Ein perfekter Start

Am 18.12.2017 kam ich nach 22 Stunden Busfahrt aus Lima in Cusco an.
Ich nahm ein Taxi zur Straße Puputi, das bedeutet „Bauchnabel“ in Quechua (eine von vielen indigenen Sprachen der Andenvölker), von wo aus der Bus Richtung Valle Sagrado nach Calca weiterfuhr. Die 40-minütige Fahrt kostet 3 Soles (~75 Cents).

Ich wurde in einem Haus von einem Freund meines Dads in fünfköpfiger Runde mit selbstgebrautem Bier erwartet. Ein Zahnarzt, zwei Bauern, ein ehemaliger Barbesitzer, ein Freelancer und eine Halb-Peruanerin saßen in einer Küche und tranken selbstgebrautes Bier. Kein richtiges Bier, aber machte auch lustig.
Dann endlich hievte ich mein Monstrum von Riesenrucksack auf den Rücken, beutelte meinen kleinen, aber schweren Rucksack vorne auf und ergriff meine Gitarre.
Ich muss ausgesehen haben wie der größte Touri-Vollidiot, aber ich hatte keine Ahnung, was ich brauchen werde und hatte Klamotten eingepackt, die vom Schlammcatchen bis zum fünf Sterne Restaurant tauglich waren.
Also gingen wir diese kleine unasphaltierte Straße entlang, die mich an meine Besuche in der Kindheit erinnerten.
Eine Rechtskurve, dann eine leichte nach links. Bis zu einem dieser betonierten Bewässerungskanäle. Dort links abbiegen auf einen kleinen Weg. Links der Bach und rechts eine hohe Wand. Die dritte Tür musste es sein.
Der Schlüssel passte.
Die Tür ging auf und plötzlich … stand ich mitten in einem Müllhaufen.
Pflanzen wuchsen zwischen den Treppen und ihre vertrockneten Artgenossen lagen in den Beeten.
Töpfe und Schüsseln sprenkelten das Terrain und ein altes Fahrrad lag in den Büschen.
Die blaue Plane zum Schutz der Baumaterialien war von den Hunden gnadenlos zerfetzt und lag überall verstreut.
Hunde! Mit lautem Gebrüll wurde ich von einer Horde weiß/ beige gefleckter Hunde begrüßt.
Nach einem kurzen Willkommens-Beschnuppern wechselte das Furcht einflößende Gebell zu einem freudigen Jaulen.
Zwischen diesen wedelnden Schwänzen und treuen Augen fiel mein Blick das erste Mal auf die Berge.
Mein Herz fing an schneller zu schlagen.
Ich würde sogar sagen, dass es schneller schlug, als im Colca Canyon (wehe Du verpetzt mich beim Colca!).

