der Flasche, den
niemand haben will.
Und warum stört uns das?
Denn wer weiß? Eventuell ist dieser Schluck Wasser der einzige, der es irgendwann schaffen
wird in der Karibik als Eiswürfel in einem Cuba Libre zu landen, während die anderen im
Abwassersystem versauern.
Wir wissen doch, dass sich alles irgendwann ändert, und im Prinzip wissen wir auch, dass wir es sind,
die es jederzeit ändern können.
Ich denke etwas Einsamkeit ist gesund. Es ist Einssein, mit sich selbst.
Ganz bestimmt sehe ich einen Unterschied zwischen allein sein und einsam sein.
Hm.
Auf dem Boden liegt ein Sack, in dem sich irgendetwas bewegt. Hühner, eine Echse oder
sonst was.
Ich gehe ins „Bett“.
Ich liege mit meinem Kopf auf dem brummenden Motor, der, obwohl das Schiff seit Stunden
im Hafen steht, an ist, weil vorne die Crew verblödende Filme mit kreischenden Frauen und
Maschinengewehren schaut. Es stinkt nach Abgasen.
Ich denke an den Sack, mit dem Tier drin.
Schlimmer geht’s immer…

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