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Zwischen Kultur und Tradition

Bereits der Name kulturweit setzt einen Fokus auf den Austausch bzw. die Bereicherung durch das Kennenlernen einer neuen Kultur. Doch eine Kultur ist vielfältig und wird facettenreicher, desto tiefer man in sie eindringt. Sie lässt sich nicht einfach in Worte fassen oder objektiv beschreiben, denn sie beginnt in den alltäglichsten Handlungen, vermischt sich mit anderen Perspektiven und endet in der komplexen Auseinandersetzung mit der Thematik.

Umso schöner ist es, dass ich in der Kleinstadt Újhartyán immer wieder die Möglichkeit habe, neben der Erweiterung meiner sprachlichen Kenntnisse und den Begegnungen mit vielen Persönlichkeiten, einen Einblick in Traditionen zu erhalten, über die ich zum Teil schon berichtet habe https://kulturweit-blog.de/karilenke/ujhartyan/

Neben den ungarischen Feiertagen und den kirchlichen Festen gibt es nämlich eine Reihe von ungarndeutschen Gedenk-, Erinnerungs- oder Feiertagen, die in Újhartyán in das Dorfgeschehen integriert werden.

Ganz zu Beginn meines Freiwilligendienstes, Anfang Oktober, fand das Weinlesefest statt. Zu früheren Zeiten feierte man es nach dem gelungenen Abschluss der Weinlese und machte einen Umzug durch das Dorf, der musikalisch begleitet und von Tänzen unterbrochen wurde. Die Kinder der Grundschule haben sich an diesem Tag also verkleidet und sind in die Rollen wie z.B. die des Königspaares, der Roma, der Bauern oder der Dorfbewohner geschlüpft und haben den Umzug vor einem neugierigem Publikum nachgestellt und anschließend im Kultursaal bei Essen, Trinken und Tanz zu Blasmusik die Feier ausklingen lassen.

Später im Jahr folgte das Kirchweihfest verbunden mit einer Kirmes auf den Straßen Újhartyáns, welches der Erbauung der örtlichen katholischen Kirche am Namenstag der der namensgebenden Heiligen gedenkt und mit einem feierlichen Gottesdienst, einer Festtafel im familiären Rahmen und der anschließenden Kirmes zelebriert wird. 

Natürlich wird auch z.B. der Martinstag mit Laternenumzug, Tee, Punsch und Schmalzbroten gefeiert.

In der Adventszeit dann gab es jeden Freitag eine kleine Adventsfeier in der Grundschule, der Nikolaus kam zu uns und vor Weihnachten fand das Christkindlspiel statt, bei dem ich mit dem Jugendverein verkleidet von Haus zu Haus gezogen bin und wir ein kleines Theaterstück für die Familien vorgeführt haben.

Nachdem etwas Ruhe von den Feierlichkeiten eingekehrt ist, geht es in der Faschingszeit weiter. Am „schmutzigen Donnerstag“ gab es einen Ball in der Schule, zu dem die Mädchen traditionell Gebackenes wie z.B. Krapfen oder Pogatschen mitbringen und die Jungen Obst und Getränke. Auch die Kleidung war Tracht und die Musik bestand hauptsächlich aus ungarischen oder schwäbischen Schlagern.

Am Tag darauf gab es einen sogenannten Maskenball, für den die Kinder sich verkleideten und einzeln oder als Klasse an einem Kostümwettbewerb teilnahmen.

Zur Faschingsbegrabung, am Dienstag, findet das Blochziehen statt. Früher machten sich die Jungs, begleitet von Harmonikamusik, auf den Weg zu den Häusern in dem das Mädchen wohnt, dass sie sich am ersten Tag der Ballsaison ausgewählt hatten und mit ihr so an allen Faschingsbällen tanzten. Angekommen an den Häusern tanzten sie mit dem Mädchen, das ein Bloch als Symbol für die Schwierigkeiten der Ehe an ihr Bein gebunden bekam, einen Walzer. Dafür bekamen die Jungen Wurst und Eier geschenkt, die am letzten Haus zu Rührei verarbeitet wurden und dort verabschiedeten die Jugendlichen gemeinsam die Faschingszeit mit einem Ball.

Neben diesem kleinen Überblick an Feierlichkeiten, die ich u.a. hier in meiner Zeit vor allem in der Grundschule erleben durfte, gab es viele weitere Anlässe, die mir Traditionen näher gebracht haben.

An den zahlreichen Bällen, die ich besuchen durfte, konnte ich über die verschiedensten Volkstänze staunen, die längst nicht nur Polka, Walzer und Kreistänze umfassen, welche ich selber auch mit viel Freude ausprobieren konnte, auch wenn ich mir über die zum Teil sehr schnelle Schrittfolge nicht immer ganz im Klaren war.

Umso mehr bin ich ins Staunen gekommen, wenn die Schultanzgruppe oder die Erwachsenentanzgruppe etwas mit großem Erfolg vorgeführt hat. Durch dieses Tanzen in Trachten und zu schwäbischen Schlagern oder Blasmusik, wird die Tradition in einer unheimlich fröhlichen und mitreißenden Stimmung präsentiert. Auch die Achtklässler haben bei einem Ball ihren Abschlusstanz vorgeführt, bei dem die Mädchen weiße, glitzernde Brautkleider mit Tüll und nicht selten auch Reifröcken trugen und gemeinsam mit den Jungs in schwarzen Anzügen eine einzigartige Walzer-Choreografie zeigten.

Die Musik ist hierbei wohl der entsprechende Indikator, der, neben dem Wein, die Stimmung transportiert. So sagte mir ein Kollege, dass es für ihn einen großen Unterschied zwischen der ungarischen und der schwäbischen Musik gäbe und diese andere Gefühle auslösen würden: „Wo ich unsere Musik (die schwäbische) fühle? Es ist wie ein starker Schlag oder Ruck am Rücken, der zum Tanzen auffordert.“

Neben diesen Bällen, die mir in Deutschland wohl fehlen werden, gab es auch einen Schwabentag, an dem wir uns gemeinsam mit den Kindern traditionelle Handwerke angesehen haben, typisches Essen gegessen und uns z.B. mit der Thematik der Kleidung, der alten Schule, der Feiertage oder der Minderheiten beschäftigt haben.

Die Traditionen werden hier also vor allem in Form von Auftritten und dem Schlüpfen in andere Rollen verkörpert und damit den Menschen näher gebracht. Besonders das Tanzen und die Musik aber nehmen auch einen aktiven Teil in den Köpfen und der Freizeit Vieler ein.

Dadurch habe ich einen guten Überblick über einige Traditionen erhalten und durfte in die kulturelle Vielfalt hineinschnuppern, aber habe es natürlich aus meiner bei den Traditionen ausstehenden Perspektive betrachtet, sodass die Geschichten bloß erzählen, was ich hier auf meine Weise erlebe.

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