Gedanken aus einem (hoffentlich) vorübergehenden Zustand

Liebe Freunde, liebe Familie, liebe Freiwillige. Ich muss es jetzt mal sagen, ganz direkt und ohne Umschweife: ich bin verdammt verwirrt.

Heute kam mein Adventspaket an. Völlig unerwartet. Hatte man ja vergessen bei der verrückten Woche, die hinter einem lag. Und obwohl es bereits seit ein paar Wochen Glühwein gibt in jeder erwähnenswerten Bar meines Zufallszuhauses und es durchaus akzeptiert ist inzwischen, von dünnen Handschuhen auf Fäustlinge umzusteigen, hat mich das doch etwas kalt erwischt. Kann das sein? Kann schon wieder Adventszeit sein? Kam ich nicht gestern noch aus meiner Englischabiklausur, voller Vorfreude auf die versprochene Freiheit und ohne die leiseste Ahnung, dass ich genau sieben Monate später irgendwo in Nordostungarn versuchen würde, ein geregeltes Leben zu führen?
Wenn man erst mal anfängt, sich solche Fragen zu stellen, zieht das irgendwie immer mehr Fragen nach sich. Macht der Adventskalendar über meinem Bett das hier jetzt zu meinem Zuhause? Sollte ich mir solche Fragen überhaupt stellen? Bin ich nicht schon lange angekommen? Woran merkt man, dass man angekommen ist?

Vielleicht daran, dass ich diesen Post schon vor zwei Wochen angefangen habe? Um mich noch mal zu melden, bevor ich für eine Weile vom Radar verschwinde. Offensichtlich ist das dann nichts geworden, weil – ich verplant bin? Plötzlich oder auch nicht so plötzlich ein Sozialleben habe? Das Internet weg war? Sucht euch was aus.
Oder merkt man es eher daran, dass ich jetzt den Buchstaben ä auf der Schultastatur finde? Manchmal den Preis verstehe? Mich nicht mehr wirklich darüber wundere, wenn mein Kühlschrank mein Gemüse einfriert?
In manchen Momenten fühle ich mich wirklich angekommen. In anderen überhaupt nicht. Einiges, was mir hier so im Alltag begegnet, wirft Fragen auf, und manchmal fange ich an, zu begreifen, dass alles, was ich bis jetzt dachte, verstanden zu haben, doch bloß ein Kratzen an der Oberfläche war.

Vielleicht schreibe ich in ein paar Monaten ja tatsächlich einen Post, der mehr Aussagesätze als Fragen enthält und womöglich sogar einige beantwortet. Für den Moment müsst ihr euch hiermit zufrieden geben, denn den Zustand konstanter Verwirrung habe ich noch nicht ganz ablegen können.

Ich fühle mich wohl und ein bisschen schuldig, weil es nämlich überwiegend an den Menschen in meiner näheren Umgebung liegt, dass ich mich hier wohl fühle. Schuldig, weil es irgendwie immer etwas negativ klingt, wenn ich anfange, über Ungarn und meinen Ort zu sprechen, obwohl ich das nicht will, denn – ich habe es bereits erwähnt – es geht mir gut hier und ich fühle mich wohl. Wer bin ich überhaupt, dass ich mir anmaßen könnte, ein Bild von „der ungarischen Gesellschaft“ zeichnen zu wollen? Das kann ich nicht und will ich nicht, das gehört zu der langen Liste von Dingen, für die ich mich nicht qualifiziert fühle, und trotzdem ertappe ich mich dabei, wie meine Aussagen und Gedanken viel zu oft genau das versuchen und dann eben etwas vermeintlich Negatives dabei herauskommt.
Schuldig fühle ich mich auch deshalb, weil ich fast drei Monate hier bin und immer noch nicht herausgefunden habe, was von „hier“ wirklich Ungarn und was meine deutsche Blase ist. Schon wieder so ein pseudoerklärerischer Satz, ihr merkt’s. Ich bin verwirrt, sehr sogar. Ob das Verwirrtsein nur ein vorrübergehender Zustand oder gar Teil meines Charakters geworden ist, auch das kann ich nicht beantworten.

