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Frag doch mal in Kolumbien #1 Kindheitserinnerungen

Zusammen mit einigen meiner lieben Mitfreiwilligen, die gerade in der Welt verstreut sind, ist das Projekt Frag doch mal in… zustande gekommen. Das Konzept: ein Thema monatlich, zu dem so viele Freiwillige wie möglich in den verschiedenen Ländern eine einheimische Person befragen. Thema für den Monat März: Kindheitserinnerungen.

Die gesammelten Beiträge finden sich hier

Für mein erstes Interview durfte ich die Schulleiterin des SCALAS befragen, Clara. Sie ist seit vielen Jahren Schulleiterin und wird von Allen sehr für ihre engagierte und verständnisvolle Art geschätzt. Sie erzählt uns über ihre Kindheit mit vielen Geschwistern und über das, was sich seitdem in Bogotá verändert hat.

Unser Thema für den Monat März lautet Kindheitserinnerungen. Sie sind in Kolumbien aufgewachsen. Was sind Ihre lebhaftesten Erinnerungen an die Kindheit?

Ich wurde in Bogotá geboren, vor 59 Jahren. Erinnerungen an meine Kindheit habe ich viele. Zuallererst, dass wir in einem großen, großen Haus wohnten mit einem Garten. Riesig groß, wir waren schließlich 10 Kinder. Also kann man sich sicher vorstellen, dass ich mich noch sehr gut an das Gefühl erinnere, immer von meinen Geschwistern umgeben zu sein. Von den Älteren wie von den Jüngeren. Ich war altersmäßig ungefähr in der Mitte. Ich erinnere mich genau daran, wie wir im Garten spielten, Kinderspiele, die man heutzutage fast gar nicht mehr sieht. Kinderlieder, Fangen, mit Puppen spielen, erwachsen spielen.

Wir sahen die Hausarbeiten, die unsere Mutter machte, und bauten es in unsere Spiele ein. Früh aufstehen, den Plan für den Tag schon im Kopf, Wäsche waschen, bügeln, kochen, putzen, zum Markt gehen, den Ehemann und die Kinder versorgen. Unter den Geschwistern mussten wir uns viel teilen, auch die Hausarbeit, weil meine Mutter das alleine mit 10 Kindern natürlich nicht schaffen konnte. Wir Mädchen haben ihr damals viel geholfen.

Ich erinnere mich, dass mein Vater immer sehr böse war. Er kommt aus einer Region von Kolumbien namens Santander. Die Menschen von dort haben den Ruf, sehr temperamentvoll zu sein. Heute weiß ich, dass mein Vater also gar nicht wirklich böse war. Es war einfach seine Art, zu reden. Weil man in Santander nun mal so spricht. Heute habe ich sogar ein paar dieser Muster übernommen. Ich rede streng, ich rede kräftig. Meine Tochter hat mich einmal gefragt: “Mama, schimpfst du gerade mit mir?” Ich meinte “Aber nein, ich spreche einfach nur laut.” Aber so muss man als Lehrerin auch reden, fest, klar und etwas lauter, um die Aufmerksamkeit der Schüler zu erhalten.

Besonders schöne Erinnerungen habe ich an meine Geburtstage und an Weihnachten. Wir freuten uns jedes Jahr wieder schon lange vorher schon auf diesen Tag und konnten es gar nicht erwarten. Es war der Tag, an dem wir alles, komplett alles, neu bekamen. Socken, Schuhe, Kleider. Das gab es so wirklich nur an diesem Tag, weil wir eben so viele Kinder waren. Mein Vater hatte nicht die finanziellen Mittel, um uns jedes Mal, wenn wir etwas brauchten, das auch zu kaufen. Wir mussten also alles so lange benutzen bis es ausgedient hatte, weil die wirtschaftliche Situation nicht einfach war. Trotzdem sind wir alle zur Schule gegangen, haben gelernt und unseren Abschluss gemacht.

Was hat Ihr Vater beruflich gemacht?

Mein Vater war selbstständig. Er hat hier in Bogotá mit einheimischen Produkten gehandelt. Er hatte sein eigenes Auto, fuhr durch die Gegend und betrieb so eben seinen Handel. Meine Mutter war die ganze Zeit zu Hause. Wir hatten dieses Muster: die Mutter blieb zu Hause, der Vater ging zur Arbeit. Ein Muster, das wir Töchter alle aufgebrochen haben. Wir sind zur Universität gegangen und haben später beides gemacht: Arbeit draußen und Arbeit zu Hause.

