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Mehr, mehr, mehr!

Auch für mich liegt der erste Monat nun hinter mir. Ein Monat in Ungarn – erst oder schon?

Der Plan in meinem Kopf von dieser neuen Umgebung und auch Sprache hat erst begonnen, sich langsam zu ergeben. Doch ich finde mich schon gut zurecht.

Das Chaos beginnt sich zu legen und zu ordnen und es bleiben ein paar Augenblicke um einfach zu genießen. Und Genuss, das ist es, was diese Zeit hier am meisten verlangt. Voller Eindrücke und Erlebnisse bin ich – und es soll immer mehr werden. Und ich will, dass es immer mehr wird.

Ich genieße es. Jeden Tag.

Budapest

 

Wenn ich durch die Straßen meines Dorfes laufe, dann umfängt mich eine tiefe Ruhe. Ich rieche die Tiere, die in den Nachbargärten wohnen und abends die Holzöfen, die in den Häusern brennen. Ich sehe Kinder, die sich auf den Straßen treffen und Fahrrad fahren. Ich sehe, wie irgendwo ein Garten mit der Sense gemäht wird, wie ältere Damen mit Kittel und Kopftuch auf den Bänken vor den schwäbischen Langhäusern klönen, wie mit dem Fahrrad eingekauft wird und wie Menschen von den Feldern mit ihrer Pferdekutsche kommen, wie die Vorhöfe gefegt werden. Ich rieche den Herbst und sehe die Blätter sich verfärben und auf die sauberen, ordentlichen Straßen zusammen mit Kastanien, Pflaumen und Walnüssen herunterfallen. Ich höre leise Unterhaltungen und freundliche Begrüßungen, wenn Menschen sich begegnen, die Hunde in den Gärten bellen und die Pferdehufe klappern. Ab und zu fahren Autos oder Busse vorbei. Manchmal ist mehr los auf den Straßen, doch es ist nie voll oder erdrückend, es ist immer weit. Und weil das Land so flach ist, meint man, der Dorfrand wäre gleich hinterm nächsten Haus. Auch vor der Schule hört und sieht man Kinder lachend auf dem großen Schulhof spielen. Es scheint, als lebe ich auf einer friedlichen Wolke. Der Sonnenschein und die klare Luft zaubern mir zusammen mit dieser Ruhe hier immer ein Lächeln auf die Lippen, wenn mein Fahrrad mich von Ort zu Ort bringt.

Wenn ich in den Bus einsteige, verlasse ich diese Ruhe nicht sofort. Doch, wenn ich wieder aussteige, bin ich in Budapest. Großstadttrubel und Hektik umgeben mich. Aber es erwartet mich so viel, um entdeckt zu werden und ich genieße es. An immer neuen Orten vorbeikommen und zu wissen, dass man sie wieder besuchen kann, denn ich bin erst einen Monat hier. Zwischen Touristen die bekannten Orte ansehen und feststellen, dass ich mich von der Hektik lösen kann, denn ich habe schon einiges gesehen und bin noch lange hier. Die uralten Gebäude und historischen Stätten und im Kontrast ein modernes Leben. Ein Spagat zwischen neu und alt – der sich wunderbar in einem ganz eigenen Charme ausdrückt.  Auch das gibt Ruhe. Aber auf eine andere Art und Weise.

Ich genieße es, zu bemerken, wie man sich verändert und wächst und jeden Tag immer mehr sieht, versteht, kann und wird.

Da ist zum einen der Schritt in die Selbstständigkeit, der Schritt, sich um sich selbst zu kümmern und zu sehen, wie es klappt und wie schön es ist.

Da ist auch die Sprache. Immer mehr Wörter verstehe ich, aus Gesprächen erkenne ich Satzfetzen, die ich einordnen kann und langsam erhalte ich ein anfängliches Gefühl dafür.

Dort sind die Kinder, die mich immer mehr ins Herz schließen, mir winken und mich begrüßen – egal, wo wir uns treffen. Die Kinder, in deren Unterricht ich immer mehr übernehmen darf und erzähle und dadurch mehr Sicherheit und Erfahrung darin gewinne. Und die Erlebnisse, wenn sie mich umarmen und ich weiß, ich bin angekommen in ihrem Schulleben.

Dort sind das Dorf und die Stadt, in denen ich mich immer besser zurecht finde und wofür sich ein immer detaillierteres Gefühl (und eine Orientierung) in meinem Kopf entwickelt.

Ich genieße diese kleinen und großen Unterschiede, die ich wahrnehmen kann und darf und diese Veränderung – zeitlich und räumlich, bezogen auf meinen Auslandsaufenthalt im Gegensatz zu meiner Herkunft und bezogen auf meinen häufigen Wechsel zwischen hektischer Großstadt und kleinem Dorf.

Und ich werde weiterhin auf all die kleinen und großen Erlebnisse zurückblicken und sie revue-passieren lassen in meinem Kopf. Daraus werden nächster Zeit kleinere bebilderte Posts folgen, die meine Erlebnisse zusammenfassen.

 

 

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