Bogota in Bewegung #2: Zweimal Fahrrad

Fahrrad fahren in Bogotá

Für meinen Schulweg bin ich weder auf normalen Bus noch auf TransMilenio angewiesen. Voller Freude über diese entspannte Unabhängigkeit schiebe ich jeden Morgen wieder um kurz nach sechs mein kleines blaues Fahrrad aus der Haustür heraus auf die noch kaum belebte Straße. Es geht direkt los, ohne langwierige Wartezeit an einer Haltestelle auf einen Bus, der entweder wirklich überhaupt keinen festen Fahrplan hat oder einen, der nirgendwo ersichtlich ist und auch gern mal missachtet wird.

Meine tägliche Fahrradroutine teile ich mit vielen anderen Bogotanos. Uns vereinen nicht nur die gemeinsam genutzten Fahrradwege, von denen es in Bogotá wirklich eine beeindruckende Menge gibt, sondern auch gewisse Muster im Fahrverhalten. Die üblichen Hindernisse werden geschickt umfahren oder unschädlich gemacht: durch die große Pfütze mit voller Geschwindigkeit durch, rechtzeitig die Füße von den Pedalen hochgenommen und schon bleibt man trockenen Fußes. Manche Fahrradampeln müssen nicht immer unbedingt grün sein, damit man es unbeschadet über die Straße schaffen kann. Man lernt hier außerdem schnell alle offenstehenden Möglichkeiten des Überholens, um sein eigenes Vorankommen nicht von langsameren Radlern einschränken zu lassen. Links kann überholt werden, klar, denn die Fahrradwege sind eigentlich fast immer zweispurig. Aber gegen rechts ist eigentlich auch nichts einzuwenden, und links geht das Überholmanöver im Notfall auch mal dreispurig. Ein jeder fahre, so schnell er kann, und so sicher wie nötig.
Doch Achtung ist geboten: denn nicht selten würde man mit einer riskanten Aktion nicht nur sich selbst und eine weitere Person auf dem anderen Fahrrad gefährden, sondern gleich 2 oder 3. Denn Fahrräder können durchaus auch als Transportmittel für (fast) die ganze Familie gleichzeitig dienen. Auf meinem Weg zur Schule begegne ich fast jeden Tag Müttern und Vätern, die ihr Kind so zur Schule bringen. Das Kind sitzt dafür entweder auf dem Gepäckträger, die oft auch schon mit aufgebautem Sitz daherkommen, oder vorne auf dem Rahmen.

Manchmal begegnet man auch einer ganz speziellen Dreierkombination: der Vater auf dem Sattel, in die Pedale tretend, mit einer Hand am Lenker, die Mutter seitlich auf der Stange sitzend und das Kind noch oben drauf, entweder auf dem Schoß der Mutter sitzend oder tatsächlich stehend auf dem Rahmen. In letzterem Fall wird es dann noch vom Vater mit einer Hand festgehalten, und der Lenker mit Bremse bekommt nur noch die andere Hand ab. So riskant wie es klingt, ist es auch.

Zum Glück kann ich aber mindestens ebenso viele Kinder beobachten, die stolz schon auf ihrem eigenen kleinen Fahrrad mit Stützrädern durch die Gegend brausen, gefolgt von einem radelnden Elternteil.

 

Die Ciclovía

Wenn jemand allerdings Bogotas größte Vielfalt an Fahrrädern und ihren verschiedensten Fahrern erleben will, dann lautet die richtige Adresse Ciclovia. Bogotá ist international bekannt als absolute Fahrradstadt, insbesondere für eben genau diese geniale Intiative, die schon seit 1976 das sonn- und feiertägliche Stadtleben prägt. Viele große Hauptverkehrsstraßen werden an diesen Tagen von 7 Uhr morgens bis 2 Uhr mittags für Autos gesperrt und in die Hände von Radlern, Skatern und Läufern gelegt.

Es ist Sonntagmorgen und ich bin zu einem Matineekonzert einiger Cellofreundinnen in die Universidad Javeriana eingeladen. Die Sonne erhellt den Himmel und ich mache mich mit großer Vorfreude auf den Weg, denn dieser wird mich nach 10 Minuten Fahrradweg danach für 40 Minuten über zwei paradiesisch breite Fahrradstraßen der Ciclovía führen. Ich bin bei Weitem nicht die einzige, je näher ich dem Stadtzentrum komme, desto mehr und mehr Menschen begeben sich in die abgesperrte Hauptstraße. Zu voll wird es trotzdem nicht, ein Gefühl von Gemeinschaft und Volksfeststimmung entsteht hingegen schon. Für Viele ist die Ciclovía Tradition fast schon ein fester Bestandteil der Wochenroutine. Es ist die perfekte Mischung aus Vorankommen und Fahrvergnügen, aus Sport und Genießen.

Mein Weg führt mich an offiziellen Ciclovía-Ständen vorbei, die hungrigen Radlern Früchte, Säfte und Snacks anbieten. Gleich daneben ein kleines Zelt mit Fahrradservice, damit selbst ein platter Reifen die Weiterfahrt nicht lange verhindert. Fast 20 Minuten fahre ich, ohne einer einzigen Ampel zu begegnen. Das nenne ich freie Fahrt.

Nebenbei habe ich Zeit, um mein Umfeld genau unter die Lupe zu nehmen. Es ist eine bunte Mischung. Fahrräder in allen Farben, allen Formen, allen Preisklassen. Rennfahrer mit professionellen Rennrädern und passendem Outfit. Jungs, die auf Fahrrädern ohne Gangschaltung aber mit viel Energie durch die Gegend strampeln. Familien, deren jüngstes Kind gerade erst Fahrrad fahren lernt, während die älteren die Eltern schon abhängen. Ein Typ, der ohne Hemd auf einem grell türkisgrünen Fahrrad an mir vorbeifährt. Eine Gruppe Mädchen mit Inline Skates. Ein Pärchen, das am Rand mit Hund spazieren geht. Auf dem Seitenstreifen wird ein Junge nach einem Sturz von einem Sanitäter verarztet. Die Ciclovía-Sanitäter benutzen ebenfalls das obligatorische Fortbewegungsmittel und treten kräftig in die Pedale, um dorthin zu kommen, wo sie gebraucht werden. Die nach langer Zeit erste Ampel  wird rot, als ich mich ihr nähere. Zusammen mit 20 anderen Personen warten wir hinter einem Absperrband, dass von einem Ciclovía-Helfer vorsorglich bei jedem Rot hochgehalten wird. So kommen alle sicher selbst über die gefährlichste Kreuzung. Danach geht es weiter, durch das Stadtzentrum hindurch, vorbei am Nationalmuseum, an den Glaspalästen der Banken, an kleinen und großen Häusern, bis direkt vor das Eingangstor der Universität. Ein echter Fahrradfahr-Luxus, von dem sich viele europäische Großstädte ruhig inspirieren lassen könnten.

Noch während ich mein Fahrrad auf dem Campus anschließe, freue ich mich schon wieder auf die Rückfahrt und darauf, noch mehr verschiedenste Menschen auf der Ciclovía zu beobachten.

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