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Die Kunst der Fehler

Zweifelsfrei – du hast jeden Tag mit Fehlern zu tun. Jeder macht Fehler und wahrscheinlich findet jeder auch täglich vermeintliche Fehler bei seinen Mitmenschen. Doch nirgendwo sind sie so präsent (und gefürchtet) wie in der Schule, in der am Ende die Leistung zählt. Zwar kommt es im Unterricht auch auf den Willen und die Versuche an, doch am Ende bekommt der die bessere Note, der weniger Fehler macht. Aber es ist auch bekannt, dass man aus Fehlern lernt. Woher kommt also diese Angst vor Fehlern? Und ist sie nicht schon der erste Fehler?

Besonders im Fremdsprachenunterricht wird diese Angst vor den Fehlern zum Hindernis. Die Kinder haben Angst davor, einen Fehler zu machen und bleiben lieber still. Besser nichts sagen als etwas Falsches zu sagen. Und um ehrlich zu sein, funktioniert diese Methode meist auch nicht schlecht. Natürlich erhält man nicht die selben guten Noten wie jemand, der Qualität und Quantität hoch hält, aber wenn man nur selten etwas zum Unterricht beiträgt, das dann aber ausreichend überlegt ist und somit auch gar keine oder nur geringe Fehler aufweist, fällt die Notengebung nicht schlecht aus. So sieht oftmals die Realität in der Schule aus.

Gleichzeitig aber wird versucht, die Kinder zu ermutigen, dass sie sprechen sollen, dass Fehler nicht schlimm sind und dass es viel wichtiger ist, es auszuprobieren. Aus Fehlern lernt man.

Hier entsteht eine Doppelmoral. „Übung macht den Meister“ und „Aus Fehlern lernt man“ – Sprüche wie diese sollen motivieren, sollen zum Probieren anregen und sagen aus, dass niemand perfekt startet. Aber sie setzen auch voraus, dass es am Ende zum Erfolg kommt. Und dann erst kommt die Belohnung. Wenn man kein Meister wird, dann bekommt man auch nicht die gute Note. Die Kinder sollen also auf ihrem Weg Fehler machen und können es auch, aber nur, wenn es danach zum Erfolg kommt.

Warum würdigen wir die Versuche nicht viel mehr? Ist es nicht viel mutiger, sich nach einem Fehler aufzuraffen, weiterzumachen oder es mit dem Wissen, etwas nicht zu können, auszuprobieren, als ein bewusstes Können zu zeigen?

 

In unserer Gesellschaft werden Fehler meist als negativ wahrgenommen. Besonders, wenn man drauf hingewiesen wird. Hieraus ergibt sich in der Rolle als Freiwillige (und Muttersprachlerin) in einem Gastland ein gewisser Zwiespalt in der Toleranz der Fehler.  Im Unterricht werde ich oft gebeten, die Fehler der Kinder zu korrigieren, sowohl schriftlich als auch mündlich. Sprachlich ist es aufgrund des Gefühls für die Muttersprache auch kein Problem, aber aus diesem Dasein als Muttersprachlerin ergeben sich einige Hürden, da ich die Sprache schließlich nie so gelernt habe, wie die Kinder es tun. Zum Einen muss beachtet werden, was die Kinder überhaupt schon gelernt haben, was sie also können sollten. Zum Anderen muss beachtet werden, ob es wirklich falsch ist oder einfach nur unschön. Und nicht zu vergessen ist auch, wie es besser wäre bzw., was die Ursache des Fehlers ist.

Mir fällt auf, dass ich als Muttersprachlerin (oder liegt es daran, dass ich keine wirkliche Lehrerin bin?) oft eine viel größere Fehlertoleranz habe.  Da spielt es eine große Rolle, dass ich mich blind in der Sprache zurecht finde und schnell auch ohne perfekte Wortwahl oder ohne perfekten Satzbau die eigentliche Aussage verstehe. Außerdem kenne ich mich sowohl in der Umgangssprache, die durch Dialekte und Sprachvariationen sehr flexibel gestaltet ist, als auch in der Amtssprache, wie sie meist geschrieben zu finden ist, aus. Und vor allem freue ich mich über jeden Versuch mit mir Deutsch zu sprechen und kann darüber die großen und kleinen Fehler vergessen. Es sind also ein Sprachgefühl und auch eine Freude, die Fehler nebensächlich machen.

