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Zwischen den Tagen – zwischen den Ländern

Zwischen Ungarn und Deutschland gibt es oft, so nehme ich es wahr, in vielen Bereichen nur wenige Unterschiede und doch scheinen die meisten über dieses Land in ca. 1000 km Entfernung zum Sauerland nicht all zu viel zu wissen. Balaton, Budapest und Gulasch, vielleicht noch die Flüchtlingskrise, sind häufige Wörter, die wohl bei einem kurzen Nachdenken über Ungarn einfallen. Doch vor allem z.B. die Geschichte ist stark mit der Deutschen verwoben. So bin ich hier beispielsweise in einer ungarndeutschen Kleinstadt, deren Institutionen über die Deutschen Nationalitätenselbstverwaltung, also die Minderheitenvertretung der Ungarndeutschen, organisiert werden und deren Einwohner*innen sich auch über die Auswanderung vergangener Generationen aus Deutschland nach Ungarn sowie ihre Unterdrückung nach dem zweiten Weltkrieg im ungarischen Gebiet identifizieren.

Dadurch kommt ihre starke Verbundenheit mit Deutschland, vor allem aber zu der Sprache und Kultur zustande. Gerade durch diese Verbundenheit zu einer (eigentlich ja auch meiner) deutschen Kultur wird mir bewusst, wie vielseitig Kulturen sind. Bereits zu Beginn meiner Zeit hier wurde mir erläutert, dass sie, wenn sie von Schwaben reden, die Deutschen meinen. Doch wer sind denn jetzt die Deutschen? Außerdem wird mir deutsche Musik vorgespielt, mit der sie sogar ganze Partys und Bälle gestalten. Wie ich feststellte, breitet sich das Spektrum dieser Musik aber von Neuer Deutscher Welle über Aprés-Ski-Hits und Schlager bis hin zu Musik der lang-vergangenen Jahrzehnte und ist dabei nicht einmal immer deutschsprachig oder von deutschen Künstler*innen. Bleibt die Frage offen, was denn eigentlich deutsche Musik ist und wie man darüber eine, und zwar genau eine, Kultur definieren kann.

Außerdem begegnen mir von Zeit zu Zeit Generalisierungen des „Deutsch-Seins“, wenn etwas, was ich sage oder mache, als typisch-deutsche Handlung festgehalten wird oder mir Verwunderung entgegenschlägt, wenn ich z.B. keinen Kaffee möchte, obwohl „die Deutschen trinken doch so gerne Kaffee“ eine anerkannte Beobachtung scheint. Genauso schwierig ist es dann, wenn ich über mein Leben in Deutschland oder Traditionen und Bräuche erzählen soll, aber versuche, dabei nichts zu verallgemeinern. So ein Freiwilligendienst eröffnet mir also neue Blickwinkel und Perspektiven, die aber nicht nur auf mein Leben in Ungarn und das meiner Mitmenschen hier beschränkt ist, sondern vor allem erfahre ich auch viel über Deutschland. Im Unterricht begegnen mir sogar ab und zu Wörter, die mir bislang nicht bekannt waren, oder oft auch unlogische Wortwandlungen sowie grammatikalische Regelungen, die für mich zwar „ganz normal“ sind, für die Deutschlernenden aber eine große Herausforderung darstellen, da diese Regeln wenig Sinn zu ergeben scheinen. Auch beim Vorbereiten von Vorträgen suche ich nach interessanten Informationen, die über meine eigenen Erfahrungen hinausgehen, um so ein möglichst differenziertes Deutschlandbild zu vermitteln, dass somit auch meinen Horizont erweitert.

Besonders in der Weihnachtszeit aber ging es oft einfach um die Familientraditionen und -bräuche und besonders hier war es sehr spannend für mich, etwas über ein ungarisches Weihnachtsfest zu erfahren und es schließlich selbst zu erleben. Laut einer Lehrerin unterscheiden sich die beiden Länder oder Kulturen vor allem in ihrem Essen. An Weihnachten sollen so ca. ¾ der Ungarn Fischsuppe und/oder Geflügel essen. Außerdem gäbe es gefülltes Kraut und den typischen Weihnachtskuchen „Beigli“. Auch am Weihnachtsbaum hänge sogenannter Salonzucker, der eine ungarische Tradition sei und den man nicht außerhalb Ungarns zu finden scheine, wie mir erklärt wurde. Dabei handelt es sich um in bunte Folie eingewickelte harte Weingummis mit manchmal einem Schokoladenüberzug. Außerdem sei es in den schwäbischen Dörfern ein Brauch, dass die Jugendvereine an den Tagen vor Weihnachten mit einem Christkindlspiel von Haus zu Haus ziehen und dieses in den Familien vorführen. Den Weihnachtsabend verbringe man allgemein in der Familie, man singe Lieder, esse, verschenke und gehe in die Kirche.