Und wie hat sich Bogotá seit dieser Zeit verändert?

Das Klima hat sich verändert. In meiner Kindheit war das Wetter so. Zeigt nach draußen auf grauen Himmel und Nieselregen. Ja, momentan ist es zwar auch kalt, aber damals war es wirklich immer so. Die Leute gingen nur mit Hut und Regenschirm aus dem Haus. Stück für Stück hat sich seitdem das Wetter immer mehr gewandelt, besonders die Temperatur. Heute haben wir in Bogotá auch wirklich warme Tage.

Noch etwas hat sich in Bogotá verändert: die Lebensqualität. Mit der Menge an Transport und Menschen, die sich durch die Stadt bewegen, ist es wirklich sehr kompliziert geworden, auszugehen und zu genießen. Auf eine Stadt zu treffen, die freundlich ist. Nach Bogotá kommen viele Leute aus allen möglichen Teilen des Landes. Bogotá ist die Stadt von Allen und die Stadt von Niemandem. Deswegen sieht man viele schmutzige Straßen, verwahrloste Parks, die Leute kümmern sich nicht.

Bogotá ist jetzt eine der 10 Städte mit dem schlechtesten Transportsystem. Leider sind wir sogar auf Platz 6. Es ist sehr einfach geworden, ein Auto zu kaufen, immer mehr Leute haben eins oder sogar zwei, um Pico y Placa zu vermeiden (System, das abwechselnd Autos mit gerader bzw. ungerader Endziffer des Nummernschildes Fahrverbot während der Hauptverkehrszeiten auferlegt). Die Luftverschmutzung ist sehr hoch, der Verkehr und die Staus sind enorm. Die Distanzen sind größer geworden, nicht von der Strecke her, aber von der Zeit, die man für sie braucht. Ich laufe deswegen fast nur. Die einzige Strecke, die ich mit dem Auto fahre, ist von meinem Haus bis hierher, zur Schule, und wieder zurück. Ansonsten gehe ich, wohin ich auch gehen muss, immer zu Fuß.

Die Unsicherheit hat auch sehr stark zugenommen. Früher, erinnere ich mich, konnte man in aller Ruhe auf die Straße gehen, ohne jegliches Bedenken, ohne Furcht. Heute fühle ich mich nicht sicher, wenn ich rausgehe und schaue mich nach allen Seiten um, ob jemand sich mir nähert. Ich habe Angst, wenn es jemand tut. Dieses Gefühl der Unsicherheit hat Folgen: wir sind weniger sensibel für die Schmerzen und Sorgen unserer Mitmenschen geworden. Wir fragen uns ständig: stimmt das wirklich, was mir der Andere gerade erzählt? Oder ist es gelogen? Macht er das wirklich? Oder will er mich berauben? Deswegen verändert man seine Reaktion auf die Dinge, die man in der Straße sieht.

In der Schule beobachte ich, dass sich bei den Kindern eins verändert hat: die Spiele. Heute klebt ein Kind an seinem Handy oder Videospiel. Das macht sie sehr impulsiv, sie sind intoleranter und ungeduldig, weil sie alles immer sofort wollen. Außerdem macht es sie auch introvertierter. Die gleichen Videospiele und Fernsehsendungen haben auch viel Aggressivität provoziert. Viele Kinder glauben, die Welt wäre wie ihr Videospiel. Die Muster, die ihnen dort gezeigt werden, vom Kämpfen, von der Gewalt, die übernehmen sie manchmal leider.

