post

Von Mut und Schüchternheit

Kein Tag ist wie der andere – keine Woche ist gleich. Das liegt schon allein daran, dass ich keinen festen Stundenplan habe. Vier Tage in der Woche besuche ich die Grundschule, dienstags helfe ich im Kindergarten. Doch in der nächsten Woche sind Herbstferien – Zeit für mich, nach ca. 1 1/2 Monaten in Újhartyán auf meinen Alltag und die Veränderungen darin zurückblicken zu können.

Ein bedeutender Teil unseres Auftrags, den wir durch kulturweit und vor allem durch den Pädagogischen Austauschdienst und die Zentralstelle für Auslandsschulwesen der Kultusministerkonferenz erhalten haben, besteht darin, die deutsche Sprache greifbar zu machen und als Muttersprachler  Begeisterung und Interesse für unsere Kultur, Geschichte und Sprache zu wecken. So ist es also nicht überraschend, dass ich hauptsächlich am Deutschunterricht teilnehme. Im Deutschunterricht selber allerdings übernehme ich je nach Lehrkraft, die ich begleite, und auch je nach Altersgruppe der Klasse unterschiedliche Aufgaben. Für die Jüngeren (6 bis 10 Jahre alt) ist der Unterricht noch spielerischer. Hier singen wir oft deutsche Kinderlieder, spielen einfache Ratespiele, „Galgenmännchen“ oder Vokabelmemory, was ab und zu allerdings auch zur Herausforderung wird, wenn die Kinder mich nach Übersetzungen fragen (doch so ist der Lerneffekt für mich gleich auch dabei, denn ich lerne die ungarischen Wörter). Gerne lese ich auch Geschichten vor, lerne mit ihnen einfache Reime auswendig oder beschreibe Bilder in kurzen Sätzen, die sie nachsprechen und somit die Vokabeln erlenen und vor allem auf die Ausspreche achten. Bei den Älteren (11 bis 14 Jahre alt) wird der Fokus zunehmend auf die grammatikalischen Regeln gelegt und so vergleiche ich mit ihnen Hausaufgaben, erkläre Regeln und unbekannte Wörter auf Deutsch, berichte über ihre aktuellen Themen oder aus meinen Erfahrungen und gebe Diskussionsanstöße durch meine Meinung.

Im Allgemeinen bin ich für Schüler und Lehrer eine Ansprechperson für ungeklärte Fragen aller Art zu Vokabeln, Grammatik, Worterklärungen oder wie Dieses oder Jenes in Deutschland abläuft und gehandhabt wird.

Zusätzlich zum Deutschunterricht allerdings begleite ich auch den Volkskundeunterricht. In diesem halte ich Vorträge entweder zu Themen über Deutschland wie das Schulsystem, Bundesländer oder Minderheiten oder auch zu Lehrplaninhalten wie zur Ungarndeutschen Wanderungsgeschichte. Ab und an nehme ich an Geschichts- und Tanzstunden teil, die allerdings eher oder vor allem eine Bereicherung für mich darstellen, da auch ich hier vieles lerne und erfahre (und mich tänzerisch und ohne großes Talent ausprobieren darf).

Die formalen Unterschiede zur deutschen Grundschule bestehen also hauptsächlich in der Länge, da diese in Ungarn bis zur achten Klasse geht, und in einigen weiteren Stunden wie dem Volkskunde- und dem Tanzunterricht. Letzteres ist allerdings eine Besonderheit der Nationalitätenschulen und lässt sich folglich nicht allgemein für ungarische Grundschulen festhalten. Um die Unterrichtsmethodik und die Inhalte vergleichen zu können, habe ich nur eine sehr beschränkte Perspektive, da ich sowohl in Deutschland nur meine eigenen Lehrer und meinen eigenen Unterricht kenne als auch hier nur vereinzelte Einblicke in das Schulsystem erhalte. Die Themen, über die die Sprache erlernt werden soll, sind sehr ähnlich zu denen, über die ich Englisch und Französisch erlernt habe. Allerdings denke ich, dass gerade in der siebten und achten Klasse im Fremdsprachenunterricht mehr und selbstständigere Arbeit von uns verlangt wurde und ich dadurch in der Lage war, bereits komplexere Texte zu erschließen und selber zu verfassen. Referate oder Analysen etwa habe ich hier – vielleicht bisher – in mir bekannter Form selten gesehen. All diese Unterschiede allerdings können auch auf die einzelnen Lehrkräfte oder die Tatsache, dass es eben doch noch eine Grundschule ist, zurückzuführen sein.

