Nimm die Beine in die Hand!

Santa Cruz Trek, Huaraz
Nach einigen Tagen in Arequipa und Lima hatte ich mich von dem Schock in Puno erholt und die
Wanderlust packte mich erneut.
Also machte ich mich mit meinem Reisepartner Aaron O‘Garra auf den Weg nach Huaraz, der Stadt
in den Bergen.
Von Lima nach Huaraz sind es acht Stunden Busfahrt.
Wir kamen am frühen Morgen in der Hauptstadt der Region Ancash an.
Die ersten Tage besuchten wir Thermalbäder und das Chavin Museum. Die Führung im Museum war
wie erwartet.
Kacke.
Viel zu schnell hastete der Guide durch die spannende Geschichte des Ortes und nur am Ende, am
Souvenir Stand, wurde etwas Zeit zur unterhaltsamen Erläuterung der Besucher*innen investiert.
Dabei haben diese alten Steine eine interessante Geschichte. Es handelt sich um eine Art
Universität, die ca. 850 v.Chr. erbaut wurde. Unterstützt durch verschiedene pflanzliche Drogen
und Musik wurde hier gelehrt, in die Zukunft zu schauen.
Die Kultur der Chavin konnte komplett schalldichte Ritualstätten erbauen, unter denen ein
unterirdischer Bach floss, mit dem verschiedene Geräusche erzeugt werden konnten. Außerdem
hatten alle Gebäude gewisse Präventionen gegen Erdbeben.
Obwohl der Guide davon völlig unbeeidruckt durch die Präsentation rasselte, hörte man doch
wenigstens ab und zu einen guten Witz – der wahrscheinlich schon hundertmal erzählt wurde.
Am nächsten Tag streichelte mein Wecker wieder sehr früh am Morgen mein Trommelfell.
Um Punkt 6.00 Uhr a.m. stand der Bus bereit, der uns an den Anfang des Santa Cruz Treks bringen
sollte.
Eine vier Tage-Wanderung um den höchsten geografischen Punkt in 4750 Metern über dem
Meeresspiegel. Dies entspricht ungefähr der Höhe des Pitusiray (4990 m.d.ms.).
Man hatte mir gesagt, dass es keine gute Zeit sei, um in Peru zu reisen. Zwischen Dezember und
Februar komme es im Dschungel und in den Bergen zu starken Regenfällen. Und genau das
bestätigte sich direkt bei den ersten Schritten der Wanderung.
Der erste Tag verläuft relativ demotivierend.
Vier Stunden wanderte die 15-köpfige Gruppe, inklusive dem Guide, dem „Donkey-driver-Willman“
und drei Eseln, durch Schlamm und Regen.
Alles grau.
Nass und kalt.
Tolle Wurst.
Unser erstes Lager heißt Paria und liegt auf 3870m. Als wir ankommen ist das Lager schon errichtet
und wir müssen uns einfach mit unseren nassen Klamotten in das Gemeinschaftszelt auf die
Klapphocker setzen und warten, dass das Essen fertig ist.
Es wäre wahrscheinlich hilfreich gewesen, das Gemeinschaftsgefühl der Gruppe durch
gemeinsames Kochen zu stärken, aber nun ja, Willman war schneller.
Seit 15 Jahren läuft er die Strecke und ist, in Begleitung der Eselchen, ungefähr doppelt so schnell
wie wir.
Also sitzen wir da, mit kalten Füßen und durchnässt bis auf die Haut, vor Kälte zitternd auf
Campinghockern und warten auf das Essen.
Alle ziehen eine längere Schnute als die Esel.
Der Witz von den 10 Touris, die viel Geld bezahlen, um unter Gottesdusche zu stehen, bringt nur ein
müdes Lächeln hervor.
Durch Gesang und Gitarrenbegleitung wird die Stimmung etwas besser, was aber auch nicht
verhindert, dass wir um acht Uhr alle in unseren feuchten Zelten liegen. Selbst die Schlafsäcke sind
nass geworden und bei der Schlafmatte handelt es sich um eine Art Yogamatte.
Daraus resultiert, dass ich nachts immer wieder von Zitterattacken oder Steinen, die sich
ungemütlich in meinen Rücken bohren, geweckt werde.
Um 5.30 am. ist es dann der Guide, der freundlich an unserem Zelt rüttelt, um uns zu wecken.
Es gibt Frühstück und die Zelte werden von Willman abgebaut.
Wieder regnet es. Beziehungsweise immer noch.