Natürlich sind die Kinder heute auch viel aufgeweckter. Ich würde sogar sagen, intelligenter, weil sie ganz andere Mittel haben, um ihre Intelligenz zu entwickeln. Die Kinder seit 2000 sind  privilegierter, weil ihre Eltern gebildet sind. Es sind Eltern mit einer anderen Mentalität. Eltern, die ihren Kindern sagen: du willst etwas lernen? Dann musst du das und das machen. Eltern, die versuchen ihre Kinder ständig zu fördern. Zu meiner Zeit war das vielleicht weniger so, weil ein Großteil der Mütter und Väter selbst nicht über Bildung verfügten. Heute ist es anders und daher ist vielen Eltern klar, dass eine gute Bildung eine wichtige Rolle spielt. Die Technologie ist damit auch verknüpft. Die Eltern bieten ihren Kindern alle möglichen technologischen Mittel an, um verschiedenste Denkprozesse zu fördern. Was einerseits gut ist, bringt andererseits auch wieder Probleme mit sich. Generationen sind natürlich immer anders. Früher hat man mehr Kinderlieder gesungen, zusammen mit anderen Kindern gespielt. Mir scheint, dass heute die menschliche Interaktion deutlich weniger ist.

 

Schulgeschichten

Donnerstagmorgen, kurz vor halb sieben. Zum ersten Mal seit ein paar Tagen komme ich endlich mal wieder pünktlich in der Schule an. Ich werde von den zwei Securityguards am Schultor mit “Buenos dias, Profe”  begrüßt (der Titel stimmt zwar nicht ganz) und schiebe dann mein liebstes Fahrrad vorbei an der Vorschule über den Schulhof der Primaria, der Grundschule. HOOOLA JUULA und sogar ein “Guten Morgen, Jule!” wird mir aus lachenden, energiegeladenen Kindergesichtern zugerufen. Nachdem ich mein Fahrrad hinter dem Haus abgestellt habe, kommt ein Mädchen aus der dritten Klasse zu mir gelaufen und erzählt mir ganz aufgeregt, dass sie eine Tante in Deutschland hat, die bald ein Baby bekommt. Ein Junge zeigt mir seine neue Errungenschaft, ein Tieraufkleber. Morgendliche Begeisterungsströme und viel zu gute Laune, die immer wieder ansteckt.

Später haben alle Deutschlehrer eine Konferenz, zu der ich ganz unauffällig einfach mal nicht gehe. Zeit, mir einen Tee aus dem Lehrerzimmer zu holen und endlich mal ein Bisschen über die liebe Schule und das, was ich hier so tue wenn der Tag lang ist, Bericht zu erstatten.
Die Tage können so vielseitig sein wie die Schüler selbst. Das fängt schon bei der Altersspanne an, von 4 bis 18 ist alles dabei.

Die 4 Stunden Vorschule, bei der ich jede Woche helfe, haben sich mittlerweile zu einem persönlichen Wochenhighlight entwickelt. Inclusive der Sing- und Malaktivitäten. Allein schon wegen des regelmäßigen Gruppenkuschelkreises, der sich um einen bildet, sobald man den Raum betritt. So viele Liebe auf einem (Menschen)Haufen.

Ansonsten reichen meine Aufgaben von Unterrichtsvor- und -nachbereitung bis hin zu aktiveren Parts. Nicht selten teilen wir eine Klasse in 2 Gruppen, eine bleibt beim Lehrer, die andere kommt mit mir. Dann quäle ich sie zum Beispiel damit, wie man denn nun jetzt ein Ö ausspricht oder mit Perfektformen in Songtexten von Annenmaykantereit. Und halbe Klassen sind einfach das Beste! Aber auch in ganzen kann man sich nützlich machen, indem man rumläuft, hilft wo Hilfe nötig ist, lebendiges Wörterbuch spielt und Fragenkataloge beantwortet. Deutsche Sprache, schwere Sprache, aber zu schwer zum Glück nicht.

Und es ist echt eine Erfahrung, als Muttersprachlerin seine eigene Sprache nochmal neu lernen zu können, denn mit mancher von Schülerin oder Schüler gestellter Grammatikfrage muss ich mich nach wie vor an ein wissendes Internet oder einen wissenden Deutschlehrer wenden. Fragen nach einem Warum sind die unmöglichsten zu beantworten.

Der Deutschraum, den wir hier in der Schule haben, ist ein echter Schatz, danke Goethe Institut! Beamer, Computer, Minideutschbibliothek und viele viele Materialien machen kreativere und einfach interessantere Unterrichtsgestaltung echt mehr als möglich. Und über meine 4 Lieblingsdeutschlehrer kann ich mich auch alles andere als beschweren sondern hätte mir wahrscheinlich keine sympathischeren Kandidaten zum Unterstützen wünschen können. Und auch keine mit besserem Musikgeschmack. 😉 Die Stimmung im Deutschraum ist eigentlich immer grundentspannt, irgendein Lied läuft immer und irgendein Witz wird immer gemacht. Die liebsten Grüße an Euch, solltet ihr hier landen!

