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Sofia, du hast so viele Gesichter…

Sofia, eine Stadt wie keine andere… Nach diesem Satz sind die Erwartungen normalerweise hoch. Ich aber wusste von Sofia nichts und hatte eigentlich gar nicht geplant mein verlängertes Wochenende dort zu verbringen. Bis zu dem Punkt als meine Pläne für meine Fahrt nach Montenegro platzten, weil meine mitreisende leider nicht konnte. Alleine Reisen wollte ich nicht weshalb ich mich zurücklehnte und erst mal treiben ließ und überlegte was als Plan B infrage käme. Plan B meldete sich vollkommen selbstständig und ohne Vorwarnung in der Erscheinung von Olivera (Ich hatte sie bei meiner ersten Reise in Belgrad kennengelernt), sie erinnerte sich das ich in Nis wohnte und wollte gerne eine Nacht bei mir übernachten um am nächsten Morgen einen frühen Bus zu nehmen. Bei mir machte es „Bling“ und ich schrieb ihr dass ich mich ihrer Reise gerne anschließen möchte. Zwei Tage später saßen wir um 4 Uhr morgens im Bus in Richtung der Grenze Bulgariens. Nach 4 Stunden waren wir endlich da. Ich wusste das es Sonntag war, aber in dieser Großstadt herrschte eine Grabesstille. Die Straßen in Sofia sind riesig und emens Breit und weit und breit war kein Auto zu sehen, außer ein paar Taxis. Ebenfalls herrschte eine Stunde Zeitverschiebung, also war es schon 9:00 Uhr. Ich nahm erschöpft meine 5kg schwere Tasche (weil ich immer noch keinen Rucksack hatte) und folgte Olivera zu ihrem Hostel, welches sie meinte „ganz in der Nähe“ liegt.  Dieses ganz in der Nähe waren 1,5km und 30min. zu Fuß durch die Stadt. Als wir ankamen, heulte mein Rücken wie am Spieß, aber ich war selbst schuld. Dann kam auf uns ein weiteres Problem zu. Mein Hostel lag 2 weitere Kilometer von ihrem, da ihres schon vollkommen ausgebucht war, hatte ich in Eile ein weiteres mit eine guten Rezension gesucht und gefunden, leider etwas weiter weg… Ich entschied mich ein Taxi zu nehmen (was sehr kostengünstig ist) und kam endlich da an wo meine Sachen hingehörten. 

Wie ihr euch vorstellen könnt war gemeinsame Zeitverbringen und treffen mit Olivera etwas erschwert, da ich, sobald ich das Hostel verließ, kein Internet (und auch kein Roaming ihr Scherzkekse) hatte um irgendjemanden zu kontaktieren. Den ersten Tag gesellten wir uns zu einer FreeTour in Sofia an, die sehr informativ und spannend war. Unser Guide hieß Martin und sprach mit einem starken Bulgarischen Akzent (rollte das Rrrrrrrrr) und nach jedem zweiten Satz sagte er: „….Guys,…….so guys….“ Was ihn sehr sympathisch machte. Nach drei Stunden kostenloser Tour wusste ich eins, Sofia war eine Puzzle-Stadt. Auf einem großen Platz gab es nicht nur eine Synagoge, Moschee und Kirche, nein, auch Ausgrabungen aus dem alten römischen Reich auf dem die jetzige Stadt steht, Kommunistische Gebäude die eher an Moskau erinnern und viele Gebäude die eher  Wien in den Sinn kommen lassen. Ebenfalls musste ich feststellen dass die Bulgaren einen sehr interessanten ironischen Sinn für Humor haben. Zum Beispiel, stand auf dem Haupt Platz einer Griechischen Statue namens „Sofia“, Politiker ließen diese teure Statue in der Überzeugung aufstellen, dass diese Göttin der Stadt ihren Namen gegeben hatte. Historiker jaulten erschöpft auf und fassten sich schüttelnd an den Kopf über so ein Unwissen, da die Stadt nach einer Kirche benannt wurde. Es gab einen Skandal, die Skulptur aber blieb. Hinzu kommt das auf dem Wappen der Stadt, im rechten Kasten unten links, ein Mann zu sehen ist der Duscht oder ein Bad nimmt. Die Stadt steht nämlich auf einer heißen Quelle von Mineralwasser, doch in der ganzen Stadt gibt es keine einzige „Banja“. Martin rollte da nur mit den Augen als er uns das erzählte. Als Highlight nenne ich gerne die Kirche „Sweta Sofia“. Eines schönen Tages kam die Stadt zu dem Schluss, dass die alte Kirche aus dem 6. Jahrhundert dringend eine Glocke bräuchte, wie jede andere normale und anständige Kirche auch. Leider gab es keinen Platz für eine Glocke in der Kirche. Was macht man in solch einem Fall? Genau, man hängt die Glocke in einen Kastanienbaum der gegenüber von der Kirche steht auf! Ist das nicht eine Geniale Idee???

Leider ist es so dass man die „echte“ Sophienkirche ständig mit der Alexander-Newskii-Kathedrale verwechselt obwohl sie sich definitiv unterscheiden, von der Größe und vom Stil! Aber als normaler Tourist läuft man an der kleinen, alten Sophienkirche vorbei und geht zu der Pompösen und großen Orthodoxen Kirche die auch eines der Wahrzeichen von Sofia geworden ist, obwohl sie nach einem russischen heiligen benannt wurde. Was mir auch nicht ganz klar geworden ist, ist das Verhältnis von Bulgaren zu Russen. Da das Bulgarische dem Russischen nicht unähnlich ist, habe ich versucht mich eher mit dem russischen, statt dem englischen Verständlich zu machen. Es gab Leute die waren wohlauf begeistert nicht Englisch sprechen zu müssen, andere dagegen tief beleidigt und wieder weitere haben sich blöd gestellt (wobei ich zu meinem Erstaunen verstanden habe, was sie sagten, Schimpfwörter haben eben ihren gemeinsamen Ursprung). 