Es folgte eine Horde von Leuten, die mich überrannte.
Vorbei war es mit der ersehnten Ruhe.
Wer hat gesagt, dass Flucht die einfache Variante ist?
Es kam der Gärtner mit einem Freund, um den Müll aus dem Garten zu entfernen, damit die Mieter, die in zwei Tagen erwartet werden, nicht den gleichen Schock erleben wie ich jetzt. Und es kam der Bierbrauer, der nach seinen 40 Litern Bier in unserem Kühlschrank schauen wollte. Selbstverständlich musste sofort eine Geschmacksprobe genommen werden. Doch für mein Gefühl wurde etwas zu viel geredet. Ich hatte den Eindruck, dass die Männer so gerne reden, dass es ihnen lieber war fünfmal das Gleiche zu erzählen, anstatt eine Minute nichts zu sagen.
Deshalb nahm ich meine Beine in die Hand und stieg den nächsten Berg, soweit ich kam, hoch.
Es war anstrengend. Ich schwitzte. Es fühlte sich gut an. Ganz nah bei meinen geliebten Bergen.
Irgendwann bekam ich Hunger und machte mich auf den Weg zurück ins Dorf.
Auf dem Markt war es wundervoll. Egal, was ich kaufte, es kostete nur 1 Sol (~25 Cent)! Zwei Rollen Klopapier, eine Avocado, ein Pfund Tomaten oder ein Kilo Salz. Alles ein Sol…
Zurück Zuhause war ich wieder allein mit den Hunden, einem leckeren Avocado-Tomaten-Gurken-Brot mit Limonensaft und sah den Bergen dabei zu, wie sie bei jedem Atemzug mehr und mehr die Sonne verschluckten.
Mein Wecker klingelte um 5.30 Uhr.
Ich wollte mit dem Bierbrauer auf den Pitusiray, der heilige Hausberg von Calca.
Man sah von unten nur die steinerne Spitze, an der gespenstige Nebelschwaden leckten.
Natürlich kann so ein Trip mit Karla nicht ohne die typischen Karla-Begebenheiten ablaufen.
Wir wollten einen Teil des Berges mit dem Auto hoch. Bei dem Auto handelte es sich um einen kleinen, pechschwarzen, 70 Jahre alten VW Käfer. Das gleiche Modell, wie ihn auch die Geheimpolizei früherer Diktaturen in Lateinamerika immer fuhr.
Voller Vorfreude setzte ich mich hinters Steuer.
Doch mit der Freude war es bald hinüber.
Ich sollte aus einer engen Ausfahrt hinaus auf eine enge Straße. Nach viel hin und her und einem Haufen Instruktionen war dies aber geschafft.
Ein anderes Problem war die Gangschaltung. Besonders der Rückwärtsgang war eine Nummer für sich.
Ich sollte einige Runden bis zum Hauptplatz drehen. Zum Üben.
Gleich in der ersten Ecke nahm ich die Kurve zu eng und kam nicht weiter. Natürlich fand ich den Rückwärtsgang nicht und musste warten bis sich genug Leute angehäuft hatten, die auch die Straße entlangfahren wollten, um das Auto rückwärts in eine günstigere Fahrposition zu schieben.
Ich parkte das Auto auf der Hauptplaza, um mir bewusst zu werden, dass ich ein Idiot war, da ich ohne Rückwärtsgang nicht auskommen würde.
Ich wartete einen Moment, um zu gucken, ob der Bierbrauer mich holen komme. Da er nicht kam, stieg ich aus, um ihn zu suchen, und verlief mich in den schmalen Gassen. Als ich sein Haus endlich fand, war er nicht da. Also bin ich zurück zum Auto. Dort stand er und redete mit einigen Leuten. Als er mich sah, warf er die Arme in die Luft.
Er dachte, ich wäre in den Fluss gefallen oder sonst was.
Nach dem kleinen Adrenalin Schub ging es endlich los.
Mehr oder weniger, da ich natürlich den Berg nicht hochkam, ohne die Karre alle fünf Minuten abzuwürgen.
Während ich noch versuchte mich an die Gangschaltung zu gewöhnen, war auch schon das nächste Hindernis in Sicht.
Die Bewässerungskanäle wurden neu verlegt, sodass vor uns ein zwei Meter Graben klaffte, der mithilfe von zwei provisorischen Planken aus Eukalyptusstämmen überwunden werden sollte.
Auf der einen Seite war es schön, dass der Bierbrauer mir vertraute und mir die Aufgabe überließ, den Graben zu überqueren, aber es war dumm. Ich drückte aufs Gas und hielt das Lenkrad grade.
Rumsdiewums.
Das Auto fuhr nicht mehr weiter.
Ich sprach es zwar nicht aus, aber in meinen Augen stand fett : SCHEISSE!
Ich wollte nicht aussteigen.
Nicht sehen, was ich wieder veranstaltet hatte.
„Ay no, ay no!“, hörte ich von draußen Stimmen. Ganz langsam, mit den Händen am Kopf, stieg ich aus und sah mir den Schlamassel an.
Der rechte hintere Reifen hing einfach in der Luft.
Zum Glück war der Bierbrauer kein leicht aus der Ruhe bringender Mann. Auch war er nicht nur Bierbrauer, sondern auch so eine Art Schamane. Er war froh, dass ich mich nicht überschlagen hatte und sah das Hindernis als Herausforderung, welche uns auf unserem Weg gestellt wurde. Schließlich waren wir auf der Reise zu einem heiligen Ort.
Also fingen wir an, uns der Herausforderung zu stellen.
Wir schleppten Planken an, rollten Steine herbei und ließen immer wieder das Auto an.
Aber außer einer schwarzen Spur auf der Planke, Geruch nach Verkohltem und Schweiß kam nicht viel zustande.
Irgendwann kamen die Arbeiter an. Die drei Männer hoben das Auto leicht an, während ich aufs Gas trat.
Es funktionierte.
Aber anscheinend war das noch nicht genug Herausforderung und doppelt hält ja bekanntlich besser. So mussten wir einen zweiten Graben überwinden.
Ich hatte genug Aufregung, so überließen wir das Steuer einem zufällig vorbeifahrenden Polizisten.
Die nächsten 15 Minuten, bis zu dem Punkt, ab dem wir wandern wollten, verliefen ruhig, abgesehen davon, dass ich regelmäßig den Wagen abwürgte.
Als wir dann endlich los wandern wollten, fiel uns auf, dass sich die Fahrertür nicht verschließen ließ.
Wir hofften einfach, dass wir die einzigen mit diesem Wissen bleiben würden und wanderten endlich los.
Wollte der Pitusiray vielleicht einfach nicht, dass wir ihn besuchten?