Dementsprechend schlammig ist der Boden.
Eingepackt in einem eher schlecht als recht funktionierenden Regenponcho machen wir uns auf den
Weg zum höchsten Punkt unserer Wanderung.
Punta Union auf 4750 Metern über dem Meeresspiegel.
Der Weg ist sehr rutschig und man muss teilweise durch kleine Bächlein waten. An anderen Stellen
läuft man auf glatten Steinen. Die Steigung ist die stärkste der ganzen Wanderung.
An den Körperteilen, die vom Regenponcho vorm Regen geschützt sind, sammelt sich der Schweiß.
Ich denke zurück an den Colca Canyon.
Ich will mich nicht wieder so schwach fühlen. Ich werde mich nicht wieder so schwach anfühlen. Ich
werde nicht anhalten.
Ich konzentriere mich wieder auf jeden einzelnen Schritt.
Ich verspüre Wut.
Jedoch ist die starke körperliche Anstrengung nicht nur der Auslöser, sondern gleichzeitg auch ein
Ventil. Zu spüren wie man mit der eigenen Muskelkraft Meter für Meter näher an den Himmel
kommt.
Mittlerweile laufen wir schon vier Stunden. Die Punta Union ist nicht zu sehen. Nebel blockiert die
Sicht bis auf zehn Meter Entfernung. Der Weg wird noch unangenehmer. Aaron und ich laufen zu
zweit, von den andern ist nichts zu sehen. Wir wissen auch nicht genau wo wir hinlaufen. Es wird
immer kälter. Vereinzelt sind kleine Schneehaufen zu entdecken.
Warum tue ich das eigentlich?
Warum…?
Diese Frage hängt sich wie ein Steinklotz an mein Bein und beschwert mir noch mehr den Aufstieg.
Will ich mir was beweisen? Oder den Anderen?
Mach ich das, um eine Art Trophäe zu haben? Schaut her Leute! Seht mich!
Die letzten Tage kamen mir immer wieder Ideen wie 100 Tage auf dem Pacific Crest Trail zu laufen,
mit dem Fahrrad bis nach Finnland fahren und mit Kamelen die Sahara zu durchqueren.
Aber warum?
Machen mich diese Sachen zu einem
besseren
Homo sapiens?
Tue ich das, um etwas zu machen, was andere normalerweise nicht tun?
Um besonders zu sein?
So richtig komme ich nicht zu einer Lösung, dafür aber an die Punta Union.
Es geschieht etwas Faszinierendes.
Als würde mir der Berg eine Antwort auf meine Fragen geben wollen, reißen Sonnenstrahlen die
Wolkendecke auf, wärmen meine Haut und schmelzen meine durchgefrorenen Gliedmaßen auf.
Die Wolken haben die Sonne freigegeben und haben den schwarzen Nebel in meinem Kopf
mitgenommen.
Die Sicht auf einen türkisfarbenen See und ein grünes Tal wird frei. Hinter mir eine graue, kalte
Wand.
Ach so.
Deswegen mache ich das.
Voller Adrenalin wandere ich nun weiter. Der Weg geht nur noch bergab.
Nach weiteren zwei Stunden erreiche ich als erste das Camp Hatuncocha (4080m). Willman ist auch
gerade erst angekommen.
Ich gehe noch ein wenig spazieren, da ich noch keine Lust habe stehen zu bleiben.
Unser Zeltlager liegt direkt neben einem glatten See, mitten in einem Tal, umrundet von riesigen
Gletschern. Auf der einen Seite der höchste Berg Perus, der Huascarán (6768m) und auf der
anderen der Artesonraju (6025m), der Berg, der wegen seiner Schönheit von Paramount Pictures zu
einem der bekanntesten Statussymbolen der Filmindustrie gewählt wurde.
Hier fühle ich mich wohl.
Ich setze mich auf einen Baumstumpf umrundet von Kühen mit wolligem Fell und genieße die Natur.
Ein Hund kommt aus dem nichts schwanzwedelnd auf mich zu.
Es ist das perfekte Bild für einen dieser Reiseprospekte von Orten, die man doch nie zu sehen
bekommt.
Eigentlich hatten 90% der Gruppe den Wunsch geäußert, die Reise von vier Tagen auf drei zu
verkürzen, um der Kälte und der Nässe zu entkommen.
Aber das darf nicht zugelassen werden.
Vor allem, nachdem ich mich nachts auf dem Gang zur Toilette in der Milchstraße verlaufe.
