Eine Woche pures Glück

Entschuldigung für den – mal wieder – viel zu langen Text.

Die letzte Woche war verrückt. Wenn ich daran zurückdenke, dass ich am Wochenende noch riesige Angst davor hatte, wie ich diese Tage füllen und vor allem, wie ich meinen Geburtstag verbringen sollte, könnte ich lachen. Okay, ihr habt mich ertappt, ich habe wahrscheinlich sogar wirklich gelacht. Denn seit ich hier angekommen bin, hatte ich keine so beschäftigte Woche wie die letzte – nicht einmal, als wir für den Tag der Deutschen Einheit nach Budapest gefahren sind.

Beim Durchblättern meines Tagebuchs fällt mir auf, dass die Einträge meist etwa so aussahen:
Ich bin wirklich froh, hier zu sein – aber ich fühle mich oft alleine. Ich bin wirklich froh, hier zu sein – aber irgendwie vermisse ich meine Freunde. Ich bin wirklich froh, hier zu sein und nicht woanders, aber ich beneide die anderen Freiwilligen, weil sie sich so oft treffen. Ich wüsste nicht, wo ich sonst sein sollte und ich will auch gar nicht woanders sein, aber ich weiß nicht so recht, was ich mit mir anfangen soll.
Natürlich geht und ging es mir hier nie wirklich schlecht, aber ich will nicht den Eindruck erwecken, alles liefe wie am Schnürchen für mich, denn wie jeder andere auch habe ich Startschwierigkeiten und bin manchmal nicht 100% glücklich, ohne dass es dafür einen konkreten Grund geben würde. Das gehört eben dazu, wenn man in ein anderes Land geht, ohne Sprachvorkenntnisse, ohne zu wissen, was mich erwartet – und dann auch noch alleine. Das alles gehört nicht nur dazu, es war auch Teil meiner Motivation, mich bei kulturweit zu bewerben. Ich wollte rauskommen aus meinem kleinen, voraussehbaren Leben da oben in Norddeutschland, Grenzen austesten, an mir selbst wachsen, mal was anderes machen als „immer nur lernen“ und ich will über diese Erfahrungen so offen und ehrlich wie möglich berichten. Natürlich gibt es Startschwierigkeiten – und natürlich kommt jede Woche, wenn nicht sogar jeden Tag, irgendetwas dazu, was diese Startschwierigkeiten abbaut. Das fängt damit an, jeden Morgen ein Lächeln von der Pförtnerin zu bekommen und in der Schule nicht nur immer mehr Gesichter zu erkennen, sondern auch immer öfter sofort einen Namen dazu im Kopf zu haben und geht weiter mit all den kleinen Gesten und Überraschungen, die mich öfter mal erwarten, sei das ein unerwartetes Lebenszeichen in Form einer WhatsApp-Nachricht oder eines Briefes auf meinem Schreibtisch im Lehrerzimmer oder einfach das Gefühl, dass sich um mich gekümmert wird. Nicht mehr jedes Mal nachschauen müssen, wann mein Bus fährt gehört dazu und mit der nullten Klasse Vokabeln auszutauschen und mit einigen Schülern schon so etwas wie Vertrautheit in unseren Einzelgesprächen erreicht zu haben, Tagebuchschreiben während langer Zugfahrten und manchmal ein gewisses Zuhausegefühl hier in meiner Küche mit einem Pott Gute-Freundin-Tee (liebe Lilly, falls du das liest, er erhellt mir so manchen Abend) und nicht zuletzt meine wachsende Liste potenzieller Freunde und die Wiedersehensfreude, immer wieder, mit meiner kulturweit-Familie.

Doch, in der letzten Woche hat sich viel verändert – oder sind mir meine Glücksmomente einfach nur bewusster geworden?

Am Montag konnte ich endlich die AFS-Austauschschüler kennenlernen, die in Nyiregyhaza sind, etwas, das ich schon wollte, seit mir Anja am Bahnhof erzählte, dass es hier jedes Jahr ein paar Austauschschüler geben würde. Die ganze Sache zog sich ein bisschen hin, erst habe ich es nicht geschafft, irgendwie Kontakt aufzunehmen, als ich den Kontakt endlich hatte, hatte ich bei den Treffen von AFS leider keine Zeit (weil ich so verdammt viel zu tun habe in meiner Freizeit, ihr kennt das Problem) und so weiter. Aber letztendlich habe ich es geschafft und darüber bin ich verdammt froh, denn an meiner Meinung von vor vier Jahren, dass Austauschschüler „so ziemlich die coolsten Menschen der Welt“ wären, hat sich inzwischen nicht viel geändert. Es ist so einfach, ins Gespräch zu kommen und Gemeinsamkeiten zu finden, wenn man irgendwie gerade dasselbe erlebt oder erlebt hat. Mir wurde direkt angeboten, an meinem Geburtstag etwas zu unternehmen, denn niemand sollte seinen Geburtstag alleine verbringen müssen, was meinen 20., kombiniert mit der Tatsache, dass mir zu meiner Überraschung von der ganzen Schule in der großen Pause gesungen und von Anja ein Kuchen gebacken wurde (sogar ein Geschenk habe ich von den Deutschlehrern bekommen!), zu einem wirklich schönen Erlebnis gemacht hat.

