Was mache ich überhaupt? (außerdem: Budapest I)

Willkommen zurück im (zeitverschobenen) zweiten Teil meiner Erzählung!

Zuerst will ich mich entschuldigen, dass das Update doch erst jetzt und nicht schon, wie halbwegs versprochen, Montagnachmittag erscheint. Tja, was soll ich sagen, Deadlines einhalten ist anscheinend immer noch nicht wirklich meine Sache, selbst wenn ich sie mir selbst setze. Dafür heute mit Fotos! Juhu!

„Was machst du überhaupt den ganzen Tag?“ – Diese Frage habe ich nicht nur in den letzten zwei Wochen, sondern eigentlich schon, seitdem ich Anfang Juni das Angebot angenommen habe, ein Jahr hier, in Nagykàllò, irgendwo in der ungarischen Provinz (oder, wie mir von einer der Lehrerinnen beschrieben wurde: „am Rande der Welt“. Ich schwöre, es ist nicht so schlimm!), als FSJ’lerin am Korányi Frigyes Gimnázium zu verbringen. So ganz genau kann ich diese Frage immer noch nicht beantworten, also stelle ich euch vielleicht ein bisschen meine neue Umgebung vor. Nagykàllò ist eigentlich eine 10.000-Einwohner Stadt, sieht aber eher nach einem Dorf aus. Ca. 13km entfernt liegt Nyìregyhàza, eine größere Stadt mit ca. 120.000 Einwohnern, die mit dem Bus sehr schnell (und günstig) zu erreichen ist (allerdings nicht mit dem Fahrrad, wie ich anfangs gehofft hatte, da es keinen Radweg dorthin gibt und mir der Fahrstil der meisten Ungarn doch recht gefährlich vorkommt). Bei mir im Ort gibt es ein paar kleinere Geschäfte sowie Supermärkte, erstaunlich viele Kirchen, nahebei ein Naturschutzgebiet, das ganz schön ist, und eben das Gymnasium. Besonders an „meiner“ Schule ist, dass sie einen zweisprachigen Zweig hat, also dass eine Klasse pro Jahrgang bis auf Ungarisch komplett auf Deutsch unterrichtet wird. Ich bin überwiegend in den Deutschklassen im Sprachunterricht dabei und gehe dann mit einem oder mehreren Schülern in einen Extraraum, um mit ihnen Konversation auf Deutsch zu üben, da sie im Laufe ihrer Oberstufenzeit mehrere Sprachprüfungen mit mündlicher Prüfung ablegen, z.B. das ÖSD (Österreichisches Sprachdiplom) oder das DSD II. Aufgrund des zweisprachigen Zweigs gibt es eine sogenannte „nullte“ Klasse, in der die Schüler der Deutschklasse ein Jahr lang fast nur Deutschunterricht haben, bevor sie mit der „richtigen“ Oberstufe anfangen. Aus diesem Grund können viele der Schüler auch beeindruckend gut Deutsch sprechen, allerdings ist das definitiv nicht bei allen der Fall.

       

Was habe ich hier bis jetzt gefunden?
– Vor allem sehr, sehr nette und hilfsbereite Lehrer*innen, die sich ganz wunderbar um mich kümmern, egal, ob es jetzt darum geht, mir beim Organisieren eines Sprachkurses oder der Reparatur meines Laptops zu helfen, ein Fahrrad zu leihen, die Gegend zu zeigen oder sich einfach nur zu erkundigen, wie es mir geht, ob in der Wohnung alles okay ist, etc. Habe ich schon erwähnt, dass ich quasi in der Schule wohne? Und noch an meinem letzten eigenen Schultag dachte ich, mein Schulweg könne nicht noch kürzer werden…

