Hast du mein Teil?

Ist es anders in einem anderen Land zu leben?

 

Die Gedanken vor der Abreise bereiteten mir ständig schwitzige Hände.
Wie wird es sein? Werde ich mich schnell einleben? Werde ich die versprochenen Magenprobleme kriegen? Werde ich am Ende vielleicht sogar beklaut oder von Malaria, Gelbfieber und Hepatitis A, B, C und D befallen?
Und jetzt bin ich hier.
Schon seit einem Monat.
Okey, ja, die versprochenen Toilettenprobleme haben sich pflichtbewusst gemeldet aber, hey! – das Leben geht weiter.
Man reist nicht in die Hölle oder auf den Mars.
Auch hier brauchen die Menschen jeden Tag drei Mahlzeiten, Pendeln jeden Tag zur Arbeit oder zur Schule, verspüren Liebe, Hass, Wut und Glück und trinken am Abend gerne mal ein Bierchen.
Doch trotzdem ist es nicht gleich.
Wer kennt schon Lucuma, Cancha oder Papa a la Huancaina?
(abgesehen von denen, die gerne Bücher über die peruanische Küche und Früchte verspeisen).
Die Vielfalt in Peru ist zwar nicht in Worte zu fassen, aber dafür in Zahlen.
So konzentrieren sich in Peru 80% aller Tier- und Pflanzenarten weltweit.
Und dies spiegelt sich eben auch auf dem Teller wieder.
Ich esse Sachen, die ich mir nie hätte träumen lassen und die mich von mehr träumen lassen.
Fantastisch.
So gar nicht fantastisch ist dafür der Verkehr.
So fahre ich morgens zur Arbeit rund einundeinehalbe Stunde für 9,2 Kilometer. Begleitet werde ich von Lärm und Abgasen.
Nun ja, das war nun vielleicht etwas pathetisch, denn mit einem guten Buch ist das ganze nicht ganz so schlimm.
Doch trotzdem liegt es nahe, wie viel Zeit durch den schleppenden Verkehr verloren geht.
Das, aber auch die auffällige Geräuschkulisse (alias der Lärm) und die ständige Bewegung in dieser Stadt, lässt mich sehr schnell ermüden.
Kurz gesagt:
Ich laufe mit großen Augen und voller Neugier durch dieses neue Leben, aber nach jedem „Ah“, „Oh“ oder „Wow“ folgt immer ein „Uff“.
Meistens kommt es um Punkt 8 p.m. zum Totalausfall aller Maschinen.
Ich falle in einen tiefen Dornröschenschlaf.
Leider werde ich morgens nicht von den weichen Lippen eines blonden Prinzen geweckt. Diese Aufgabe übernimmt lieber mein ganz und gar nicht attraktiver Wecker um 5:30 a.m..
Die Antwort auf die Frage, ob es anders ist, in einem anderen Land zu leben, lässt sich also mit einem: kommt drauf an, von welcher Perspektive du es siehst, oder simpler: mit „Jein“ beantworten.

