Es ist nicht immer alles schön

Als kleines Mädchen erzählte man mir, dass es im Titicacasee Kröten gibt, die so groß seien, dass sie einen ganzen Menschen mit Haut und Haaren verspeisen können.
Seit diesem Tag war meine Neugier für den größten, höchstgelegensten, befahrbaren See geweckt. 2017 war es dann soweit…

Der auf 3812m über dem Meerespiegel liegende Titicacasee liegt zu 60% auf peruanischem und zu 40% auf bolivianischem Gebiet.
Am Morgen um 7:45 Uhr komme ich verschlafen am Busbahnhof in Puno an. Ich hatte gehört, dass man eine Nacht auf den Inseln Taquile und Amantani in den Häusern der Inselbewohner übernachten kann.
Klang für mich ganz nett und ich entschied mich, dort die Weihnachtsnacht zu verbringen.
Das bedeutete, dass ich noch eine Nacht in Puno hatte.
Ich besuchte das Cocablatt-Museum, trank einen sündhaft teuren, aber sehr leckeren Frapputiono in La Casa Del Corregidor und schnaufte kräftig beim Aufstieg zum Ausblick des Kondors, was eventuell an der ungewohnt dünnen Höhenluft lag, aber letztlich waren es wirklich verdammt viele Stufen.
Alles in allem ein ganz netter entspannter Tag.
Doch am Tag vom Heiligabend, um 8:15 Uhr morgens, fing für mich ein Horrortripp an.
Vom Hafen in Puno ging es mit einem Boot nach Uros, die schwimmenden Inseln.
Zu Zeiten der Conquistadores flüchteten einige Einheimischen auf den Titicacasee. Aus Schilf bauten sie von Booten, über Häuser bis hin zur Insel selbst, und so ziemlich alles andere auch.
Als wir mit dem Boot in diese Stadt kamen, fing etwas in meiner unteren Magengegend an zu wachsen. Am Anfang war es ganz klein, und man konnte es noch übersehen aber es wuchs und wuchs. Dieses etwas war eine Vorahnung, ein Gefühl. Ein ungutes Gefühl, das sich langsam in mir ausbreitete.
Die ganze Stadt war bunt bemalt und die „Einheimischen“ hatten perfekt sitzende Trachten.
Das Schilf der Häuser glänzte wie Gold in der Sonne.
Ich hatte das Gefühl, dass man mich durch eine Spielzeugstadt in einem Kaufhaus kutschierte.
Alles steht zum Verkauf.
Selbst die Menschen haben sich verkauft.
Sie zeigten uns ihre Zähne, was ein Lächeln darstellen sollte, und machten alles was der Spezie „Touri comunes“ gefallen könnte. Zum Beispiel Sticken oder mit dieser lustigen fremden Sprache sprechen.
Die bunten Farben, der angeblich handgemachten Souvenirs, lockten die Touris wie Licht die Mücken an.
Sofort gingen die Amerikaner, Franzosen und Kolumbianer mit ihren viel zu großen Hüten und Sonnenbrillen und ihren vor Sonnencreme glänzenden Gesichtern an die Arbeit. Die zum Verkauf stehenden Artikel wurden professionell begutachtet und, natürlich nicht ohne vorher gewieft um den Preis zu feilschen (letztlich wurden sie wahrscheinlich trotzdem verarscht), zum Schluss auch gekauft. Währenddessen setzte ich mich zu der jüngsten Tochter der Familie und bot ihr Maca (ein Frühstücksgetränk) an und fragte sie, was sie von dem Ganze halte.
Sie lachte nur.
Für 10 soles (~3€) konnte man noch eine Fahrt mit dem „Mercedes“ fahren.
Ein besonders buntes Schilfboot, das mit besonders lustigen Gesichtern verzieht war. Die ganze Familie von der Insel fuhr mit und ruderte.
Ich verzichtete und wurde direkt mit dem Motorboot zur nächsten Insel gefahren.
Hier wurden nicht nur bunte Mützen, schöne Stoffe und Ketten im Inkastil verkauft, sondern auch verschiedene, überteuerte Getränke und Fingerfood.
Während ich dort so saß, beobachtete ich die anderen Besucher.
Es war eine Gruselshow.
Rote Gesichter mit einem Bier in der Hand, einige schienen ihren Kopf komplett gegen eine Kamera eingetauscht zu haben, und andere posierten mit einem versteinertem Lächeln vor ihnen.
