Arbeiten tu ich auch!

Um 5.30 Uhr kommt die vollbusige Marife – die immer nur Luz genannt wird, da sie selbst beim Abkratzen der fest gebackenen Reiskörner vom Gasherd, immer nur am Lächeln ist – und weckt mich.

Es gibt auch irgendwo in den hinteren Schränken einen alten Wecker, aber den müsste ich erst aufziehen. Außerdem mag ich es, morgens von Luz‘ strahlendem Lächeln (obwohl durch vernachlässigte Zahnpflege, der eine oder andere Zahn schon am Faulen ist) und ihrer starken, jazzigen Stimme, geweckt zu werden.

Nach einer frisch gepflückten Kokosnuss aus dem Garten gehe ich los.

Natürlich nie ohne meine Machete! Nicht nur, um mir den Weg zwischen Lianen und Colocasia-Pflanzen freizuschneiden, sondern auch falls eine Bothrops atrox sich zu nah an mich herantraut und agressiv wird. Dann muss ich ihr den Kopf abhacken bevor sie mich beißt.

Doch meistens läuft mir nur gemütlich ein Myrmecophaga tridactyla über den Weg und ab und zu versucht ein sehr mutiger Cebus apella mir das Pausenbrot aus dem Rucksack zu klauen.

Bisher ist aber nichts wirklich Aufregendes passiert. So hat mir eine Lehrerin erzählt, dass ein Bradypus variegatus ihr einfach in die Arme gefallen ist und sie dann aus großen Augen angeguckt hat.

Verrückt.

Nach zwei Stunden tiefstem Urwald kommt man auf eine kleine Lichtung, die von Bananenbäumen umringt ist. Ein kleiner Schlammbach führt einmal komplett über den Platz. Der eine oder die andere Schüler*in hat hier schon eine Sandale verloren. So klebrig ist dieser Schlamm.

Sonst gibt es aber nicht viel zu beklagen.

Klar, die Plumpsklos und die ganzen Insekten, die gerne mal versuchen in dich einzudringen, sind gewöhnungsbedürftig, aber die Lehrer*innen und vor allem die Kinder sind sehr freundlich und freuen sich sehr über meinen Besuch.

Findest du meine neue Lebensart merkwürdig?

Dann freut mich das.

Warum ich sie erzähle?

Weil ich dachte, dass die Realität eben nicht so merkwürdig ist.

Es stimmt, dass ich um 5.30 Uhr aufstehen muss, weil ich entweder ein und eine halbe Stunde (Situation 1) oder knapp eine Stunde (Situation 2) bis zu meiner Arbeit brauche.

Situation (1): Besteht daraus zuerst 15 Minuten bis zur Bushaltestelle zu gehen. Es ist üblich, dass die Busfahrer laut schreiend bekanntgeben wohin sie fahren. Da sie dies schneller machen, als die langfingrigen Cebus apella nach meinem Pausenbrot greifen, dachte ich am Anfang, dass ich nie im Leben verstehen werde, was sie rufen. Es ist auch wirklich nicht so einfach. Am besten man ruft selber wohin man muss. Dabei darf man nur kurz den Namen der Haltestelle rufen. Wenn man erst anfängt mit : „Hola, que tal? Queria preguntar como llegó a…“, dann schluckt man nur Abgase ohne eine Auskunft erhalten zu haben. Alles geht sehr schnell. Wahrscheinlich liegt es daran, dass die Fahrer häufig im Stau stehen, in dem viel Zeit verloren geht, da versucht man in allen anderen Situationen, Zeit zu sparen.

Wenn man es dann endlich in den richtigen Bus geschafft hat, dann beginnt der eigentliche Spaß.

In der Mehrheit der Fälle kriegt man keinen Sitzplatz und auch keinen Stehplatz. Es ist eher so was zwischen einem halben und einem viertel Stehplatz – je nach Uhrzeit und Station.

Man sollte denken, dass man sich deshalb wenigstens nicht festhalten muss, dem ist aber auch nicht so, da der Busfahrer ähnliches Fahrverhalten aufweist, wie der Busfahrer in Harry Potter und der Gefangene von Askaban – als würde es sich nicht um einen sieben Meter Bus, sondern um ein wendiges Rennrad handeln. Das Stehen in einem limenischen Bus trainisert nicht nur den Gleichgewichtssinn, sondern auch die Armmuskulatur.