Hier kommt meine Theorie ins Spiel.
Denn es kommt immer ganz auf dich selbst an.
Von welcher Perspektive siehst du es?
Inwieweit kannst du die neuen Eindrücke aufsaugen?
Kommen sie an deiner Mauer vorbei?
Für mich ist der Mensch keine statische Masse, er besteht aus vielen großen und kleinen Teilen. Wie ein Puzzle.
Nur gehören diese Teile nicht zum sein des Menschens. Sie gehören einem nicht. Sie sind freie Wesen.
So kommt es mal vor, dass sich ein Teil entscheidet, sich von einem zu trennen, weil es sich an einem bestimmten Ort wohl fühlt und weiß, dass es an diesem Ort einen Mensch finden wird, zu dem es besser passt. Vielleicht hat dieses Teil mal sehr gut zu einem gepasst, aber – wie man es sich denken kann – handelt es sich nicht um ein normales Puzzle mit 1500 Teilen, das zum Schluss das Schloss Bellevue zeigt, sondern um etwas Abstrakteres.
Die Lücken der Teile, sowie die Teile selbst, verändern sich mit jeder Sekunde. Mit jedem Gedanken, mit jedem Eindruck, mit jedem Gefühl.
Mal wächst ein Teil etwas oder schrumpft und schon verändert sich das ganze Mosaik.
Manchmal kann es auch auf den ersten Blick so aussehen, dass ein Teil passt, aber bei genauerem Hinsehen, erkennt man, dass man versucht eine M in eine XS zu quetschen. Oder das Teil fällt immer wieder aus seiner Lücke, weil es sich nirgends festhalten kann.
Du kannst deine Teile aber auch bitten, bei bestimmten Personen oder Orten zu bleiben, weil du ein Teil von dir gerne dort wissen möchtest.
Zum Beispiel habe ich einige Teile bei meinen Liebsten gelassen, damit sie ein Jahr lang drauf aufpassen. Vielleicht passen diese Teile dann erst wirklich gut, aber es kann auch passieren, dass es eben nicht mehr passt…
Auch ein häufiger Fall ist, dass sich zwei Teile um einen Platz streiten. Und dein Sein weiß nicht für welches es sich entscheiden soll. Passen würden ja beide, aber nicht beide gleichzeitig.
Wenn man nun nach ein paar Tagen, Monaten oder Jahren dann herausfindet, dass bei dem ausgewählten Teil „Blut im Schuh“ ist, dann ist das andere Teil vielleicht schon beleidigt abgezogen (manche sind aber auch sehr treu und warten, weil sie wissen, dass nur sie passen).
Das sollte man sich aber nicht zu Herzen nehmen. Das Schlimmste, was man machen kann ist, dass man diesem Loch einen Keuschheitsgürtel anlegt und es ein Leben lang leer bleibt.
TU DAS AUF GAR KEINEN FALL!
Auch wenn es manchmal nicht leicht ist, den Schlüssel zu finden, der die Sperre wieder löst… VERSUCH ES IMMER UND IMMER WIEDER.
Denn stell dir dein Puzzle als eine Mauer vor, die dein Sein schützt. Diese Mauer wäre also sowas wie deine Persönlichkeit.
Nun was passiert mit einer Mauer, der viele Teile fehlen?
Erstens: Sie ist instabil.
Es müssen nicht einmal große Teile sein, denn auch die noch so kleinen Teile können extrem wichtig für die Statik sein.
Zweitens: eine Mauer, der viele Teile fehlen, kann nichts mehr bewirken.
Wind kann durch die Löcher pfeifen.
Feinde können einfach durchklettern und dein Schloss niederbrennen.
Eine Flut könnte einfach durchfließen und all deine Bevölkerung ertränken. Die Mauer kann ihre Augabe nicht mehr erfüllen.
Ungefähr so habe ich mich in den ersten Tagen gefühlt.
Zu viele Teile habe ich auf dem Seminar, bei meinen Lieben oder zuhause im Bett gelassen (manche Teile sind halt einfach saufaul).
Andere hatten Angst und wollten nicht in das Flugzeug steigen.
Meine schützende Mauer war kurz vor dem Zusammenbrechen. Ich konnte nachts vorm Einschlafen, wenn ich ganz allein in der Stille lag, die übriggebliebenen Teile heulen hören unter der ganzen Last.
Ich war verwirrt. Eigentlich hatte ich mich als relativ taff eingeschätzt.
Was war das?
Für mich ein ganz eindeutiger Beweis für die Eigenwilligkeit der Teile.
Doch ich habe gelernt, die wenigen Teile, die mir blieben zu stärken und selbstverständlich finde ich nach und nach neue Teile, die ich im Alltag in Deutschland nicht gefunden hätte und sich gut in meinem Puzzle anfühlen.
Fast als hätten die anderen nur den Platz warm gehalten.
Mein Sein fühlt sich geschützt.
Meine Persönlichkeit wird zu einem immer wilderen Mosaik.
Ich fühle mich gut und stark.
Und ich fühle die Lust. Die Lust so nah wie möglich an meine ganz persönliche Perfektion zu gelangen.
Eine Basis aus lauter Teilen, die länger bei mir bleiben möchten.
Mit denen ich mich wohl fühle.
Aber trotzdem nie eine feste Masse werden. Immer neue Teile einsetzen, ausprobieren und verstaubte Teile aussortieren.
Teile aus der ganzen Welt.

3 Gedanken zu “Hast du mein Teil?

  1. Also ein Teil von dir hab ich! Du hast es mir vor einiger Zeit in großen Portionen in aller Öffentlichkeit überreicht, und es ist bei mir gut aufgehobeb, irgendwo..Du wirst es auch nie zurück haben wollen, weil du keine Verwendung mehr dafür hast. Gut so!

  2. Hey Karla, was eine wunderbare Theorie mit den Teilen und der Mauer. Hast mir soeben den Morgen versüßt und mich zum Nachdenken angeregt, danke!:) Liebe Grüße von der Ostsee nach Peru

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