Für mich allerdings springt ein großer Mehrwert heraus, denn zum Einen lerne ich selber, z.B. über die ungarische und ungarndeutsche Geschichte oder auch die traditionellen Tänze, und zum Anderen beginne ich meine eigene Sprache noch mehr zu hinterfragen und zu erfassen, in dem ich die scheinbar einfachsten Regeln erläutern muss und mir klarmachen muss, warum und wie man bestimmte Regeln denn anwendet (und warum es so viele Ausnahmen gibt, die völlig unsinnig erscheinen). Außerdem begegnen mir viele Unterrrichts- und Lernmethoden, die vom Charakter der Lehrer und Schüler abhängen.

„Man kann einem Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“ – Galileo Galilei

Dieses Zitat lässt sich hervorragend auf die Frage nach der Begeisterung für die neue Sprache übertragen. Ich kann diese Begeisterung, die notwendig ist für einen erfolgreichen Lernprozess, nicht lehren, nicht aufzwingen. Aber sie muss von der Lehrkraft geweckt werden. Hier hilft es, dass die Kinder mit mir sprechen wollen. Sie wollen Kontakt und sie wollen sich ausdrücken können. Gerade bei den Jüngeren ist diese Begeisterung noch leichter zu wecken, denn sie haben einen unglaublichen Spaß an Liedern und Spielen. Im Unterricht wird viel gelacht und die glücklichen Kindergesichter, die munter auf Deutsch singen, hinterlassen eine positive Konnotation in ihren Köpfen, die vor allem eins ausdrückt – Sprache macht Spaß. Zwar können sie sich noch nicht sehr mit mir unterhalten, aber sie schenken mir Blätter und kleine Fundsachen oder umarmen mich, sie winken mir immer, wenn sie mich treffen und Lächeln  mir unentwegt zu. Sie drücken diese Freude aus und es ist eine wunderbare Erfahrung, dass auch ich sie dazu anregen kann und ihnen den Mut mit auf den Weg geben kann, dass es für Kommunikation und Verständigung keines Perfektionismus bedarf, sondern es wesentlich wichtiger ist, keine Scheu zu haben. Diese Scheu legen sie mehr und mehr ab. Und auch die Älteren legen sie mehr und mehr ab, wenn sie mir begegnen und bringen ihre Freude zum Ausdruck, doch sie haben eine Scheu im Unterricht und eine Angst vor Fehlern. Sie sollen die Grammatik lernen und möglichst wenige Fehler machen, aber der größte Fehler ist es, es nicht zu probieren und nicht zu sprechen. Sie müssen ihre Begeisterung und ihren Mut wieder in sich entdecken und auch hier machen sie Fortschritte, doch meine Aufgabe – oder die der Lehrkraft – es in sich selbst zu finden, wird vom zunehmenden Leistungsdruck teils durchkreuzt.

Wanderung im Pilis-Gebirge

Umso schöner ist es, dass ich auch an Ausflügen teilnehmen kann. Für die Kinder wird viel geboten neben dem Unterricht. Es gibt zum Beispiel kleine Veranstaltungen zum Welttag der Musik oder des Händewaschens, Schulfeiern zu ungarischen Feier- oder Gedenktagen oder eben Ausflüge für Gruppen oder Klassen. Bei der Feier zum Erntedankfest habe ich Gedichte herausgesucht, die Fünftklässler aufsagten und deutsche Lieder mitgesungen.

Einen Ausflug haben wir zum Bildungszentrum Baja gemacht, wo Bilder der Schüler ausgestellt werden oder waren wandern. Gerade bei dieser Wanderung habe ich mich sehr viel unterhalten, denn wir waren ca. 10 Stunden unterwegs und in dieser Zeit entsteht mehr Vertrauen ohne das wachsame Auge des Lehrers auf die notwendige Befolgung des Lehrplans. Auch, wenn die Kommunikation nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch und mit Gestik und vielem Anschaulich-machen erfolgt, war sie sehr erfolgreich und bereichernd für alle. Außerdem habe ich an einem Ausflug in einen Trampolin-Park teilgenommen und auch hierbei sind keine „korrekten“ Sätze notwendig, um Spaß zu haben oder sich verständigen zu können. Gerade durch diese alltägliche Kommunikation nebenbei und dadurch, dass weder mein Altersunterschied allzu groß ist, noch ich Noten gebe, bin ich in der Lage mehr Begeisterung wecken und genau das ist die Chance einer Freiwilligen wie mir.

Weinlesefest

Neben diesen Ausflügen gibt es auch Feste wie das Weinlesefest, an denen ich teilnehme und gemeinsam mit Schülern, Lehrern und Eltern feiere (und mein nicht vorhandenes tänzerisches Talent unter Beweis stelle) und somit die Verbindung und mein Wissen erweitere.

Meine Aufgabe, eine neue Kultur kennenzulernen und über Sprache und Geschichte zu erfahren, gelingt also schon ganz gut. Meine Begeisterung habe ich jedenfalls in mir entdeckt – hoffentlich trage ich auch bei den Kindern dazu bei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.