Sollte man dann nach einigen Stationen doch einen Sitzplatz kriegen, so passen die europäischen, langen Beine meist nirgends richtig hin. Der Platz zwischen der eigenen Rückenlehne und der, der vor mir sitzenden Person, ist für meinen Oberschenkelknochen nicht lang genug und meine Knie fangen nach kurzer Zeit an zu schmerzen. Schiebt man die Beine unter den Sitz vor einem, dann bringt man die dort sitzende Person in Bedrängnis. Und wenn man versucht seine Beine im Gang unterzubringen, dann stolpert jeder darüber und man bekommt viele böse Blicke zugeworfen. Vor allem vom Fahrkartenkassierer. Meistens bezahlt man nämlich nicht vorne beim Busfahrer. Es kommt extra jemand zum Kassieren, der mit Münzengeklimper und „Passages a la mano!“ darauf aufmerksam macht, dass man möglichst frühzeitig sein Geld bereit halten soll, da er sich nicht nur durch einen überfüllten Bus drängen muss, sondern sich auch noch jeden merken muss, der neu einsteigt. Er kann es gar nciht leiden, wenn man jetzt auch noch Stunden braucht, um den Rucksack zu öffnen, das Portemonnaie rauszuholen und darin nach den kleinen Münzen sucht. Weshalb es ziemlich ratsam ist, immer eine gewisse Anzahl an Kleingeld in der Hosentasche zu haben, wo man fix drankommt.

Was noch beeindruckend ist, sind die Preise. So zahle ich für 1 Stunde Busfahrt 1,5 Soles (ca. 30 Cents).

Wenigstens schaffe ich es, wie eine richtige Peruanerin (es ist wirklich verrückt! Die können in jeder vorstellbaren Situation und Stellung schlafen!) bei dieser wilden Busfahrt, zumindest wenn ich einen Sitzplatz habe, einzuschlafen.

Situation (2): Ich nehme das Rad. Es ist eine Art Montainbike, das ein 12-jähriger Junge, einst, 1975 zum Geburtstag bekommen hat. Aber es tut sein Dienste.

So ist es auch nicht ratsam ein besonders schönes oder teueres Rad zu besitzen, da es doch den einen oder anderen Langfinger gibt und es wenig sichere Orte gibt, um sein Fahrrad abzustellen.

Die Fahrt mit dem Drahtesel in Lima ist wie so ziemlich alles hier: Peligroso, pero gracioso (gefährlich, aber lustig).

Man fühlt sich wie in „Need for Speed“. Immer ein Auge auf die Straße, eins auf die vielen Fußgänger und nochmal zwei Augen am Hinterkopf. Man muss sich durch verschiedene Hindernisse hindurchschlängeln und eine gute Reaktionsgeschwindigkeit drauf haben.

Schnelles Bremsen, schnelles Losfahren.

Ein wenig entspannen kann man, wenn man auf einem, der insgesamt zwei Fahrradwege in Lima, unterwegs ist.

Ampeln kann man nur als Orientierung nutzen. Wichtiger ist der Blick auf das Umfeld.

Gehupt wird oft. Meistens weiß man nicht genau wieso, aber im Großen und Ganzen darf man sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Nach den 40 – 60 Minuten Fahrt komme ich Adrenalin geladen und durchgeschwitzt bei der Arbeit an.

Ich könnte nicht sagen, welche Art zu Pendeln ich bevorzuge. Da ich im Bus oft auch lesen kann, bevorzuge ich an ruhigen Tagen gerne diesen. Wenn ich abends länger wach bin oder einfach gut drauf bin nehme ich meistens das Rad.

In der Schule angekommen stehe ich vor einer dicken Metalltür und gucke freundlich in die Kamera, bis das gewohnte Summen kommt und die Tür aufspringt.

Man kommt in den Empfangsraum. Auch hier wird ein freundlicher Blick abverlangt.

Wieder ein Summen.

Das Klicken einer Tür, die vorher verschlossen war.

Nicht nur die Schulen, sondern auch die Universitäten und Privathäuser wirken durch vergitterte Fenster und Stacheldraht auf den Mauern eher wie Hochsicherheitsanstalten. Dies sind noch die letzten Überbleibsel der terroristischen Zeit um 1990.

Mittlerweile beruhigt sich die Situation immer mehr. Die Menschen sind auch nicht mehr dazu gezwungen in Häuser einzudringen und zu stehlen, um zu überleben.

Trotzdem sitzt die Angst noch tief in den Knochen.

Hat man die doppelte Kontrolle überstanden, kommt man auf einen großen asphaltierten Sportplatz, der links und rechts von dreistöckigen Blöcken eingerahmt ist. Ich würde auf ungefähr 20 Klassenzimmer tippen. Die Mauern sind in blau gestrichen.