Daneben standen die kleinen peruanischen Kinder, deren Wangen von der dauerhaften Sonneneinstrahlung ganz verkrustet waren und jedes Lächeln zeigte, die vor Karies zerfressenen Zähne.
Es fühlte sich alles so verdammt falsch an…
Nachdem alle ihr Portemonnaie erleichtert und neue Wathsapp Profilbilder geschossen hatten, ging es zurück ins Boot und es folgte eine dreistündige Fahrt. Ich schlief fast die gesamte Fahrt über.
Die extreme Höhe hatte bis auf ein starkes Müdigkeitsgefühl nicht viel Auswirkung auf mich… oder vielleicht, mehr noch als die Höhe, wollte mein Sein mich auch nur vor ermüdenden und im Kreis verlaufenden Gesprächen schützen…
Natürlich wurden wir am Hafen von Amantani von den traditionell gekleideten Inselbewohnern abgeholt und in Familien eingeteilt.
Auf dem Weg zum Haus wurde alle 100 Meter eine kleine Pause eingelegt, damit die Gringos beim Anstieg von 3,56% keinen Herzkollaps bekommen.
In den Häusern angekommen wurden uns wieder Souvenirs angeboten.
Ich wollte diesem ganzen Stress von Weihnachten entkommen. Wollte weg von dieser eingefahrenen, kommerziellen Routine eines Weihnachtsfestes. Ich wollte mit Leuten am Feuer sitzen und über Kartoffeln reden.
Stattdessen musste ich mir von einem übergewichtigen Mann anhören, was ich nicht alles kaufen solle. Also der gleiche Mist wie jedes Jahr.
Als hätte der Weihnachtsmann den dicken, roten Mantel gegen eine schnittige, teure Windjacke eingetauscht.
Ich erhielt einen totalen Reiseschock, nachdem ich einen so perfekten Start allein in den Bergen bei Calca hingelegt hatte.
Bei der kleinen „Weihnachtsfeier“ am Abend, die selbstverständlich nicht für alle, sondern nur für die, die Geld bezahlt hatten, stattfand, sah man auf der einen Seite die freudig im Kreis tanzenden Rentner und Fließbandtouris und auf der anderen die langen Gesichter der Einwohner, die wahrscheinlich lieber zuhause bei ihrer Familie oder im Bett liegen würden. Und den ein oder anderen Touristen, der sich das Ganze nicht ganz so bescheuert und erniedrigend vorgestellt hatte.
Ich stelle mir vor wie die Fließbandtouris zuhause Bericht erstatten: „Dit wa ne schöne Fete. Man wa janz unda diesen Indios. Ne supa Erfahrung.“
Und ihre Freunde antworten: „Wow! Du bischt ja so kulturell!“
Ich meine, ich habe nicht das Recht diese Leute zu verurteilen, die Spaß an solchen Touren haben, aber meiner Meinung nach sollte Reisen den Horizont erweitern und einen nicht noch weiter verblöden lassen.
Und ganz bestimmt sollte Tourismus keine Spuren hinterlassen.
In diesem Fall bekam ich die Kröten – der Grund meiner Reise nach Puno – nicht zu sehen.
Eventuell lag das daran, dass es sich bei den Kröten um ein Mythos handelt. Kein Mythos ist aber, dass viele illegale Bergwerke im Umkreis das Wasser verschmutzen und vergiften. Und auch die vielen Motorboote, die die Touristen zu den Inseln bringen, ihren Anteil an der Zerstörung des Sees haben. Die Temperatur des Wassers ist gestiegen, die Motorengeräusche und die Abgase stören die Tierwelt.
Resultat: keine Fische, keine Frösche
Zurück in Puno lief ich direkt zur Busstation und stieg in den nächsten Bus nach Arequipa. Ich wollte so schnell wie möglich so weit wie möglich weg von diesem Ort.
Im Bus ergreift mich eine tiefe Traurigkeit und dicke, warme Tränen hinterlassen ihre Spur auf meinen Wangen.
Ich war ernsthaft am überlegen meine Reise abzubrechen.
Ich will nichts mit dieser Art von Tourismus zu tun haben.

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