Wir streiten nicht, wir debattieren

Ich weiß, ich bin spät dran mit dem Halbzeit-Post, und so ist aus dem Halbzeit-Post nun eher ein Dreiviertelendzeit-Post geworden. Vor 217 Tagen habe ich das erste Mal ungarischen Boden betreten, das erste Mal in die Sonne geblinzelt, bin das erste Mal in Nyiregyhaza aus dem IC gestiegen. Jetzt, 217 Tage später, kommt es mir denkbar uninspiriert vor, über meinen Alltag zu schreiben.

Letzte Woche, als ich mit der deutschen AFS-Freiwilligen aus Budapest Richtung Hauptstadt fuhr, da packte mich das Feriengefühl. Nach einem Nachmittag, den wir barfuß im Park verbrachten (etwas, das mir in letzter Zeit sehr oft passiert), saßen wir also bei fast 30 Grad in unserem Abteil und sahen die ungarische Landschaft an uns vorbeiziehen. Kaum zu glauben, dass es nicht auf einen längeren Trip ging, denn auch der Sommer ist wieder da; ein wahrer Grund, zu feiern. Markus, Vicky und ich beschlossen also vor kurzem, uns in Tokaj zu treffen. Pünktlich um 12 sitzen wir auf der Terrasse einer Borozó und probieren uns durch die Karte ungarischer Weißweine, ein Event, das den Beginn eben jener draußen-sitzen-und-Wein-trinken-Saison einleitete. Der Tag wurde abgerundet mit einer Führung durch den kleinen Weinkeller einer familiären Winzerei und dem (halben) Bezwingen des Tokaji hegy, des Berges. Mir war nie klar, dass es mir fehlte, einmal durch Weinfelder gelaufen zu sein, aber hey, jetzt habe ich es getan!
Tokaj ist das Zentrum des Tokajer Weingebiets, in dem der Tokajer Weisswein angebaut ist, weltbekannt unter Weinliebhabern und Ungarn. Ausserdem ist es Weltkulturerbe und erstreckt sich bis in die Slowakei und die Ukraine. Teile dieser Länder waren nämlich mal ungarisch, wie hier jedes Kind weiß.
Als wir uns am Sonntag voneinander verabschieden mussten (die beiden waren noch bei mir in Nagykallo) waren wir uns einig: „So haben wir uns unseren Freiwilligendienst vorgestellt!“ Und damit meinen wir sonnige Tage mit netten Leuten, gutem Wein oder auch einem ausgiebigen Frühstück vor meiner Haustür.

       

Seit ca. einem Monat habe ich ausserdem einen neuen Aufgabenbereich erschlossen. Ich bin jetzt – Trommerwirbel – zertifizierte Jurorin bei Jugend debattiert international! Jugend debattiert international ist ein deutschsprachiger Debattierwettbewerb für Schüler in Polen, Tschechien, Estland, Lettland, Litauen, der Ukraine, Russland, Ungarn , der Slowakei, Slowenien, Belarus und Bulgarien. Er funktioniert quasi wie die deutsche Version (dazu habe ich leider keine persönlichen Erfahrungen), vier Debattanten, davon zwei Pro und zwei Contra, sitzen sich gegenüber und debattieren über eine vorher festgelegte Frage. In den Schulverbundsqualifikationen waren diese: Soll Schießen an ungarischen Schulen unterrichtet werden? und Soll die Benutzung von Handys an ungarischen Schulen verboten werden? Es gibt mehrere Runden, zuerst finden an den teilnehmenden Schulen Wettbewerbe statt, dann die bereits erwähnten Schulverbundsqualifikationen, bei denen die Schulsieger gegeneinander antreten, anschliessend Landesqualifikation und Halbfinale, die auf Landesebene stattfinden, und zu guter Letzt das internationale Finale, in dem dann die besten aus den teilnehmenden Ländern debattieren. Ganz schön anspruchsvoll!
Ein typischer Wettbewerbstag sieht dann ungefähr so aus:

  1. Alle kommen an, registrieren sich, schnacken ein bisschen.
  2. Dann folgt das Jurybriefing – hier werden noch mal der ganze Ablauf sowie die Streifragen gemeinsam durchgegangen; eine Jury besteht immer aus drei Juroren bzw. Jurorinnen und einem/einer Zeitnehmer*in.
  3. Die offizielle Eröffnung – Debattanten*innen und Juroren*innen stellen sich kurz vor.
  4. Dann geht’s ans Debattieren – jeder der Teilnehmer*innen hat zwei Minuten Redezeit, um den jeweiligen Standpunkt zu klären und schon auf die anderen einzugehen.
  5. 12 Minuten freie Aussprache! Hier werden Argumente ausgetauscht, ganz besonders wichtig ist, dass man seine*n Partner*in unterstützt und auf das Gesagte der anderen eingeht.
  6. Zum Schluss hat jeder eine weitere Minute Zeit für eine kurze Zusammenfassung der Debatte.
  7. Anschließend kommt die Jury ins Spiel – wir tauschen uns aus, bewerten, und teilen schließlich jedem mit, was er gut gemacht und was er noch verbessern kann.
  8. Nach einer kurzen Mittagspause wiederholt sich dieser Ablauf, diesmal zur anderen Streitfrage.

Schulverbundsrunden und Landesqualifikation haben wir nun schon hinter uns, Ende Mai folgen dann das Halb- und das Landesfinale. Bis jetzt bin ich sehr begeistert von diesem Wettbewerb und gespannt auf die nächsten Debatten.

Da ich vor zwei Monaten das letzte Mal gepostet habe, sind hier sicher viele große Lücken enthalten. Aber seid unbesorgt, mir geht es gut, ich blühe auf im warmen Wetter und schmelze auch ein wenig!

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Ein Kommentar zu Wir streiten nicht, wir debattieren

  1. GerdV. sagt:

    Wieder ein sehr schöner Beitrag, mit tollen Bildern.

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