Geht man um die Ecke trifft man auf einen weiteren Block mit weiteren sechs Klassenzimmern und mit Möglichkeiten zu weiterer baulicher Expansion.

Die Schule umfasst ungefähr 920 Schüler und 80 Lehrkräfte. Dann sind noch ungefähr 10 Personen für die Administration zuständig und 2 Pastoren.

Die Santiago Apóstol ist eine katholische Privatschule.

In der Schule selbst findet man viele religiöse Details.

Zum Beispiel mehrere steinerne, lebensgroße, heilige Marienbildnisse, die auf einem kleinen Steinblock stehen und mit Plastikblumen geschmückt sind.

In jedem Klassenraum hängen verschiedene Bilder und Schriftzüge, die nicht vergessen lassen, wie wichtig Religion für die Schule ist.

Um 12.45 Uhr ist Messe. Alle Schüler*innen müssen, egal ob sie sich grade in einem Test befinden oder in Aufgaben vertieft sind, aufstehen und ruhig zuhören. Über Lautsprecher auf dem Hauptplatz hört man einige Zeilen aus der Bibel und es werden die Schüler*innen genannt, die Geburtstag haben. Zum Schluss müssen sich alle bekreuzigen und dürfen sich wieder hinsetzen, um weiterzumachen.

Montags gibt es dann noch die „Formation“. Kerzengrade und in Reih‘ und Glied müssen alle Schüler*innen sich auf dem Hauptplatz versammeln. Sechs Schüler*innen marschieren zu Marschmusik mit der peruanischen Flagge einmal über den Platz.

Es wird die Nationalhymne gesungen, wer etwas besonders gut gemacht hat, wird geehrt und die Termine der kommenden Woche werden erklärt. Manchmal werden auch Sachen, die nicht gut laufen besprochen.

Danach gehen alle in ihre Klassenräume.

Natürlich ist das Deutschlehrer*innenzimmer ganz oben.

Dabei muss man aufpassen nicht auszurutschen, da der Bodenbelag spiegelglatt gebohnert ist.

Dort spreche ich mich zunächst  mit den Deutschlehrer*innen ab und begleite immer jeweils eine Lehrkraft mit in den Unterricht.

Ich assistiere jeden Tag bei einer anderen Lehrkraft, deshalb sind meine Schüler*innen insgesamt zwischen 8 und 17 Jahre alt.

Eine 12. Klasse gibt es nicht.

Da es in Lima nie regnet sind die meisten Häuser nicht wasserdicht. Genauso die Klassenräume. Die Fenster sind einfache Schiebefenster.

Gearbeitet wird auf Whiteboards.

Es gibt auch ein Smartboard, das meine Lehrer*innen bei einem Pasch-Wettbewerb gewonnen haben.

In den Pausen gibt es ab und zu kleine Olympiaden. Es wird viel Volleyball, Basketball und besonders viel Fußball gespielt. Hier sind die Kinder kreativ geworden und haben sich einen Ball aus ganz vielen alten Socken gebastelt.

Es ist ein wirres Durcheinander. Alle spielen auf einem einzigen Platz zwei oder drei verschiedene Sportarten. Die Atmosphäre ist immer super ausgelastet.Wenn ich nicht mit den anderen Deutschlehrenden am Tratschen und Lästern bin, spiele ich auch gerne mal bei den Kindern mit. Wobei ich schamlos abgezogen werde. Die Kinder sind echte Profis in Ballsportarten!

Ab und zu sieht man noch einige mit einer Gitarre.

Auch in den Klassenräumen sind die Kinder fast immer sehr aufgeweckt. Man kann immer gut mit ihnen scherzen oder schöne Gespräche halten. Teilweise bin ich wirklich beeindruckt, wie aufgeklärt die Knirpse und Knirpsinnen sind. Anderseits können sie mich echt auf die Palme bringen, wenn ich z.B. der/die/das auf 5 verschiedene Arten und dann noch auf Chinesisch erklärt habe und sie einfach ganz weit weg in einer anderen Welt bleiben.

Den ganzen Tag über sieht man Leute vom Putzpersonal. Besonders beeindruckend finde ich, wie kleine Steinchen äußerst penibel vom Weg gefegt werden.

Nach vier bis sechs Stunden Arbeit geht es wieder durch die zwei Türen zurück, begleitet von ihrem wohligen Brummen, hinein in den limenischen Verkehr.

Ab nach Hause, wo die Marife mit ihrem immerwährendem Lächeln vielleicht ein paar lecker gebratene Maden und Kakerlaken bereithält…?

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