Das Centro Educativo Scalas ist außerdem definitiv ein Ort, an dem es an Abwechslung nie mangelt. Mal spielen die Lehrer *innen ein Fußballturnier auf dem Sportplatz in der Mittagspause, mal kommen alle Schüler*innen zu Halloween verkleidet und es gibt einen großen Tanz oder es wird der Geburtstag der Vorsitzenden mit Torte und Geburtstagsliedsgesang des kleinen Chors gefeiert. Das Kolumbien eines der Länder mit den meisten Feiertagen der Welt ist, merkt man in der Schule nicht nur an den vielen freien Montagen sondern auch am Schulleben selbst.

Und: ein freundlichereres und grüneres Schulgelände könnte ich mir kaum vorstellen!

Auf der Wiese spielen die Vorschulkinder gerade Fangen mit dem Sportlehrer. Ich sitze an meinem Computerplatz und habe den besten Blick auf das Geschehen. Bogotasonnenstrahlen erhellen den Deutschraum durch die großen Fenster. Die Lehrerversammlung ist zu Ende.“Jule, kommst du gleich mit zu 801? Ein paar Schülerinnen und Schüler müssen noch ihre Dialoge mit den Modalverben vorspielen.” Mit dem größten Vergnügen.

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A thursday morning, half past six. For the first time in a couple of days I finally manage to get to school in time. The two security guards welcome me with a „Buenos dias, Profe“ (although the title doesn’t quite fit). I continue making my may with my bike, passing by the preschool and continuing across the courtyard of the Primaria, the elemantary school.  HOOOLA JUULA and even a “Guten Morgen, Jule!” is what I get to hear of the laughing faces of children, loaded with energy. After I’ve put my bike behind the house, a girl from third grade comes running towards me and tells we with a bunch of excitement that her aunt in Germany is going to have a baby soon. A boy shows me his new acquirement: an animal sticker. All in all, just the usual loads of enthusiasm and so much happiness that it´s truly contagious.

Later in the day, all German teachers have to attend a conference. I prefer to subtly avoid going. Instead, I use the time to get me a cup of tea from the staff room and finally get to writing down a little about the dearest school and what I’m actually doing here all day.

The days can be as diverse as the students themselves are. Already when looking at the different ages united in the school it becomes quite obvious: from 4 to 18 years of age, everything is represented.

The 4 hours of preschool during which I help out and support the teachers have grown to be one of my personal highlights every week, including the singing and drawing activities. The huge group hug that is formed around you in the very second you enter the classroom is just the greatest. So much love!

Besides, my responsibilities reach from preparation and checking quizes to more active parts. Quite often, we split a class up into two groups. One then stays with the teacher, while I take the other with me. Then I annoy them with the correct pronounciation of the German Ö or with past tenses in the lyrics of currently popular German bands. It is pretty fun to be honest, and working with half a class is just the best! But also in an undivided class there’s many ways of being useful by helping out where help is needed, being a walking dictionary or answering the whole catalog of questions that sometimes arises. Because yes, German is a difficult language to learn, but fortunately not impossible, neither.

It really is an experience how I’m seemingly learning my own native tongue all other again. Many of the questions, especially concerning grammar, I still have to forward to the knowing internet or a knowing German teacher. The questions asking for a why are the most impossible to answer.

The classroom only for the German classes that we have here in the school really is a treasure. Thanks Goethe institute! Projector, computers, a little library with German books and loads and loads of material really enable the teachers as well as me to create class concepts that are more creative and simply more interesting. My four favorite German teachers are the most likeable and kind persons ever and I could not have wished for better ones to be supporting. Neither ones with a better taste of music. 😉 The atmosphere in the German room is just totally relaxed, there’s always some song being played and some joke being made.

Additionally, the Centro Educativo Scalas definitely is a place where special happenings never are missing. Teachers playing a soccer match during lunch break, dress up day for the whole entire school and a big dance for halloween or a birthday celebration for the president of the school with lots of fancy cake and a birthday song by the small choir the school has are just a few options of what could be going on. Colombia being one of the countries with the most nacional holidays doesn’t only mean that we get a lot of 3 day weekends but also that they trigger fun activities during school days.