Was ist sonst noch so passiert?

Naja, zum Beispiel das Zwischenseminar und die vielen wunderlichen Dinge davor, danach, dazwischen. Da gehört zum Beispiel dazu, in der Business Class 7 Stunden nach Krakau zu fahren – für einen Tag. Wie es dazu kam? Wir haben Wein getrunken. Und da hört die Story auch eigentlich schon auf. (Danke, Vicky! Und Simone, die auf unseren Spontanzug aufsprang und aus Warschau dazu kam.)

Erwähnenswertes:

  • Es ist kalt. Sehr kalt. „Ich-packe-meine-Finnlandfäustlinge-aus“-kalt.
  • kulturweit-Freiwillige sind überall. Sogar an Orten, wo man sie nicht erwartet (wie Timişoara).
  • Der Kapitalismus macht nicht vor Krakau halt.
  • In manchen Freiwilligen steckt mehr, als man denkt. (z.B. eine Person, die Eier wirft. Oder auch nicht.)
  • Es hatte sich schon angekündigt, aber meine Kopfhörer haben den Geist aufgegeben. Keine Ahnung, wie ich von jetzt an lange Bus-/Bahnfahrten überstehen soll.

Erfolgserlebnisse:

  • Weinflasche ganz offiziell mit Korkenzieher geöffnet. Vier Mal.
  • Auf den Stadtturm Krakaus geklettert und tatsächlich wieder runtergekommen.
  • Mit der nullten Klasse ein Spiel gespielt und es hat funktioniert.
  • Meine Vorraussage, krank zu werden, hat sich nach etwas über zwei Monaten immer noch nicht erfüllt – Wollsocken und Erkältungsbäder machen’s möglich.

Offene Fragen:

  • Gibt es Fahhrräder mit drei Sitzen und heißen die dann Tridem?
  • Warum sind wir eigentlich so fertig?

Entschuldigung, dass es so lange gedauert hat mit diesem Post. Aber meine Meldungen sollen schließlich was Besonderes bleiben, auf das ihr euch freuen könnt, nicht wahr?

Krakau

Krakau von oben

Karen im Kopf

„Was seid ihr alle für fertige Leute?“

Timisoara (man beachte die Stromkabel)

Kathedrale von Timisoara, tatsächlich erst 1936 gebaut??

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3 Kommentare zu Gedanken aus einem (hoffentlich) vorübergehenden Zustand

  1. Mango sagt:

    Viele liebe Weihnachtsgrüße in die Ferne! Wir denken an dich. Das Reisegen hast du definitiv von mir 🙂

  2. Gerd sagt:

    Wieder kurzweilig, informativ und spannend geschrieben!
    Ich fiebere deinen Beiträgen immer wieder entgegen.
    Viel Spaß noch!
    Bis demnächst im Schmuddelwetternorden…..

  3. Claudia sagt:

    Was, Kreta liegt schon 7 Monate zurück????
    Ist dir klar, wo du in den letzten 7 Monaten überall warst und was du alles erlebt hast? Wenn das so weitergeht…. da wird einem ja regelrecht schwindlig 🎢

    Dein Zuhause ist immer dort, wo du bist und wo du lebst, der Adventskalender hilft nur ein bisschen, sich daran zu gewöhnen – Freu dich auf die nächsten 24 Tage, die dein jetziges Zuhause deiner Heimat etwas näher bringen werden (zumindest gedanklich) und die dich etwas Vertrautes fühlen lassen. Dies wird bestimmt auch für Gesprächsinhalte (Wie ist bei euch die Adventszeit? – Hast du auch liebgewonnene Rituale? Was bedeutet Weihnachten für dich / in deiner Kultur. …………) im Austausch mit Schülern, Lehrern, Austauschschülern herhalten müssen – und wenn nicht, ist das auch gut.
    Genieße die Tage – es ist Plätzchen, Punsch und Kerzenzeit🤗

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