Die Tour wird nicht verkürzt.
Der nächste Tag bricht an und die Berge ziehen sich ihr schönstes Sonnenkleid an.
Als wollten sie sich dafür entschuldigen, dass sie uns den ersten Tag so gequält haben.
Doch zieht nun eine andere Wolke auf.
Bei unserer Tour kommen wir an einem Tal an, dass einem Wüstenstreifen gleicht. Eine Lawine hatte
vor Jahren die ganze Vegetation erstickt und durch die fehlenden Mineralien kommt es nur
schleppend zum Neubewuchs dieses Bereiches.
Außerdem kommt es immer wieder durch die globale Erwärmung zu Gletscherrutschungen. Die
bekanntesten waren am 13. Dezember 1941 – schätzungsweise 6.000 Tote – und am 31. Mai 1970 –
schätzungsweise 10.000 Tote.
Der Guide meinte, wenn noch jemand die Gletscher sehen möchte, sollte er dies innerhalb der
nächsten 20 bis 30 Jahre machen, da sie bis dahin sehr wahrscheinlich weggeschmolzen sind.
Außerdem spricht er das Thema Tourismus an. Es ist zwar schön die Tour auf eigene Faust zu
meistern, allerdings lassen viele ihren Müll zurück, der sonst von den Guides und Donkey-Drivern
aufgehoben wird. Außerdem sabotieren, verschmutzen und zerstören sie dadurch, dass sie nicht die
vorgegebenen Wanderwege gehen, Lagerfeuer machen und mit lauter Musik und chemischen
Produkten, wie sprühbare Sonnencreme, Insektenschutz, das Ökosystem kontaminieren.
Auch wurden durch die Menschen Hunde eingeschleppt, deren Exkremente zu sauer sind für den
Boden und die Pflanzen abtöten.
Also treffe ich auch hier auf die zerstörerische Kraft des Menschens, der eigentlich sein Bewusstsein
und seine Fähigkeiten dazu nutzen sollte, diesen Planeten, der uns geschenkt wurde, zu schützen.
Denn wie man an den Rutschungen sieht, werden wir an diesem Zeitpunkt untergehen, an dem wir
die Muttererde vollkommen unterdrücken.
Der Weg verläuft an einem kleinen Bach entlang. Hin und wieder trifft man auf Lamas, Findlinge,
kleine Seen, Esel und Kühe. Die Landschaft wirkt so pur und real, dass man auf der anderen Seite
das Gefühl hat, jemand hätte diese Kulisse aus Pappmasche erbaut.
Aaron und ich kommen als erste im Camp Llamacoral (3760m) an und helfen Willman mit
wissendem Auge, die besten Plätze für die Zelte auszusuchen.
Wir haben etwas Freizeit und jeder nimmt sich etwas Zeit für sich in der Sonne.
Später treffen wir uns zu Musik und Popcorn im Zelt.
Der letzte Tag bricht an.
Von oben sehen wir, dass wir direkt durch ein in Nebel getränktes Tal wandern müssen.
Ich gehe so, dass ich mich alleine in der verirrten Wolke wiederfinde.
Umgeben von mystischen Pflanzen fühle ich mich wie eine von diesen hochmotivierten
Forscherinnen, die monatelang durch utopische, unberührte Landschaften tigern.
Anstatt stinkender Wäsche befinden sich Proben und Samen von bisher unbekannten Pflanzen, die
bei ihrer Taufe einen dornigen lateinischen Vornamen und meinen Nachnamen tragen werden.
Natürlich wird meine Reise von National Geografic finanziert, für die ich schreibe. Sie sind durch
meinen privaten Blog auf mich aufmerksam geworden (wink mit der Zeltstange).
Zum Abschluss bekomme ich von Willmann noch das Kompliment, dass ich in meiner
Wandergeschwindigkeit gut einen seiner Esel ersetzen könnte.
Erschöpft und stinkend sitzt die Gruppe nach 64 gelaufenen Kilometern im Bus zurück nach Huaraz.
Es ist schön sich die Dreckschicht vom Körper abzuschrubben, doch mit dem Schweiß und der
Eselkacke verschwindet auch die Leichtigkeit, die man beim Wandern verspürt hat, im Abfluss.
Weg sind die essentiellen Probleme wie Hunger, Unterkühlung und Erschöpfung.
Hallo, von uns Menschen aus Langeweile erfundene Probleme.
Hallo, Plastik Realität.

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