In meiner Freizeit ging es die letzten zwei Wochen eher entspannt zu. Gelegentlich habe ich mit dem Fahrrad die Gegend erkundet – mal alleine, mal in Begleitung einer Lehrerin -, gelesen, über mein Ungarischlehrbuch geflucht (wir führen eine komplizierte Beziehung) und mich um meinen Haushalt gekümmert (klingt schräg, aber ich glaube, ich entwickele hier tatsächlich eine Leidenschaft fürs Putzen. Mal schauen, wie lange das anhält.). Besonders froh bin ich darüber, endlich endlich eine eigene Küche zu haben – auch wenn diese erst nach meinen Vorstellungen ergänzt werden muss. Inzwischen fühle ich mich ganz wohl damit, alleine zu leben – aber natürlich möchte ich noch keine voreiligen Aussagen treffen, zwei Wochen sind immerhin keine wirklich lange Zeit! Achja, und seit Dienstagabend habe ich auch ein festeres Hobby als Radfahren und Haushaltsarbeit: die deutsche Lehrerin und ihr Mann haben es irgendwie geschafft, den Kontakt zum Handballteam des Nachbarortes herzustellen. Und so war ich nach etwas über einem Jahr Pause endlich mal wieder auf dem Feld. Außerdem kann ich bald hoffentlich mit einem Ungarischkurs anfangen, was ich auch dringend nötig habe – mein Wortschatz beschränkt sich immer noch auf gefühlte fünf Wörter. Das liegt nicht *Arroganzmodus an* an meinem mangelnden Sprachtalent, sondern eher daran, dass ich in der Schule fast ausschließlich Deutsch spreche und somit eigentlich kein Ungarisch brauche. Nur in Geschäften oder im Bus merke ich, dass es nicht schaden könnte, ein bisschen mehr als Szia, köszönöm und egy sagen zu können. Die Leute hier halten mich alle sicher für den unfreundlichsten Menschen der Welt, weil ich immer nur nicke und Szia sage. Achja, ein Grund für meine spärlichen Sprachkenntnisse ist auch mein Ungarischlehrbuch, das ich hochmotiviert nach dem Abistreich bestellt hatte. Um es kurz zu fassen: Wir sind in den drei Monaten, die wir jetzt zusammen verbracht haben, keine Freunde geworden. *Arroganzmodus aus*

So, kommen wir zum versprochenen Bericht über das letzte Wochenende! Ich hatte nämlich – relativ spontan – das Glück, meine Mitfreiwillige Annika und somit Budapest besuchen zu können. Als ich also Freitag nach der Schule sowieso schon von einem Ohr zum anderen grinsend im Bus saß, bekam ich plötzlich eine Nachricht von der Freiwilligen aus Eger, dass sie auch gerade spontan entschieden habe, Budapest zu besuchen. Mein Grinsen hat mich nicht nur wahrscheinlich den ganzen Tag nicht mehr verlassen, denn ab da wurde alles immer noch besser. Erst einmal das Wiedersehen mit Annika und Sophie, zwei der Budapester Freiwilligen, die mich am Bahnhof abholten, und ein paar Minuten später dann noch mit den anderen zwei Budapestern und Helena aus Eger. Ich hätte nicht nur, sondern habe wahrscheinlich sogar Luftsprünge gemacht – erstaunlich, wenn man bedenkt, dass wir uns eigentlich alle erst etwas mehr als eine Woche kennen. Trotzdem fühlte es sich an, als würde man alte Freunde wiedertreffen, und in den nächsten Tagen aßen wir den ersten ungarischen Làngos, besuchten zwei der sog. Ruinpubs (wobei wir am Samstag das Glück hatten, drei (!!!) Livebands* in einem einzigen Pub zu sehen), gingen Essen (mehrmals) und genossen die Zeit gemeinsam. Annika und ich gönnten uns außerdem für 400 Forint den Eintritt auf die Fischerbastei, von der man einen wundervollen Ausblick über Budapest hat. Als es am Sonntag für mich wieder zurück in die Provinz ging, war ich erfüllt von vielen tollen Eindrücken. Ich freue mich auf jeden Fall schon darauf, am 3.10. zum Empfang der Deutschen Botschaft zu fahren, Budapest weiter kennen zu lernen und natürlich die anderen Freiwilligen wiederzusehen. (Außerdem bekomme ich Besuch von einem der Cousins! Yayayay!)

                  

Huch, und schon bin ich bei über 1000 Wörtern und den schlechten Franz-Ferdinand-Remixen angelangt. Abschließend kann ich sagen, dass ich zwar noch nicht lange hier bin und mich auch nicht auf den ersten Blick in Ungarn verliebt habe, aber wirklich froh bin, in diesem Land gelandet zu sein und die Chance zu haben, eine Gesellschaft näher kennenzulernen, an der ich wohl sonst immer irgendwie vorbeigefahren wäre. Ohne gewagte Prognosen treffen zu wollen: ich denke, Ungarn und ich werden ganz gut miteinander auskommen.

Mit provinziellen Grüßen,

Karen

*Ich habe diesen Blogpost bereits Mittwochabend geschrieben, hatte aber leider Probleme damit, die Fotos hochzuladen. Läuft schon mal gut bei mir.

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2 Kommentare zu Was mache ich überhaupt? (außerdem: Budapest I)

  1. Olaf sagt:

    Hallo Karen,
    Nachdem ich nun Nadias Blog nicht mehr lesen kann (brauche oder muss) habe ich nun viel Zeit für Deinen. Also schreibe! Alles Gute da hinten… Olaf

  2. Gerd sagt:

    Super Blog!
    Sehr informativ und unterhaltsam.

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