Häufig höre ich Entschuldigungen dafür, dass das Deutsch nicht so gut sei oder lange nicht geübt wurde – vermutlich manchmal verbunden mit dem Wunsch nach einer Einschätzung meinerseits. Doch auch die ist nicht einfach. Natürlich gleichen die Gespräche in ihrer Qualität nicht denen mit anderen Muttersprachlern, aber das werden sie auch nach ewiger Übung nicht tun. Für mich zählt, dass alle Gesprächsbeteiligten sich ohne Missverständnisse verständigen können. Dann ist es gut.

Muttersprachler zu sein bedeutet eben nicht nur, die Worte zu verstehen und sie einzuordnen, die Regeln zu beherrschen und sie nicht viel lernen zu müssen. Es bedeutet eine Verbundenheit mit der Sprache, die die Aussagen verständlich, die Intention zugänglich und das Spielen mit der Sprache möglich macht.

Die Hinweise auf viele Fehler kratzen am Selbstbewusstsein der Kinder. Von den Lehrpersonen noch mehr als von mir, denn ich gebe keine Noten. Warum lassen wir diese Ziffern auf dem Papier unser Leben in der Schule so sehr bestimmen? Warum messen wir daran, wie gut wir sind? Gute Noten haben für mich nicht zwingend etwas mit Intelligenz zu tun, sondern mehr mit Fleiß. Und viele Fehler sind für mich kein Kriterium, warum ein Text schlecht geschrieben oder gesagt ist. Da spielen noch viele weitere Faktoren mit herein. Und letzten Endes bin ich deshalb auch froh, keine Noten geben zu müssen.

Ich helfe gerne, indem ich Empfehlungen sage, wie ich etwas ausdrücken oder formulieren würde und besonders, wenn ich danach gefragt werde, wird es dankbar angenommen. Bei initiativen Handlungen ist aber eine Vorsicht oder ein Feingefühl gefragt. Denn Lehrpersonen vor der Klasse auf Fehler hinzuweisen, kann die Autorität dieser unterbinden. Besonders, wenn es sich hierbei nicht um direkte Fehler handelt, sondern viel mehr um unklare Formulierungen, missverständliche Bedeutungen oder Aussagen, die so ungebräuchlich sind, muss auch eine Erklärung her und natürlich ein Verbesserungsvorschlag, da es konstruktive Kritik ist. Leider wird dies aber oft mit der Aussage „Das habe ich aber so im Studium gelernt“ oder „Das steht aber so im Deutschbuch – und das wurde in Deutschland produziert“ abgeschlagen. Warum kann es denn deshalb nicht falsch sein? Überall werden Fehler gemacht, sie begegnen uns täglich. Auch ich mache bestimmt viele Fehler beim Sprechen (wobei mein Bewusstsein für das, was ich sage und vor allem wie ich es sage, deutlich gewachsen ist).

Beispielhaft steht für diese unklaren Formulierungen die Tatsache, dass hier im Unterricht die fehlenden Kinder als „Fehler“ notiert werden. Grammatikalisch ergibt es Sinn, dass aus dem Verb „fehlen“ das Nomen „Fehler“ wird. Schöner und (für Muttersprachler besonders) unmissverständlicher formuliert wäre aber „Fehlende“.  Wenn ich auf solche kleinen Missstände hinweise und die Lehrpersonen meinen Tipp verfolgen führt das allerdings oft auch dazu, dass die Kinder nicht mehr verstehen, was gemeint ist, da sie sich an die anderen Formulierungen gewöhnt haben. Und eigentlich sind sie ja auch nicht so falsch.

Schließlich sollen und können sie keine Muttersprachler werden – sie sollen kommunizieren können, sich ausdrücken und keine Angst davor haben. Ein Muttersprachler versteht die Aussage, weil er das Sprachgefühl hat, und andere Lernende verstehen die Aussage, weil sie womöglich die gleichen „Fehler“ machen würden und den gleichen Zugang haben.

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