Ein Huhn auf Reisen & mehr Kurioses

Ich mag meine Schule. Dauernd ist was los hier, in der Eingangshalle wird fleißig fürs Szalagavató geprobt, es gibt eine Morgenandacht, Schüler dekorieren für den Tag der offenen Tür, da werden Adventsgedichte vorgetragen und Vorstellungen von der Dramaklasse gehalten. Ich mag meine Schule so sehr, dass ich versuche, Sofía davon zu überzeugen, an meine Schule zu wechseln. Sofía will nicht.

Ich mag Nagykálló. Zugegeben, in Nagykálló ist nicht halb so viel los wie in meiner Schule, aber inzwischen ist mir dieser kleine Ort mit seinen gefährlichen Autofahrern und viel zu vielen Hunden ans Herz gewachsen. Was ich dagegen nicht mag, sind die Busse. Manchmal kommen sie so früh, dass ich mich frage, ob sie ausgefallen sind, manchmal kommen sie so spät, dass ich mich frage, ob ich vielleicht den eigentlichen Bus verpasst habe und das schon der nächste ist. Könnte ja sein.
(Aber den zweiten Teil von Karen & öffentliche Verkehrsmittel in fremden Ländern will ich euch lieber ersparen. Oder demnächst einen ganzen Post drüber schreiben. Wir werden es sehen.)

Nagykálló hat angeblich sogar einen Bahnhof. Wo der ist, weiß ich nicht, ob es sich lohnt, mit der Bahn nach Nyíregyháza zu fahren, bezweifle ich stark. Aber einmal – ein einziges Mal! – will ich es in den nächsten sieben Monaten schaffen, mit der Bahn von Nagykálló aus zu fahren. Denn (huch?) die Zeit ist mal wieder gerannt und ich bin schon ganze vier Monate hier am Rande der Welt, der sich gar nicht mal so weltrandlich anfühlt.

Wie gesagt, hier passieren allerlei kuriose Dinge. Zum Beispiel hatten wir Ende Dezember, bevor ich für die Ferien zu meiner Familie nach Deutschland gefahren bin, eine zweisprachige Weihnachtsfeier, und der gesamte zweisprachige Zweig konnte in den Genuss meiner Moderatorenfähigkeiten kommen.

Hier mein persönliches Highlight, der geschichtsträchtige Auftritt „meiner“ nullten Klasse in einer überarbeiteten Version von Rotkäppchen:

Mehr Kurioses: Busfahrten. (Ja, ich weiß, ich wiederhole mich.) Busfahrten sind etwas ganz Besonderes, vor allem für mich als überzeugte Fahrradfahrerin, die in der Heimat doch so gut wie nie den Elmshorner Nahverkehr in Anspruch nehmen musste. Manchmal kommt es beispielsweise vor, dass plötzlich ein Huhn mitfährt und dabei der Tüte seines Besitzers entflieht, was dann für eine sehr individuelle Geräuschkulisse sorgt. Zugegebenermaßen war das wahrscheinlich eine einmalige Angelegenheit, aber nichtsdestotrotz versetzte dieser kleine Zwischenfall Kari und mich doch in Erstaunen.

Tja, was soll ich sagen? Ich bin nicht mehr ganz so verwirrt wie in meinem letzten Blogpost, wahrscheinlich ein Grund, warum ich für diesen so lange gebraucht habe. Die Zeit seit dem Seminar ist seltsam schnell vergangen – gefühlt habe ich einmal geblinzelt, und zack! Hatte man sich gerade erst an den Weihnachtsmarkt gewöhnt, war er auch schon wieder weg und man selbst hatte zwei Mal Deutschland besucht und beim Zurückkommen eine seltsame Erleichterung gefühlt, wieder in die vertraute Routine zurückzukehren. Jetzt ist es Mitte Januar und das heißt so einiges. Nicht nur habe ich fast die Hälfte meines Freiwilligendienstes „geschafft“, für die meisten anderen Freiwilligen in Ungarn heißt „Mitte Januar“, dass es in sechs Wochen wieder nach Deutschland geht. Ein komisches Gefühl.

In der Zwischenzeit werde ich immer ungarischer. Letztens habe ich sogar Tejföl (saure Sahne) gekauft und bei dem Versuch, meine Päckchen in der Nagykállói Posta abzuliefern, ein ganzes Gespräch auf Ungarisch geführt. Außerdem esse ich fleißig Paprika und trinke ungarischen Wein, man muss sich ja zumindest ein bisschen an die kulturellen Gegebenheiten anpassen, nicht wahr?

Nachdem ihr so lange auf diesen Post warten musstet, würde mich mal interessieren, was euch eigentlich so an meinem Freiwilligendienst interessiert, denn mir gehen so langsam die Ideen aus und irgendwie bemerke ich wohl auch nicht mehr alles, was mir anfangs erzählenswert vorkam. Überraschung, der Alltag ist eingekehrt, sogar bei mir!

Erkenntnisse

  • Ich weiß immer noch absolut nicht, was ich nach diesem Jahr mit mir anfangen soll. Hallo, Halbzeit!
  • Auslandsüberweisungen muss man freischalten lassen und
  • man sollte die Telefonnummer seiner Großeltern eingespeichert haben. Immer.
  • Anscheinend ist die Strecke Nagykàllò-Nyìregyhàza weit genug für einen Reisebus.
  • Ich will einen ungarischen Volkstanzkurs machen! Ich meine: ungarischer Volkstanz!
  • Mit schon 2-3 Sätzen Ungarisch kann man so manche Person schwer beeindrucken. Itt van.

Boldog ùj èvet, liebe Leute!

Helena, Vicky und Kossuth in Nyìregyhàza

Silvester in Budapest

 

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5 Kommentare zu Ein Huhn auf Reisen & mehr Kurioses

  1. GerdV. sagt:

    Jetzt endlich, nach Lesen des aktuellsten Beitrags, will ich diesen super unterhaltsamen Beitrag kommentieren.
    Das Theaterstück – super! Allein dieser herrliche osteuropäische Akzent deiner Schüler!
    Und das Huhn – köstlich 😂
    Übrigens gibt es von Nagiakallo Hbf sogar eine regelmäßige Verbindung nach Nyireghaza!
    Ein paar mal am Tag, abends nicht.
    Laut Google Maps ca. 20′ zu Fuß vom Ortskern Nagiakallos entfernt.

  2. Szia Karen 🙂
    Ganz zufällig bin ich heute auf deinen Blog gestoßen, das hast du echt schön geschrieben! Ich war letztes Jahr Freiwillige in Ungarn und kann mich tatsächlich in vielen von dem, was du berichtest wiederfinden – sowohl bei den positiven als auch nicht ganz so positiven Situationen und Gedanken. Da kommen gleich wieder „Heimat“gefühle auf 🙂 Genieß noch deine Zeit dort und iss ein Túró Rudi für mich mit! Liebe Grüße, Milena

  3. Claudia sagt:

    Moin,

    so kann ein lebenswerter Tag beginnen – mit einem Blogeintrag von Karen 😎

    Schönes Silvesterfoto – was habt ihr gemacht?
    Vorschlag für den nächsten Blog: Beschreibe mal eine Stunde mit der Nullten / Ablauf einer deiner Schulstunden; machst du mit den Schülern?

    Weiterhin viel Erlebnisse, Spass und Freude in der Ferne!
    LG

  4. Kari Lenke sagt:

    Also ich finde, auch wenn du dich wiederholen solltest, die Huhn-Geschichte war es definitiv wert

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