Wir marschierten los.
Der Schamane/ Bierbrauer meinte, dass wir, da ich das Bergsteigen nicht gewohnt sei, um die drei Stunden brauchen würden.
Schnell war ich aus seinem Blickfeld verschwunden. Von weiter unten rief er mir ab und zu zu: „Alles gut? Bei der Antenne sollten wir eine Pause machen!“
Ich kam an eine Gabelung.
Der eine Weg hatte eine leichte Steigung, der andere war die blanke Steigung.
Die, die mich kennen werden wissen, welchen Weg ich genommen habe.
Der Weg zur Antenne war weniger anstrengend. Allerdings gab es auch keinen richtigen Weg.
Die Landschaft bestand aus weichen Hügeln und die Gräser wirkten wie grünes Feuer.
Wir kamen an den höchsten Punkt unserer Wanderung.
Ganz klein sah man wie Puppenhäuser, die am Bergmassiv angeschmiegten Dörfer.
Ich kam der Natur näher.
Weg von all den Geräuschen, den vielen unbekannten Gesichtern und den unterschiedlichen Gerüchen.
Ein Schmetterling setzte sich auf meinen Schuh.
Stattdessen hörte man den Wind, der zwar immer mit der gleichen Stimme sang, aber den Gräsern und Felsen verschiedene Töne hervorlockte.
Ich war so froh hier zu sein.
Dann flog ein Condor, der heilige Vogel, direkt über meinen Kopf hinweg. Dankbarkeit durchflutete mich.
Die Natur veränderte sich noch einmal.
Es wurde steiniger. Doch deshalb auf keinen Fall eintöniger.
Die Felsen waren durch verschiedene Arten von Moosen und Flechten in den unbeschreiblichsten Farben bemalt. Minzgrün, ein grelles Orange und andere in ganz blauen und grünen Farbtönen.
Wir bewegten uns auf die Qan Qan Lagune zu.
Ganz ruhig und mysteriös tauchte der See inmitten der Berge auf.
Es war wunderschön. Ein heiliger Ort von der Mutternatur zum Leben erweckt.
Für dieses wunderbare Erlebnis musste der Pachamama gedankt werden. Auch brauchten wir ihre Erlaubnis, näher kommen zu dürfen.
Jetzt durften natürlich die Cocablätter nicht fehlen.
Die Coca Pflanze ist nicht umsonst heilig. Sie ist nämlich ein super Allrounder.
Nicht nur, dass sie bei Bauchschmerzen, Höhenkrankheiten, Muskelbeschwerden und offenen Wunden hilft, auch hält sie die Synapsen in Schwung und verhindert böse Geister zum Beispiel bei Beerdigungen.
Ich sollte mir, aus den auf einem alten T-Shirt verteilten Blättern, die schönsten raussuchen.
Der Bierbrauer machte mich darauf aufmerksam, dass ich nur dunkle Blätter ausgewählt hätte.
Ob mir was auf dem Herzen läge?
Er suchte mir drei schöne, helle Blätter aus.
Nun sollte ich mir einen Platz suchen, an dem ich mich Mutternatur am nächsten fühle. Dort sollte ich ihr danken, mir etwas wünschen und dann in drei verschiedene Richtungen gegen die Blätter pusten.
Als erstes dankte ich all den bösen und schlechten Menschen, denen ich bisher begegnet bin. Meine Meister, die mich gelehrt haben, nicht so zu sein wie sie.
Dann dankte ich meiner Familie, vor allem meinen Ahnen, deren Zusammensetzung willkürlich ist, die aber über Jahrhunderte hinweg meine Gene gemixt haben, damit ich heute das bin was ich bin.
Gesund und stark genug, um auf einem kleinen Felsen, der Pachamama zu danken.
Als letztes wünschte ich der Erde, auf der wir Menschen unser Unwesen treiben, viel Stärke und Kraft, auf dass sie sich von uns nicht unterkriegen lässt. Und natürlich dankte ich ihr auch für ihre Schönheit und all das Essen und die Materialien, die sie uns zur Verfügung stellt, um unser Leben zu ermöglichen.
Als ich fertig war, sollte ich die drei Blätter mit einem Stück Schokolade verbuddeln. Pachamama steht nämlich voll auf Süßes.
Das Ganze wurde mit Wasser begossen.
Plötzlich zeigte der Bierbrauer auf den Platz, auf dem ich grade noch gesessen und mich bedankt hatte.
Ein kleiner Vogel hatte sich genau auf die Stelle gesetzt und blieb dort auch einige Minuten.
Mein Dank war angenommen worden.
Ein wohliges Gefühl durchfloss mich.
Wir verbrachten einige Zeit an dem See und sogen die Natur in uns rein.
Um das Ganze zu besiegeln sprang ich ins Wasser und wusch mir all die schlechten Gedanken und die negativen Energien ab.
Ich wurde zum zweiten Mal getauft.
Aber dieses Mal fühlt es sich echt an.

Ich bin bereit meine drei monatige Reise zu starten.

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