Am Wochenende habe ich dann noch meine Mitfreiwillige Kari in Ùjhartyàn, einem Dorf bei Budapest, besucht. Freitagabend kam außerdem Lukas vorbei und am Samstag sind wir nach Budapest gefahren, wo wir erst Helena getroffen haben, die spontan für den Tag da war, und später Annika samt Freund. Sonntag war in Ùjhartyàn Kirmes anlässlich des Kirchweihfests (der Großteil der Bevölkerung ist katholisch), die wir aber aufgrund des schlechten Wetters nicht so sehr genießen konnten wie sonst. Da am 23. Oktober hier Nationalfeiertag war, hatten wir außerdem den Montag frei, und in Karis Dorf wird dieser Tag anscheinend richtig zelebriert, jedenfalls war sie wohl Freitag schon bei einem offiziellen Festakt mit Kranzniederlegung und allem drum und dran. Auch wir hatten in der Schule zwar eine kurze Veranstaltung, wo noch mal der Ablauf der Revolution 1956 dargestellt wurde (glaube ich zumindest, schließlich sind meine Ungarischkenntnisse immer noch beschränkt – obwohl sich mein Wortschatz inzwischen von fünf auf sicher zehn Wörter erweitert hat), aber ansonsten habe ich von diesem Tag gar nicht so viel mitbekommen. Nur die Ungarnflaggen, die an jeder Laterne hängen, finde ich persönlich etwas befremdlich. Und in Budapest gibt es am 23. Oktober anscheinend immer Demonstrationen, bei denen vor ein paar Jahren sogar ein Panzer von den Demonstranten gestohlen wurde.


     

Ja, es läuft wirklich gut im Moment. Am Freitag ist schon der letzte Schultag und dann haben wir eine Woche Schulferien, in denen Helena und ich nach Prag fahren (wir haben es sehr pünktlich geschafft, mal unsere Busse zu buchen) und ich Freunde in Köln besuche. Es kommt mir vor, als wäre ich schon wesentlich länger als einen Monat hier, und trotzdem erschreckt es mich, wenn ich daran denke, dass wir schon fast November haben. November, das heißt Zwischenseminar und Zwischenseminar heißt fast Dezember. Huch.

Was ich mich sonst noch so frage:
Kann es sein, dass so ziemlich jede ungarische Stadt einen Hősök tere (Heldenplatz) hat?
Warum gibt es keine Mehrfachpacks Tùro Rùdi mit gemischten Sorten?
Wer denkt sich all diese Alternativmethoden aus, um Weinflaschen ohne Korkenzieher zu öffnen, die am Ende nicht funktionieren?
Schickt mir bitte jemand einen Toaster? (und wenn wir schon dabei sind auch einen Staubsauger?)
Warum bleiben von Sprachen, die man gar nicht wirklich kann, immer genug Brocken hängen, um mich zu verwirren?

Und bevor ich es vergesse: es fängt an. Heute, als ich im eisigen Wind nach meinem Ungarischkurs in Nyìregyhàza zum Bus hetzte, traf ich plötzlich Leute an der Ampel, die ich kannte (ein paar Freiwillige aus Spanien und der Türkei, die Freitag an meiner Schule einen Vortrag hielten). Ich sag’s euch, Leute, bevor ihr Nyìregyhàza aussprechen könnt, kenne ich hier genauso viele Menschen wie in Elmshorn 🙂

Jò èjszakàt,
eure (sprachlich schon fast angepasste) Karen

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3 Kommentare zu Eine Woche pures Glück

  1. Gerd sagt:

    Übrigens passend zum ungarischen Nationalfeiertag habe ich noch ein „Schätzchen“ aus der DEFA-Filmkiste gezogen:
    „Die Sterne von Eger“
    https://de.wikipedia.org/wiki/Egri_csillagok
    (Der Roman)
    http://www.defa.de/DesktopDefault.aspx?TabID=412&FilmID=Q6UJ9A0038M7
    (Der Film dazu.)
    Ein toller Film über den Kampf der Ungarn gegen die türkischen Besatzer.
    Spannend, gut gemacht!

  2. Anton sagt:

    Es freut mich eine solche Überschrift zu lesen.
    Kompliment übrigens für deinen Schreibstil, den finde ich unterhaltsam und angenehm zu lesen.
    Ich wünsche dir viel Spaß in deinen Ferien 😉

    MfG – Anton

  3. Gerd sagt:

    Super!
    Ich freue mich, wenn es so gut für dich weiterläuft!
    Viel Spaß beim Touren in den ungarischen Herbstferien.

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