Auch wenn ich die Weihnachtsfeiertage nicht mit meiner Familie verbracht habe, waren sie ein rundum schönes Erlebnis. Einen guten Einblick in die Weihnachtsküche habe ich erlebt, als ich zur Weihnachtsfeier der deutschen Selbstverwaltung Hartians eingeladen wurde und dort z.B. die Fischsuppe probieren konnte, viel mehr aber durch die Gespräche mit den anderen Gästen etwas über ihre familiären Gewohnheiten erfahren habe. Am 22. und 23. Dezember bin ich mit dem ortsansässigen Jugendverein von Haus zu Haus gezogen, um dort das Christkindlspiel vorzuführen, in dem ich die Rolle eines Engels übernommen habe. Außerdem haben wir es auch in der katholischen Kirche Hartians vorgeführt, in der ich so einen weihnachtlichen ungarischen Gottesdienst erlebte. Auch auf den Weihnachtsmärkten in Budapest, die bis zum 31.12. geöffnet waren, hatte ich die Möglichkeit viele handwerklich-angefertigte Gegestände, wie z.B. Deko, kleine Geschenke oder Delikatessen zu bestaunen.

An Silvester dann treffe man sich aber auf der Straße, um dort das neue Jahr gemeinsam zu begrüßen, so wurde es mir von einem Lehrer erklärt. Budapest sei nicht für sein Feuerwerk bekannt, sondern eher für die vielen Freiluftveranstaltungen am letzten Abend des Jahres. Also haben wir uns gemeinsam mit anderen Freiwilligen an der Donau versammelt, um dort auf den Beginn 2018s anzustoßen. Tatsächlich sah man nur vereinzelt wenige Raketen und Feuerwerkskörper und bald war die kalte Luft von einem nebelartigem Rauch verhüllt, doch es waren Menschen aller Altersklassen und Herkunftsländer vereint, sodass niemand nach diesem Abend nur noch mit seiner eigenen kleinen oder großen Gruppe unterwegs war sondern viele neue Gesichter kennengelernt hat.

Kulinarisch habe ich mich auch schon etwas durch die ungarische Küche probiert. Bekannt ist das Gulasch, dass hier aber in sehr vielen Variationen auftritt. Was im deutschen Volksmund allgemein als Gulasch bekannt ist, trägt hier einen anderen Namen. Gulasch gibt es also zum Einen als Suppe, aber auch als Hauptgericht bzw. vermischt mit einer Gemüsesorte oder einer Soße. Das am weitesten verbreitete Gewürz sei die Paprika, so habe ich es an vielen Stellen gehört. Sie trete als „rosa Paprika“, also nicht scharf, oder als scharfe Paprika auf und man schmecke sie in fast jedem Gericht. Ähnlich hält es sich da mit der sauren Sahne und dem Kraut, das man beides in sehr vielen traditionellen Gerichten verwende. Besonders in großen Städten findet man außerdem an zahlreichen Imbissen Lángos, eine Art Hefeteigfladen mit saurer Sahne und geriebenem Käse z.B., und „kürtöskalács“, eine Art Baumstriezel, der z.B. in Zimtzucker gewälzt wird. Vor allem die gebackenen Speisen wie die Dobos-Torte, Hercerl-Plätzchen oder Pogatschen sind mir oft angeboten worden.

Das ist aber eben auch nur, was ich bisher wahrgenommen oder erlebt habe aus Sicht meiner Erfahrungen und aus meinen Perspektiven und sicher keine Verallgemeinerung. Doch mein ständig-wachsendes Bild von Ungarn wird so durch die Menschen meiner Umgebung gelenkt. Für mich sind das die Geschmäcker, die Gerüche, die Geräusche und Bilder, die „mein“ Ungarn abbilden.

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