And: school grounds that appear more friendly and more green are very hard to imagine!

On the grass the kids from preschool right now are playing tag with the sport’s teacher. From my workplace I have the best of views of what’s going on. Bogota sun beams are lighting up the German room through the big windows. The teacher´s conference is over. „Jule, do you want to come along to 801? Some students still have to present their dialogues with the modal verbs.“ Of course, I’d love to.

 

11923200 Sekunden später

Oder 138 Tage. Oder 4 Monate und 16 Tage.

Ja, so weit ist es nun also schon. Seit viereinhalb Monaten lebe ich jetzt schon in Kolumbien vor mich hin. Über 3000 Stunden, und kaum eine von ihnen nicht glücklich. 🙂

Und während es für ein paar kulturweit-Freiwillige in ein paar Wochen schon Abschied nehmen heißt vom inzwischen nicht mehr neuen Land, kam mir in den Sinn, dass es vielleicht immer noch nicht zu spät ist, die Pflege dieses Blogs zur Gewohnheit zu machen. Mal sehen, wie es klappt.

Aber wo anfangen, nach 138 Tagen? Wahrscheinlich bräuchte ich ungefähr 138 Blogeinträge mit 11923200 Worten um alles, was mir an Eindrücken von Tag eins an in meinem Kopf herumspukt, zu beschreiben. Deshalb mache ich es mir, zugegeben, einfach mal einfach: ich fange heute an, genau im Jetzt und Hier. Eine Momentaufnahme.

Vom Haus gegenüber tönen kolumbianische Cumbias, träge, dröhnende Bässe, dennoch tanzbar, spanische Zeilen über Liebe und Herzschmerz, Gute-Laune-Musik der typischen Art. Sie mischen sich mit Hundegebell vom Nachbardach und den Stimmen der 5 Männer, die gerade vor dem Nachbarhaus stehen oder im offenen Auto sitzen, um sich zu unterhalten und das zu beobachten, was auf der Straße eben so passieren könnte. Der Blick vom Hausdach meiner Gastfamilie gefällt mir immer wieder, besonders an einem sonnigen Samstagnachmittag wie dem heute. 

Mein Dach hat sich mittlerweile dank Yoga-Matte und dem guten Wetter der letzten Wochen (hiermit nehme ich offiziel den Dauerregen-Kommentar aus Eintrag Nummer eins zurück!) zu einem Lieblingsplatz entwickelt, und generell gefällt mir das Viertel, indem ich lebe, nach wie vor so gut wie am ersten Tag. Auch wenn alles nicht mehr ganz so spannend, ganz so neu zu erforschen ist. Seine Lebendigkeit hat es absolut behalten. Tagsüber vergeht kaum eine Minute ohne Musik in den Straßen, ohne spielende Kinder in den Parks, ohne Menschen, die sich begegnen und ein paar Momente verweilen, um sich gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen. Mein Lieblingsobstladen, 20 Sekunden von meiner Haustür entfernt, überzeugt mich noch wie am ersten Tag mit seinen Schätzen. Mit Fruchtsorten, die sich innerhalb der ersten Wochen von teils unbekannt zu heiß geliebt entwickelt haben- von Feijoas, Lulos und Guayabanas, die meines Achtens in Deutschland überhaupt nicht zu finden sind, bis hin zu den besten Mangos, Bananen und Papayas. Und erst die Avocados! Dennoch, die Papaya ist und bleibt die Frucht meines Jahres hier. Denn niemand hat besser als sie meinen Prozess des Einlebens hier begleitet und veranschaulicht- von der ersten Begegnung mit ihr auf meinem Frühstücksteller am ersten Morgen an. Da war mir ihr Geschmack noch ungewohnt und sogar unangenehm und verursachte verzweifelt angestrengtes Überlegen, wie ich sie unauffällig verschwinden lassen kann, ohne unhöflich zu sein. Heute kaufe ich mir mit der größten Ess-Vorfreude meine Lieblingssorte in ebem erwähnten Lieblingsobstladen. Der überzeugt auch dank seines stets freundlichen Obstverkäufers, der mich jedes Mal mit strahlendem Lächeln und einem interessierten „Como estas?“ begrüßt und dem schönen „Que te vaya bien!“ verabschiedet. Generell ist eins klar: so viele freundlich lachende Gesichter wie in Kolumbien habe ich wohl in noch keinem Land gesehen. 