Was mir aber nach und nach immer deutlicher geworden ist, ich bin wieder in Europa. Ich hätte nicht gedacht das dieser Unterschied so stark spürbar sein wird, da Serbien und Bulgarien Nachbarländer sind. Und ich persönlich war mir nicht sicher ob ich darüber froh war oder nicht. Die Stadt war sauber, glänzte von allen Seiten, es war ruhig aber irgendwie gefühlslos… Ich weiß nicht wie ich das beschreiben soll, Sofia ist eine Bildhübsche Stadt, aber mehr war da nicht. Nach dem nächtlichen Belgrad, den Menschen, Kaffees und Lautstärke, war Sofia im Vergleich dazu irgendwie zu ruhig. Nach 12:00 Uhr war Schluss! Nur die Hauptstraße war gefüllt mit Menschen, in den danebenliegenden Gassen, war Totenstille. Tagsüber dagegen entschloss ich mich mal auf die Suche nach günstiger Kleidung zu machen, die mir hier sehr empfohlen wurde. Ich geriet auf den „Frauenbasar“ wo es alles gab was das Herz so begehrt, vor allem aber Leckereien. Nach zwei Stunden war ich um 1kg Honig, 200g Lokum, 2 Packungen türkischen Schwarztee und 400g trocken Früchten reicher. Aus Kleidung wurde nichts.

Nach dem ersten Tag wurde Olivera in ihrem „Hostel Mostel“ ein Tagesausflug in ein Kloster angeboten. Sie fragte mich ob ich mitwolle, aber ich wollte nicht nochmal 4 Stunden im Bus verbringen, hinzu kam das wir nur noch einen Tag von 3 in Sofia zu verbringen hatten. Ich beruhigte sie, dass ich auch alleine zurechtkomme und sie fuhr beseligt weg. Ich dagegen saß am Morgen mit einer sehr depressiven Stimmung in meinem „Coffetto Moretto“ (ich hatte noch nicht mal Gefrühstückt und das ist heilig). Ich erarbeitete mir schon einen Kuriosen Plan als Plötzlich die Tür aufging und eine junge Frau mit einem riesen Rucksack das Hostel betrat. Nach 5 Minuten stellte sich heraus, dass sie Lea heißt, 28 ist und aus Karlsruhe kommt. Es war das erste Mal seit 3 Monaten, dass ich mich so sehr über eine Deutsche freute. Die nächsten 8 Stunden zeigte ich ihr die Stadt und unterhielt mich ohne Punkt und Komma. Kennt ihr das, wenn ihr plötzlich wisst, diese Person versteht euch und ihr könnt eine völlig offene Konversation führen und das auch noch in eurer Muttersprache. Erst dann ist mir aufgefallen, wie aussagekräftig doch die eigene Sprache sein kann. Nach drei Monaten Englisch und B1 Niveau Deutsch, war das was mir sehr gefehlt hat. Der Tag war so was von gerettet.

Irgendwann kommt dann immer die Frage: „Wie alt bist du eigentlich?“ Häufig kommt es zu Verknotungen im Gehirn meines Gegenübers, da ich schon von Arbeitserfahrungen erzähle aber noch nicht studiert habe.  In Indien gelebt habe, dort aber zur Schule gegangen bin und  derzeit in Serbien als freiwillige Wohne. Hinzu kommt dann immer noch der Gesamteindruck, die Körpergröße und der Kurzhaarschnitt. Auf meine Frage was die meisten Schätzen, gehöre ich zu der Altersgruppe zwischen 23-27 Jahren. Wenn ich dann mit der Auflösung der stolzen 18 Jahre rausrücke, sehe ich vielen die nächsten 10 Minuten den Schock und die Verwirrung an. Tatsächlich fülle ich mich irgendwie zu alt. Ihr werdet jetzt lächeln, aber tatsächlich kann ich mich mit bei den Abiturienten an meiner Schule kaum wiederfinden. Und die Situation dass ich als 18 Jährige als Lehrkraft vor 19 jährigen stehe ist manchmal ziemlich absurd.

Naja, nach ein paar weiteren Vorfällen und treffen waren wir bereit zur Abreise. Olivera und ich packten unsere Sachen und fuhren mit dem Taxi zum Busbahnhof. Es war der 1.Mai, ein Feiertag und wir hatten vorher extra angerufen, um uns zu vergewissern das die Busse fuhren. Wir kamen an und…. Die Busse fuhren nicht! Haha, was für eine Ironie. Olivera hatte die verrückte Idee mit dem einzigen Bus über Bosnien nach Belgrad zu fahren, was insgesamt 12-15 Stunden Fahrt geheißen hätte, wogegen ich ihr erklärt habe lieber einfach eine Nacht länger zu bleiben und am nächsten Tag in aller Ruhe zurück zu fahren. Ebenfalls gabelten wir noch Abraham aus Israel auf, der in der gleichen kläglichen Situation war wie wir. So suchten wir uns zu dritt ein Taxi. Natürlich wollten alle Taxifahrer das Dreifache am Preis, nach vier Krabbeleien, anfahren und fluchen war eine Taxifahrerin so nett uns für den Normalpreis zurück zu fahren zum „Hostel Mostel“.

Am nächsten Morgen saßen wir im Seifenoper Bus…

Ich gratuliere heute auch alle ganz herzlich zum Tag der Freiheit! 

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