Zeitreise von ein paar Stunden: Nach Aufstehen und gemeinsamem Samstagsfrühstück bestehend aus Rührei, Envueltos de Mazorca (im Maisblatt gekochter Maisbrei) und der obligatorischen heißen Schokolade mit meiner Gastmutter, 30-jährigen Gastbruder und seiner kleinen Tochter, beschließe ich, endlich mal wieder eine Runde um den Teich zu laufen. Der Teich hier heißt humedal und ist 5 Minuten entfernt. Er ist groß, von Grün und einem super Fahrradweg umgeben, ungefähr ebenso vermüllt wie von Enten bewohnt und die optimale Laufstrecke. Meine persönliche Distanz kann ich mittlerweile schon von einer auf zwei Runden steigern. Danke Körper, dass du dich an 2600 Höheneter und äquatoriale Mittagssonne irgendwie doch gewöhnt hast. Ich bin nicht allein unterwegs, Hundeausführer, Fahrradfahrer, Spaziergänger, Kinderwagenschieber bevölkern den Weg. Mir kommt ein Typ im gelben Kolumbientriko entgegen, vielleicht Anfang zwanzig. Auch er dreht joggend seine Runde ums bewachsene Gewässer. Als wir uns auf der gegenüberliegenden Seite zum zweiten Mal begegnen, lächelt er mich an, Daumen nach oben. Ich lächle zurück. Gegenseitige Läufer-Motivation, die sich auch bei Begegnung 3 und 4 forsetzt. Gefällt mir.

Ein paar Minuten später laufe ich an 3 weiteren jungen Männern vorbei. Einer sieht mich, tippt seinen Kumpel an, alle drei drehen sich nochmal gemeinsam um, alles andere Unauffällig. Eine exemplarische Situation. Dass Aussehen, besonders Haarfarbe, Fremd-Sein so offenbaren kann habe ich am eigenen Leibe so richtig erst in Kolumbien gelernt. Ich höre ihre Kommentare dank der Musik in meinen Ohren nicht, kann mir ihren Inhalt trotzdem relativ genau vorstellen. Blond ist hier im Viertel kaum jemand. Ich falle auf, deshalb sind Bemerkungen- überwiegend von männlicher Seite- und Blicke- von so gut wie jeder- mittlerweile schon gewohnt geworden. Nervig? Manchmal, aber schlimm zum Glück nicht wirklich, und ich muss keine 10 Minuten warten, um erneut vom netten Läufer im Kolumbientriko daran erinnert zu werden, dass selbst die flüchtigsten Begegnungen von gänzlich unterschiedlicher Natur sein können. 

Weiter geht die Runde, vorbei an zahlreichen vendedores ambulantes, Straßenverkäufer. Ein Mann hat seinen Jeep neben der Straße geparkt, seinen bunten Sonnenschirm über der mit Kartoffeln übersäten Ladefläche aufgespannt und wartet neben seiner Riesen-Waage nun auf Kundschaft. Neben ihm haben ein paar Frauen auf dem Boden Tücher ausgebreitet und verkaufen nun alles, was das kolumbianische Herz begehrt: Saftmixer (der darf hier nämlich wirklich in keinem Haushalt fehlen), Spielzeug, alte Bücher. Am nächsten Stand könnte ich beim Verkäufer bestimmt 500 Mandarinen auf einmal von seinem Wägelchen erwerben, hätte ich das Bedürfnis und das Geld. Sie liegen hochgestapelt, hängen sogar an Fäden gebunden vom Dach des Wagens herab, der Platz wird optimal ausgenutzt. Nur eins überrascht mich heute: es fehlen die Lautsprecheransagen, die lautstark die Produkte anpreisen. Vielleicht gönnen sie uns gerade mal eine Pause für die Ohren. Schon morgen früh, da bin ich mir sicher, wird wieder ein anderer Verkäufer vor meiner Haustür seine Runde drehen und ein dröhnendes „Mazamoooora, Arroz con leche, Mazamooooora“ (Milchreis bzw. Milchmais, der hier mindestens genauso beliebt ist) bis hinein in mein Zimmer schallen. Ein bisschen freue ich mich schon darauf.